US-Dollar: Schwach gegen jede Börsenlogik?

Warum ist der Euro stark und der USD schwach? Traditionell bestimmen Marktzins und Wirtschafts-Wachstum eine Währung. Hier mehr dazu: (Foto: everything possible / Shutterstock.com)

Gestern tagte turnusmäßig wieder einmal die amerikanische Notenbank und entschied, wie erwartet … nichts.

Obwohl die Marktteilnehmer mit einem solchen „Non-Event“ rechnen konnten, sprang der Euro gegenüber dem USD aufgrund der Verlautbarung in einer 1. Reaktion von 1,1647 auf 1,1707.

Über Nacht trieb der Handel in Asien das Währungs-Paar in der Spitze auf 1,1777 am Donnerstagmorgen.

Warum eine solche Reaktion, wenn doch letztlich nur bereits Erwartetes geschehen ist?

Warum der Euro / USD auf ein Non-Event reagiert

Sie ahnen es vermutlich schon: An der Börse müssen Sie immer wieder „um die Ecke denken“. Und so dürfte es auch hier gewesen sein:

Die Euro-Käufer standen wohl schon in Lauerstellung. Aber sie warteten zunächst noch ab, ob die US-Notenbank nicht in letzter Minute doch noch einen Pfeil aus dem Köcher zieht.

Schließlich galt die amerikanische Zentralbank bis vor 10 Jahren noch als „unberechenbar“ – aber das war einmal.

Nachdem dann von der FED (Federal Reserve Bank) tatsächlich nichts kam, legten die Euro-Käufer los.

Sie halten das Verhalten der Marktteilnehmer für ein wenig bizarr?

Bizarre Entwicklung seit Jahresanfang

Ich empfinde eher die Entwicklung von Euro / USD im bisherigen Jahresverlauf als wenig logisch:

Traditionell bewegt sich das Kapital der Großinvestoren immer in die Währung hinein, welche die bessere Zins-Rendite abwirft, und diese Käufe treiben dann die Devise nach oben.

Nach 3 Anhebungen seit Dezember 2016 liegt der Leitzins in den USA bei 1,00% – 1,25%; die Europäische Zentralbank (EZB) hält indes weiter an ihrer Nullzins-Politik fest.

Ist der Marktzins der Grund?

Nun entspricht der Leitzins nicht immer auch dem Marktzins:

Die Investoren können zeitweilig durch ihre Transaktionen auch einen abweichenden Trend herbeiführen. Liegt also hier des Rätsels Lösung?

Vergleichen wir doch einmal den Marktzins von Euro und USD. Schließlich ist es ja auch dieser Zins, den die Investoren erhalten.

Die Rendite für 10-jährige deutsche Anleihen liegt bei 0,55%. Das US-Pendant dazu wirft hingegen eine Rendite von 2,33% ab.

Das kann es also auch nicht sein.

Vielleicht liegt die Antwort ganz woanders?

Die Lösung liegt dort versteckt, wo wir bislang noch nicht gesucht haben: nämlich beim US-Dollar selbst.

Schauen wir einmal gemeinsam auf einen langfristigen Verlauf des US-Dollar-Index:

Wall Street – 2 Rendite Chancen für 2018?

Wall Street – 2 Rendite Chancen für 2018?An der Wall Street hat sich gestern nichts ereignet, denn gestern war Thanksgiving. Für viele Amerikaner ist Thanksgiving wichtiger als Weihnachten. Familien treffen sich an diesem Tag zu Hause und… › mehr lesen

Dieser Index zeigt den US-Dollar im Vergleich mit den 6 wichtigsten Währungen der Welt.

Und siehe da:

usd-index_27-07-2017

US-Dollar-Index: Seit Trumps Amtsantritt schwächelt die amerikanische Währung.

Plötzlich offenbart sich uns des Rätsels Lösung:

Der US-Dollar zeigt nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch den anderen 5 Weltleitwährungen gegenüber Schwäche – und das nicht zu knapp…!

Der gelbe Kreis zeigt Ihnen: Noch im Dezember 2016 und im Januar 2017 sah es nach einer Rallye im US-Dollar aus.

Im November, also unmittelbar nach der Wahl von Donald Trump, war der US-Dollar-Index aus einer 2-jährigen Seitwärts-Bewegung (pinkfarbene Linien) nach oben ausgebrochen.

Seit Trumps Amtsantritt bewegt sich der US-Dollar nun in die andere Richtung. Es wurden also recht massiv US-Dollar verkauft.

Fazit

Üblicherweise wird die Stärke einer Landeswährung neben der Kapitalverzinsung auch durch dessen wirtschaftliche Potenz bestimmt.

Und hier sehen wir schon seit Herbst 2016 – ich habe darauf in diversen Beiträgen hingewiesen – mit jeder neuen Quartalsberichts-Saison ein kräftiges Gewinn-Wachstum der US-Firmen.

Für das 2. Jahresviertel zeichnet sich eine Fortsetzung ab.

Das Wirtschafts-Wachstum hätte den US-Dollar also eher treiben oder zumindest stabilisieren sollen; da bleibt für mich nur eine Antwort:

Das internationale Großkapital scheint v. a. dem aktuellen US-Präsidenten zu misstrauen – nun, genügend Anlass dazu hätte Trump ihnen ja gegeben…

Der Chart des US-Dollar-Index macht Ihnen aber auch etwas anderes sichtbar: Die Abwärts-Bewegung sollte nun erst einmal zum Halten kommen.

Der US-Dollar hat nämlich inzwischen die untere Begrenzung der seit Anfang 2015 bestehenden Seitwärts-Bewegung erreicht.

In der nächsten Woche werde ich für Sie untersuchen, ob das Währungs-Paar Euro / USD meine Einschätzung zum US-Dollar Index unterstützt.

Und wir werden der Frage nachgehen, ob der US-Dollar-Exitus – vielleicht nach einer Pause –anhalten wird.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.