Überraschungs-Coup von HP: SAP ist plötzlich ein Übernahme-Kandidat

An den internationalen Aktienmärkten kam es heute zu einer Kurs-Rally. Zu Handelsbeginn noch abwartend, geriet der DAX am Nachmittag – nach guten Konjunktur-Meldungen aus den USA – in den Sog der Wall Street und schloss mit 6.215 Punkten um 1,3% über dem Vortagesniveau. Auch für den Goldpreis geht es weiter bergauf. Mit 1.340 Dollar je Feinunze wurde das nächste Allzeit-Hoch erreicht. Wichtige Unternehmensmeldungen blieben aus, so dass einmal mehr SAP in das Zentrum der Gerüchteküche rücken konnte. Denn: Mit der Berufung von Leo Apotheker zum neuen Hewlett-Packard-Chef werden die Übernahme-Gerüchte um SAP lauter.

Apotheker wird neuer HP-Chef

Leo Apotheker hatte bei SAP im Februar den Rücktritt von der Konzernspitze erklärt, nachdem ein Angebot zur Verlängerung seines Vertrages ausgeblieben war (ein indirekter Rauswurf). Apotheker ist zwar offiziell freiwillig gegangen, trotzdem ist bekannt, dass der Manager nicht nur Freunde bei SAP hatte. Der überraschende Wechsel an die Spitze von Hewlett-Packard (HP) löst daher auch in der SAP-Zentrale ein mittelgroßes Erdbeben aus.

Mit der Aussage: „Software ist der Klebstoff, damit bei HP alles zusammenpasst.“, bereitet der einstige SAP-Chef viel Spielraum für Spekulationen. Will Apotheker sich vielleicht an dem einstigen Arbeitgeber rächen, indem er gleich den ganzen Softwarekonzern kauft? Geld und Expansionswillen hat HP genug.

HP verliert nach Ernennung Apothekers 4 Mrd. Dollar Börsenwert

Es muss auch die Frage gestellt werden, warum sich HP ausgerechnet für Apotheker entschieden hat. Ist der Mann, der bei SAP angeblich Kunden vergrault und die erste Mitarbeiter-Entlassung der Unternehmensgeschichte zu verantworten hat, wirklich die beste Wahl? Gab es keinen besseren, der auch für 4,6 Mio. Dollar Antrittsprämie, 1,2 Mio. Jahresgehalt und Aktienpaketen an die Spitze des amerikanischen IT-Giganten gewollt hätte?

Es muss gewichtige Gründe für die Ernennung gegeben haben. Die Investoren zeigten sich auf jeden Fall erst einmal pessimistisch. Nach Bekanntgabe der Personalentscheidung verlor HP 4 Mrd. Dollar an Börsenwert. Ein „Herzlich Willkommen“ sieht an der Börse anders aus, muss aber nicht mit den Fähigkeiten Apothekers zusammenhängen. Vielleicht „befürchten“ die ersten Anleger schon eine (zu) teure Übernahme von SAP.

SAP kann Angebotslücke bei HP schließen

Welche Gründe auch immer bei der Ernennung eine Rolle gespielt haben, die künftige Entwicklung wird zeigen, ob die Entscheidung richtig war und ob Interesse an SAP besteht. Apotheker jedenfalls hat die erste Chance, Übernahme-Gerüchte zu zerstreuen, nicht nur ausgelassen, sondern angefeuert.

Sicherlich wäre ein Zusammenschluss mit SAP für HP reizvoll. Die Unternehmen in der IT-Branche entwickeln sich immer mehr zu Komplett-Anbietern und hier fehlt HP noch die geeignete Software als Verbindungs-Element. Mit SAP würde ein großer Spieler der Software-Branche in den HP-Konzern eingegliedert, der die Wettbewerbs-Position stärkt und die Angebots-Lücke bei HP schließen würde.

Konkurrenten könnten den ersten Schritt machen

Selbst wenn HP nicht direkt zuschlägt (HP sollte zunächst die jüngsten Zukäufe in den Konzern integrieren), könnte die Eigenständigkeit von SAP bald Geschichte sein. Denn: Finanzkräftige Software- und IT-Konzerne wie IBM und Microsoft müssen nach der Ernennung von Apotheker zum HP-Chef mit einem Zusammenschluss von SAP und HP rechnen.

Die Konkurrenten haben jedoch kein Interesse daran, dass HP durch Zukäufe immer größer und stärker wird. Daher ist es durchaus möglich, dass IBM oder Microsoft den ersten Schritt wagen und den SAP-Aktionären ein Übernahmeangebot präsentieren.

Für die SAP-Aktionäre wäre das ein großer Zahltag, für die deutsche Wirtschaft aber ein Rückschritt, wenn der größte heimische Softwarehersteller seine Eigenständigkeit verliert.

5. Oktober 2010

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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