Übernahmen: Von schlechten Erfahrungen lernen

Die Übernahme-Medaille hat oft zwei Seiten. Schauen wir in die Vergangenheit und lernen aus unseren Fehlern. (Foto: NicoEINino / shutterstock.com)

Für die gestiegenen Aktienkurse sind die vielen Übernahmen mit verantwortlich.

Das haben wir Ihnen an dieser Stelle mehrmals geschrieben.

Die Börsenhausse und das Übernahmefieber sind Zwillinge, heißt es nicht umsonst. Doch mittlerweile macht einen das sich rasch drehende Fusionskarussel fast schon schwindlig. Und man fragt sich: Gehen irgendwann die Fusionskandidaten aus, weil alle schon übernommen worden sind und wie lange kann die Party noch gehen?

Immer weiter Übernahmen?

Im Prinzip gilt es noch viel umzusortieren sowie ab- und aufzuspalten. Indessen werden die Objekte größer, siehe ABN Amro Bank, die kanadische Telefongesellschaft BCE, die Hilton Hotelgruppe und Alcan Aluminium, für die Rio Tinto 38,1 Mrd. Dollar zahlen will.

Die Dimensionen sind inzwischen gewaltig. Allerdings wächst mancherorts der Widerstand, weil den “Räubern” oft nur das schnelle Geld wichtig ist und nicht das übernommene Unternehmen. Insofern könnte das Fusionskarussell bald doch an Fahrt verlieren.

Im Mai und Juni ist das Volumen schon leicht zurückgegangen und zwar wegen den etwas schwierigeren Kreditbedingungen. Außerdem wurde die Private Equity-Branche von den Rating-Agenturen wegen ihrer vielen kreditfinanzierten Übernahmen scharf aufs Korn genommen.

Allein in Europa sind der Branche voriges Jahr 112 Mrd. Euro von Seiten diverser Investoren wie Pensionskassen und Vermögensverwaltern zugeflossen, ein neuer Rekord. Und die Rendite auf das eingesetzte Geld war prächtig: Satte 36,1% hat Branchenverband EVCA kürzlich bekannt gegeben.

Das Prinzip ist einfach: Mit dem Geld kaufen die Private-Equity-Gesellschaften Unternehmen auf. Diese restrukturieren sie und verkaufen sie dann mit Gewinn weiter, oft über Platzierungen an der Börse (die sich hinterher für die privaten Anleger meist als zu teuer herausstellen). Die hohen Renditen jedenfalls ziehen neues Geld an wie das Licht die Motten.

Geld spielt bei Fusionen keine Rolle

Bislang spielt Geld keine Rolle: Die weltweite Fusionswelle im ersten Halbjahr 2007 hat erneut einen Rekord erreicht. Laut Thomson Financial ist das Volumen gegenüber Vorjahr um 62% auf 2,7 Billionen Dollar gestiegen. Und der April dieses Jahres war mit 641 Mrd. Dollar der bislang aktivste Monat im Geschäft mit den Mergers&Akquisitions.

Die Private-Equity-Branche war für ein Viertel der Transaktionen verantwortlich. Den großen Rest besorgten die Investmentbanken, die sich dabei goldene Nasen verdienen.

Morgan Stanley und Goldman Sachs sind mit satten1,33 Mrd. Dollar Gebühren die erfolgreichsten Berater. Auf Platz sechs und sieben stehen die Credit Suisse und die UBS, die immerhin noch 820,5 und 801,3 Mio. Dollar eingenommen haben.

Übernahmegeschäft steht vor Veränderung

Zunächst geht die große Party weiter. Mit Sicherheit aber befindet sich das Übernahmegeschäft in einem reifen Stadium. Der Börsengang der bekannten Private Equity-Gesellschaft Blackstone Ende Juni war zunächst ein Erfolg. Die Platzierung (zu 35 Dollar) war mehrfach überzeichnet und der erste Kurs über 40 Dollar.

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Wenige Tage später notierte das Star-Papier aber schon unter 30 Dollar. Was man davon halten soll? Ganz einfach: Die Aussichten der Branche werden zunehmend skeptischer gesehen.

Auch KKR, eine der ältesten Adressen im Gewerbe, hat seinen IPO angekündigt (Initial Public Offering = Neuemission). Meines Erachtens wissen die Geldkonzerne genau, dass die Party nicht mehr lange gut geht.

Gefahren zeichnen sich ab

Der Kreislauf funktioniert seit Jahren blendend. Doch mit zunehmender Dauer des Booms wird es schwieriger, unter den Unternehmen weitere “Trüffel” zu finden. Die Gefahr: Das viele Geld kauft Unternehmen “minderer Qualität”, sodass die Renditen irgendwann sinken. Und dann ist es mit der geldigen Herrlichkeit und dem Übernahmefieber vorbei.

Irgendwie erinnert mich der ganze Übernahme- und Private Equity-Hype aus irgendwelchen Gründen an die Stimmung, die vor dem Ende der New Economy den Ton angab.

Skepsis gegenüber östlichen Investoren

Unter Beobachtung seitens der westlichen Regierungen stehen übrigens die riesigen staatlichen Beteiligungsfonds von Ländern aus dem Nahen, Mittleren und Fernen Osten sowie aus Russland, die auf ein Vermögen von 2.500 Mrd. Dollar kommen und sich an westlichen Unternehmen beteiligen. Der vergleichsweise kultivierte Westen möchte aber nicht übernommen werden.

Von schlechten Erfahrungen lernen

Und auch das ändert sich. Mittlerweile konkurrieren strategische Investoren direkt mit, wenn sich in einer Branche etwas tut. Das heißt aber nicht, dass sie auch gewinnen.

Übernahmen kommen wieder in Mode

Der Trend zeigt aber: Nach Jahren der Konsolidierung schreiben nun wieder mehr Aktiengesellschaften das Wort “Expansion” auf ihre Fahnen. Mit Übernahmen verfolgen sie häufig das Ziel, sich in eine lukrative Region einzukaufen, siehe Unicredit.

Übernahmen können aber auch schlicht dazu gut sein, die Eigenständigkeit zu sichern – wie etwa im Fall der europäischen Flugzeugbauer (EADS).

Andere Gesellschaften wiederum versuchen durch eine Übernahme schneller zu wachsen, weil sie an Grenzen gestoßen sind, die sie aus eigener Kraft nicht überwinden können.

Errinerungen an Fusion-Flops

Natürlich geistern in vielen Köpfen noch immer die schlechten Erfahrungen herum, die während der Börsenhausse bis zur Jahrtausendwende mit Firmenfusionen gemacht wurden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass sich viele Übernahmen einige Jahre später als Flops entpuppten. Unter den Schuldenlasten der Käufer habe ich als Aktionär selbst jahrelang gestöhnt. Und angesichts des derzeitigen Übernahmebooms warnt auch jetzt wieder so mancher M & A-Experte vor Fehleinkäufen.

Besonders anfällig für enttäuschte Erwartungen scheint mir die Finanzbranche zu sein, da Bankmanager nach meinen Erkenntnissen oft zu leichtfertig handeln. Ein Geldinstitut kann man eben nicht so einfach “überfallen” wie Unternehmen aus der Industrie, wenn man nicht die fragilen Beziehungen zwischen Beratern und Kunden aufs Spiel setzen will.


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.