Übernahme-Wissen: So lesen Sie Kursreaktionen und was die Breakup fee bedeutet

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Brookfield und GIC übernehmen G&W. Der Übernahme-Sensor erklärt Ihnen anhand des Deals, wie Sie Kursreaktionen lesen und was es mit der breakup fee auf sich hat. (Foto: NicoEINino / shutterstock.com)

Die Managements der kanadischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Brookfield Asset Management und des Staatsfonds GIC aus Singapur gaben gestern bekannt, dass Sie mit der US-amerikanischen Eisenbahngesellschaft Genesee & Wyomimg Inc. (G&W) eine Übernahmevereinbarung unterzeichnet haben.

Die beiden Bieter haben sich bereiterklärt, G&W für insgesamt rund 8,4 Mrd. USD (7,4 Mrd. Euro) einschließlich Schulden zu erwerben. Pro Aktie sind Brookfield und GIC bereit, 112 USD in bar zu zahlen.

Ein stolzes Angebot mit einer Übernahmeprämie von 39,5% auf den nicht beeinflussten Aktienkurs von 80,28 US-Dollar am 8. März 2019, dem Tag vor der ersten Medienspekulation einer potenziellen Transaktion. Nach Abschluss der Übernahme, der für Ende 2019 bzw. Anfang 2020 terminiert ist, sollen G&W-Papiere von der Börse genommen werden.

Wie Kursreaktionen im Übernahme-Fall zu lesen sind

Nach Bekanntgabe des Milliarden-Deals machte der Kurs der G&W-Papiere einen Freudensprung und stieg um +8.7% auf 108,85 USD. Die geringe Lücke zum Angebotspreis (112 USD) zeigt Ihnen, dass der Markt einen reibungslosen Deal erwartet.

Als Faustformel gilt: Je größer der Abstand zwischen Börsenkurs und Angebotspreis, desto unsicherer ist der Deal – trotz Übernahme-Vereinbarung. Notiert die Aktie mehr als 15% unter dem Angebotspreis, dann ist der Deal stark gefährdet. Liegt der Aktienkurs jedoch über dem Angebotspreis, bedeutet dies, dass der Markt eine Gegenofferte oder eine Nachbesserung der bestehenden Offerte erwartet.

Auch die Aktie von Brookfield Infrastructure Partners stieg um +1.3% auf 43,32 USD. Häufig verliert die Aktie des Bieters nach Übernahme-Ankündigung, da Geld aus der Kasse fließt, die Verschuldung und das Risiko steigen. Zudem kann es manchmal mehrere Jahre dauern, bis sich ein Deal rechnet, sodass kurzfristig orientierte Investoren aussteigen. Wenn – wie in diesem Fall – die Aktie des Bieters zulegt, dann geht der Markt von einem schnellen Mehrwert durch die Übernahme aus.

Aktien von Unternehmen, die bereits mehrere Übernahmen erfolgreich gemeistert haben, steigen ebenfalls oft nach einer Deal-Ankündigung. Aktien von Unternehmen, die zum ersten Mal am Übernahme-Rad drehen oder nur eine durchwachsene Übernahme-Bilanz vorweisen können, verlieren dagegen.

Anders als die Kursreaktion der Aktie des Übernahme-Kandidaten, lässt sich aus der Kursreaktion der Bieter-Aktie jedoch keine Faustformel ableiten. Jeder Deal ist anders und geschieht aus verschiedenen Bieter-Positionen heraus (Zustand des bestehenden Geschäfts, Konkurrenzsituation, Strategie, Synergien, Übernahme-Preis, Bilanz).

Oft werden daher Übernahmen, die über dem marktüblichen Preismultiplikator liegen, schnell als zu teuer tituliert – im Nachhinein erweisen sich allerdings viele dieser Übernahmen als wertsteigernd für das Unternehmen und die Aktionäre.

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Investmentgesellschaften bauen ihr bestehendes Portfolio aus

Zurück zur G&W-Übernahme: Durch den Zukauf erweitern Brookfield und GIC ihr bestehendes Eisenbahn-Portfolio durch Eisenbahnunternehmen in Nordamerika, Europa und Australien. Dazu gehören auch das britische Gütertransportunternehmen Freightliner mit seinen polnischen und deutschen Töchtern.

“Dies ist eine seltene Gelegenheit, ein großes Verkehrsinfrastrukturgeschäft in Nordamerika zu erwerben”, so Sam Pollock, Chief Executive Officer von Brookfield Infrastructure. “G&W wird unsere globale Schienenplattform wesentlich ergänzen und unsere Präsenz in diesem Bereich auf vier Kontinente ausweiten.”

Auch Ang Eng Seng, CIO für Infrastruktur bei GIC, zeigte sich über den Deal erfreut: “Als langfristiger Investor ist GIC zuversichtlich, dass G&W aufgrund seiner diversifizierten Geschäftstätigkeit und Kundenbasis weiterhin eine stabile Profitabilität erzielen wird.“

Das bedeutet die breakup fee

Brookfield Infrastructure Partners und GIC haben bereits Kreditzusagen in Höhe von USD 3,15 Mrd. für die Übernahme von G&W erhalten. Die restlichen benötigten Mittel kommen aus der vorhandenen Liquidität der beteiligten Investmentgesellschaften.

Für den Fall, dass die Übernahmevereinbarung aufgekündigt wird, wurde eine breakup fee (Vertragsstrafe bei Deal-Abbruch) in der Übernahmevereinbarung festgeschrieben: Wenn Brookfield und GIC das Geschäft beenden, wird eine Auflösungsgebühr in Höhe von 388 Mio. USD fällig. Storniert G&W die Übernahmevereinbarung, muss die Eisenbahngesellschaft 194 Mio. USD an Brookfield und GIC abdrücken.

Die hier festgeschriebene Summe ist für die Deal-Größe üblich. Der eigentliche Sinn der breakup fee ist, dass die Kosten zur Erreichung der Übernahme (Anwälte, Investmentbanker, andere Berater) im Falle eines Deal-Abbruchs wieder hereingeholt werden.

Es gibt allerdings auch Übernahmen mit sehr hoher Breakup fee oder mit gar keiner. Wenn zum Beispiel der Bieter der Ansicht ist, dass sein Angebot so stark ist, dass es keinen gibt, der die Offerte toppt, räumt er dem Übernahme-Kandidaten eine „go shop“ Klausel ein. Das Unternehmen kann dann für einen bestimmten Zeitraum frei nach einer besseren Offerte suchen. Entscheidet sich der Übernahme-Kandidat für eine andere Offerte, muss er keine Strafe zahlen.

Liegt die Breakup fee sehr hoch, dann will der Bieter den Übernahme-Kandidaten möglichst eng an sich binden. Eine Konkurrenzofferte ist dann unwahrscheinlicher, da sie nicht nur höher sein muss, sondern auch die höhere breakup fee umfassen muss.


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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.