Überschuldung privater Haushalte in der EU steigt weiter an

Die Bank of England kritisiert die weiter steigende Verschuldung privater Haushalte im Euroland. Für Banken bestünden anhaltende Risiken.

Fortschritte beim Abbau der privaten Schulden bestätigt die Bank of England Familien in Amerika und Großbritannien. Diese hätten dank außerordentlich niedriger Zinsen ihre Verbindlichkeiten als Anteil am verfügbaren Einkommen reduziert.

Kritik an europäischen Familien

Doch die britische Notenbank unter dem frisch zum Ritter geschlagenen Gouverneur Mervyn King schimpft die Europäer in der Eurozone. Niedrige nominale Einkommenszuwächse sowie stagnierende Immobilienmärkte hätten verhindert, dass wie in den USA und Großbritannien die Schulden verringert werden.

Schwache Immobilienmärkte

Unsere Grafik zeigt deutlich, wie die Schuldenkurve in der Eurozone weiter ansteigt. Weil den Immobilienmärkten in Großbritannien, Irland, Spanien und den USA für 2011 fallende Preise prognostiziert seien, würden die Sicherheiten der Banken für die vergebenen Hypotheken nicht zunehmen, eher abnehmen. Das bedeute anhaltende Risiken für die Banken.

Beispiel USA: Der IWF schätzt, dass selbst bei einer Bodenbildung und Stabilisierung der Häuserpreise in den USA mehr als 5% der Hypotheken, die bis Mitte 2010 noch problemlos zurückbezahlt wurden, ausfallen könnten.

Konsumwunder in Deutschland kreditfinanziert

Auch in Deutschland gibt es trotz guter Konjunkturdaten große finanzielle Probleme in den Privathaushalten.Wenn es nach einer neuen Statistik der Volks- und Raiffeisenbanken geht, haben die Deutschen 2011 im Durchschnitt mehr Verbindlichkeiten als in den Jahren zuvor. Das deutsche Konsumwunder enttarnt sich selbst – kreditfinanziert. Diese Zahlen passen jedoch nicht zu sonstigen Daten, die uns aus den Vorjahren vorliegen. Der Vergleich ist interessant.So genehmigten Banken 2009 und 2010 weniger Kredite als zuvor. Darunter litten besonders Selbstständige und Freiberufler, die ihre Investitionen kaum noch finanzieren konnten. Achtung: auch die Selbstständigen und Freiberufler haben jedoch mehr Verbindlichkeiten, so die Volksbanken.

Entscheidend: das Nettovermögen

Alleine von 2009 bis 2010 stiegen die Schulden um 0,3% auf 1,54 Billionen Euro, so die Bank in deren Studie. Allerdings wuchs gleichzeitig das Geldvermögen auf 4,93 Billionen Euro. Geldvermögen umfasst nicht nur Bargeld, sondern auch die Gelder auf Bankkonten.

Auch diese Zahlen passen nicht zusammen. Wer nimmt Kredite auf, um dadurch das Geldvermögen stark zu steigern? Daher verraten die Werte etwas anderes: bestimmte Haushalte haben Schulden aufgenommen, die Mehrheit dagegen legte auch in den vergangenen Jahren viel Geld zurück.

Erster Verdächtiger unter den neuen Schuldnern sind vor allem Kleinkonsumenten. Der Massenkonsum als Stütze unserer Wirtschaft stützte sich eindeutig auf Kredite. Diese fallen in Form von EC- und Kreditkarten-Krediten an. Diese Kredite werden einmal genehmigt und sind damit verfügbar. Selbstständige und Freiberufler kämpfen dagegen immer noch mit den harten Richtlinien der Banken.

18.000 Euro Schulden pro Bürger

Insgesamt haben aber alle zusammen im Durchschnitt 18.000 Euro Verbindlichkeiten. Bei einer Haushaltsgröße von 2,3 Personen sind dies knapp 40.000 Euro Verbindlichkeiten pro Haushalt. Dies entspricht in etwa dem Durchschnittseinkommen eines Jahres.

Diese Zahlen jedoch verzerren noch über den Gesamteindruck: demgegenüber stehen 2,3-mal höhere Geldvermögen. Gut 90.000 Euro haben Haushalte demnach als durchschnittliches Geldvermögen. Unter dem Strich müssten 50.000 Euro „Guthaben“ stehen.

Jetzt können Sie frei entscheiden: haben Sie ein über- oder unterdurchschnittliches Vermögen. Aber:

  • Die Zahlen berücksichtigen das Immobilienvermögen noch nicht. Rechnen Sie dies noch hinzu, müsste der durchschnittliche Haushalt deutlich mehr als 100.000 Euro Vermögen besitzen. Gut 43% aller Haushalte haben ihre selbst genutzte Immobilie.
  • Die Zahlen vergessen auch die Inflationswirkung. 0,3%-Punkte mehr Verbindlichkeiten und 5% mehr Geldvermögen wirkt auf den ersten Blick zufriedenstellend: nach Inflation jedoch wächst das Vermögen kaum.
  • Bewerten Sie daher Ihr Vermögen vor allem nach einem Kriterium: wie viel Sachvermögen haben Sie bereits angesammelt?

Die Vermögensanalyse ist interessant. Aber Sie entscheiden selbst, wie reich Sie oder Ihr Haushalt schon 2011 sind. Denn: die Statistik umfasst viel zu viel Durchschnitt. Selbstständige und Freiberufler klagen über fehlende Kredite. Haushalte hingegen konsumieren oft über Kredite. Wichtig für Sie: sammeln Sie kein Geldvermögen, sammeln Sie Sachwerte. Die Inflation kommt.

30. Juni 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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