Übernahmegespräche bestätigt: London Stock Exchange will Refinitiv übernehmen

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In unsicheren Brexit-Zeiten will sich die Londoner Börse LSE breiter aufstellen. Sie bestätigte am vergangenen Samstag aufkommende Gerüchte, nach denen sie mit dem Finanzdienstleistungsanbieter Refinitiv Übernahmegespräche aufgenommen hat. (Foto: spatulatail / shutterstock.com)

Schon länger brodelte die Gerüchteküche um eine mögliche Übernahme des Londoner Finanzdienstleisters Refinitiv Holdings Ltd. Bereits im April hatte die Deutsche Börse AG Übernahmeverhandlungen für einige Teilbereiche der Refinitiv-Holding bestätigt, die jetzt allerdings ein jähes Ende fanden.

Die London Stock Exchange Group plc (LSE) vermasselte der Frankfurter Konkurrenz das Geschäft indem sie am vergangenen Samstag bekannt gab, Refinitiv in Gänze für 27 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen. Kurz danach gab die Deutsche Börse in einer Ad-hoc-Mitteilung bekannt, dass der Vorstand nicht mehr von einem erfolgreichen Abschluss der Gespräche zu einem möglichen Erwerb von FX-Geschäftsbereichen ausginge.

Finanzierung mittels All-Share-Deal

Der jetzt von LSE bestätigte Angebotspreis von 27 Mrd. USD ist sehr großzügig ausgefallen. Denn erst vor einem Jahr, als ein Konsortium um den US-Investor Blackstone eine 55-prozentige Mehrheitsbeteiligung am Refinitiv-Geschäft von Thomson Reuters erwarb, war das Unternehmen noch mit 20 Mrd. US-Dollar bewertet worden.

LSE gab am Samstag auch bekannt, dass der mögliche Deal komplett durch Ausgabe neuer Aktien finanziert werden soll. Bei einer aktuellen Nettoverschuldung von Refinitiv i.H.v. rund 12,5 Mrd. USD müsste LSE somit neue Aktien im Wert von 14,5 Mrd. USD emittieren.

Die Transaktion würde laut LSE dazu führen, dass die bisherigen Refinitiv-Eigentümer – das Blackstone-Konsortium und Thomson Reuters – zusammen einen Anteil von rund 37% an der zusammengelegten Gesellschaft und weniger als 30% der gesamten Stimmrechte der LSE-Gruppe halten.

Thomson Reuters-, Blackstone- und LSE-Aktien auf Rekordniveau

Nachdem sich die Gerüchte um das LSE-Angebot am Freitag verdichtet hatten, erreichte die Thomson-Reuters-Aktie ein Rekordhoch: Bis zum freitäglichen Börsenschluss in Toronto stiegen sie um +4,34% auf 92,74 CAD.

Der Kurs der Blackstone-Aktie bewegte sich an der New Yorker Börse jedoch nur wenig. Zum freitäglichen Börsenschluss lag er bei 49,27 USD, was ein leichtes Minus von -0,4% bedeutete. Am Vortag hatten die Blackstone-Papiere allerdings einen langjährigen Rekordwert von 49,75 USD erreicht.

Auch der LSE-Kurs verzeichnete im heutigen Börsenverlauf ein sattes Plus von fast +16% auf 65,78 GBP. Damit stiegen auch die LSE-Papiere auf ein langjähriges Rekordniveau.

Investoren honorieren Übernahmeabsichten

Insgesamt begrüßt der Markt offensichtlich die großzügig angelegte Kaufofferte aus London. Schließlich bietet LSE +35% mehr, als Refinitiv noch vor einem Jahr wert war. Hinzu kommt auch, dass LSE bereit ist, die enorme Schuldenlast von Refinitiv zu übernehmen.

Auf der anderen Seite honorieren die Investoren auch die Initiative der LSE. Denn durch die geplante Übernahme will sich die LSE in unsicheren Brexit-Zeiten international breiter aufstellen und dadurch ihre Zukunft auch nach einem Austritt Großbritanniens aus der EU absichern.

LSE will ein Angebotsportfolio ausweiten

Durch die Übernahme von Refinitiv will der Börsenbetreiber LSE sein Angebotsspektrum im Bereich des Informationsdienstleistungsgeschäfts deutlich ausbauen: „Das fusionierte Unternehmen würde einen führenden Anbieter von Infrastruktur für den globalen Finanzmarkt mit Hauptsitz in Großbritannien schaffen, der über bedeutende Multi-Asset-Kapitalmarktfähigkeiten, ein führendes Daten- und Analysegeschäft und ein breites Post-Trade-Angebot verfügt und für zukünftiges Wachstum in einer sich entwickelnden Landschaft gut positioniert ist“, so die LSE in einer Presseerklärung.

Zusammen wären LSE und Refinitiv der nach Umsatz größte börsennotierte globale Infrastrukturanbieter für Finanzmärkte mit einem Gesamtjahresumsatz von über 6 Mrd. GBP im Jahr 2018 und wären gut positioniert, um mittelfristig ein attraktives Umsatzwachstum zu erzielen. Darüber hinaus geht LSE davon aus, dass jährliche Betriebskostensynergien von mehr als 350 Mio. GBP in den fünf Jahren nach Abschluss der Transaktion möglich wären.

Übernahme ist noch lange nicht in trockenen Tüchern

Laut Insider-Angaben würde die Mega-Übernahme umfangreiche kartellrechtliche Untersuchungen der Aufsichtsbehörden in den USA und Europa auslösen. Diese könnten bis zu 18 Monaten dauern, so die Insider. Eine formelle Ankündigung des Übernahmedeals könnte am 1. August erfolgen, wenn die LSE Halbjahresergebnisse veröffentlicht werden.

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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Der gewiefte Börsen-Profi Jens Gravenkötter verdankt seinen Erfolg nicht zuletzt seinem Wissen aus seiner Ausbildung zum Bankkaufmann und seinem Studium der Volkswirtschafslehre.