Übernahmepoker: Traton einigt sich mit US-Lastwagenhersteller Navistar

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Ein langer Übernahmepoker hat ein gütiges Ende gefunden: Die VW-Nutzfahrzeugtochter Traton einigt sich mit dem US-Mitbewerber Navistar. (Foto: tom - Adobe Stock)

Vielleicht haben Sie es ja schon in den Medien mitbekommen: Die VW-Nutzfahrzeugsparte Traton SE (SE steht für Societas Europaea bzw. Europäische Aktiengesellschaft) hat sich mit dem US-amerikanischen Lkw-Hersteller Navistar International Corp. auf eine Übernahmeregelung geeinigt. Wenn noch einige offene Punkte geklärt werden können, zahlt Traton etwa 3,7 Mrd. US-Dollar für die Übernahme des US-Mitbewerbers.

Nach einem monatelangen Übernahmepoker, in dem sich insbesondere die Navistar-Großaktionäre Carl Icahn und Mark Rachesky gegen die Übernahme durch Traton ausgesprochen hatten, konnten sich Traton und Navistar jetzt auf eine grundsätzliche Einigung verständigen.

Langwierige Übernahmeverhandlungen

Die in München ansässige Traton SE und die in Lisle/Illinois beheimatete Navistar Corporation kooperieren bereits seit 2016 in einer strategischen Allianz. Die damals noch unter dem Namen Volkswagen Truck & Bus GmbH firmierende Traton erwarb im September 2016 einen Aktienanteil von 16,6% an Navistar.

Mit dieser Transaktion sicherte sich die Volkswagen Truck & Bus GmbH, zu der die Marken MAN, Scania und Volkswagen Caminhões e Ônibus gehören, den Zugang zum wichtigen nordamerikanischen Markt, in dem die VW-Gruppe bis dato noch nicht vertreten war. Die Zusammenarbeit beider Unternehmen konzentrierte sich zunächst auf die Entwicklung neuer Antriebstechnologien.

Erstes Übernahmeangebot im Januar

Am 30. Januar 2020 gab die Traton SE bekannt, dass sie den Navistar-Aktionären ein Angebot für den Erwerb sämtlicher ausstehender Navistar Stammaktien für 35,00 USD pro Aktie unterbreitet habe. Diese Offerte beinhaltete eine solide Übernahmeprämie von 45% auf den Schlusskurs der Navistar-Papiere vom 29. Januar 2020 und von 19% auf den 90-Tages-volumengewichteten Durchschnittskurs von 29,40 USD.

Durch das gemeinsame Vorgehen könne das neue Unternehmen die „Herausforderungen neuer Regulierungen und sich dynamisch entwickelnder Technologien in den Bereichen Konnektivität, Antrieb und autonomes Fahren“ besser begegnen, so Traton in einer Pressemitteilung. Ferner begründeten die Münchener ihr Angebot damit, dass durch den Zusammenschluss ein führendes Unternehmen mit globaler Reichweite und komplementären Fähigkeiten geschaffen werden könne.

Traton erhöht Angebot

Allerdings kam das von Traton unterbreitete Angebot vor allem bei den Navistar-Großaktionären nicht gut an. Insbesondere der Star-Investor Carl Icahn und der von Mark Rachesky geführte Hedgefonds MHR wollten mehr Geld für ihre Anteile.

Am 10. September 2020 reagierte Traton, indem es sein Angebot deutlich aufstockte. Die Münchener boten den Navistar-Aktionären jetzt 43,00 anstatt 35,00 USD. Doch trotz der Nachbesserung ließen sich die Großaktionäre nicht auf das neue Angebot ein.

Ultimatum führt zum gewünschten Ergebnis

Mitte der letzten Woche hatte Traton genug von den langwierigen Verhandlungen und setzte eine Frist für sein Übernahmeangebot. In einem offenen Brief teilten die Münchener den Aktionären mit, dass das nachgebesserte Angebot am Freitag, 16. Oktober, um 18 Uhr Mitteleuropäischer Zeit auslaufen würde.

An diesem Freitag ging es dann Schlag auf Schlag: Troy A. Clarke, Präsident und CEO von Navistar, hatte in einem Brief an die Traton-Geschäftsführung am Freitagmorgen mitgeteilt, dass jetzt auch die zwei Großaktionäre der Übernahme zustimmen würden. Voraussetzung dafür sei aber, dass das Angebot noch einmal um 1,50 USD auf nun 44,50 USD angehoben werde.

Auf diesen Kompromissvorschlag reagierte die Traton-Geschäftsführung prompt: Die Münchener akzeptierten die vorgeschlagene Erhöhung ihres Angebots und nahmen die für Freitag gesetzte Annahmefrist zurück.

„Wir sind erfreut darüber, nach intensiven Verhandlungen mit Navistar eine grundsätzliche Einigung über eine Transaktion erzielt zu haben. Wir freuen uns darauf, unsere Due Diligence abzuschließen und die notwendigen Genehmigungen für diese spannende Transaktion zu erhalten, um das neue Mitglied der Traton-Familie willkommen zu heißen”, so Matthias Gründler, Vorstandsvorsitzender der Traton SE in einer Presseerklärung.

Einigung unter Vorbehalt

Die Münchener machten in ihrer Mitteilung auch deutlich, dass noch einige Voraussetzungen erfüllt werden müssen, bevor eine Übernahmevereinbarung unterschrieben werden kann. So stehe die grundsätzliche Einigung unter dem Vorbehalt eines für Traton zufriedenstellenden Abschlusses der Due Diligence-Prüfung (Analyse der wirtschaftlichen, rechtlichen, steuerlichen und finanziellen Verhältnisse von Navistar), der Einigung über den Abschluss des Verschmelzungsvertrages und der zugehörigen Transaktionsdokumente.

Darüber hinaus müsse die Transaktion noch durch die Vorstände und Aufsichtsräte von Traton sowie der Volkswagen AG genehmigt werden. Auch der Vorstand bzw. Board of Directors von Navistar sowie die Aktionärsversammlung des US-Unternehmens müsse dem Deal noch zustimmen.

Investoren sind zufrieden

Auch die Anleger zeigten sich mit dem Kompromiss zufrieden: So stieg der Kurs der Traton-Aktie am Freitag um stolze +22,87% an und lag bei Börsenschluss mit 43,52 USD nur leicht unterhalb des von Traton gebotenen Preises. Es spricht also viel dafür, dass die Investoren jetzt mit einer problemlosen Abwicklung des Deals rechnen.

Der Kurs der Traton-Papiere konnte am Freitag um +1,62% leicht zu legen. Die Aktie lag bei Börsenschluss bei 18,02 Euro. Auch die Traton-Investoren begrüßen also die nach dem langen Hin und Her erreichte grundsätzliche Einigung zwischen Navistar und Traton.

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Tobias Schöneich
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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