US-Präsidentschaftswahl: Darauf sollten Sie achten

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Wie der US-Wahlkampf die Wall Street beeinflusst. Und was dabei noch wichtig werden könnte. (Foto: Best Backgrounds / shutterstock.com)

Der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft hat seit dem TV-Duell der beiden Kandidaten vor 1 Woche nochmal so richtig beschleunigt. Und das können Sie am Kursverlauf der Wall Street ablesen.

Wir schauen heute einmal, warum Sie aus genau diesem Grunde heraus in den nächsten Wochen mit Vorsicht am US-Aktienmarkt agieren sollten. Sie werden eine Grafik zu sehen bekommen, die zugleich Fiktion und Realität an der Wall Street widerspiegelt.

Außerdem möchte ich Sie auf einen Punkt im Zusammenhang mit dem US-Wahlkampf hinweisen, den viele Investoren bislang noch gar nicht auf dem Bildschirm haben.

Wahlkampf beeinflusst die Wall Street

In meinem Börsendienst „Die Wachstumsaktien-Strategie“ schrieb ich meinen Lesern am 27. September 2020 folgende Zeilen:

„Die Anfang November anstehende US-Präsidentschaftswahl … klang in den letzten Monaten gelegentlich mal an – doch ab dem nächsten Monat wird es die Finanzmärkte gewiss weit stärker beeinflussen.“

Gesagt, getan.

Auf das TV-Duell am 29. September 2020 reagierte der S&P 500 am nächsten Tag mit einem Plus von +0,8%. Als am vergangenen Freitag die Corona-Infizierung von Trump bekannt wurde, sackte der Index um -1,0% ab.

Am Montag meldete sich der US-Präsident aus dem Krankenhaus zurück – der S&P 500 kletterte um +1,8%. Gestern twitterte Trump, dass alle Gespräche zwischen Demokraten und Republikanern um einen neuen Stimulus – also weiteres Helikoptergeld für die arbeitslosen Bürger – bis nach der US-Wahl zurückgestellt würden:

Daraufhin drehte der Leitindex nach einem Plus wieder ins Minus und schloss -1,4% tiefer.

Future-Handel und Börsensitzungen

Auch wenn es eigentlich anders sein sollte: Viele Marktteilnehmer lassen sich beim Investieren von ihrem Bauchgefühl leiten. Und dies lässt sich gut über die vorbörslichen Indikationen zum Handel steuern:

Ist die Vorbörse freundlich oder fest, überwiegt bei Sitzungsbeginn auch regelmäßig die Nachfrage. Umgekehrt gilt natürlich das Gesagte für das Angebot.

Diese Stimmung können Sie börsentäglich an den sogenannten Futures ablesen. Das sind Börsentermin-Instrumente, mit denen Investoren gehebelt auf Index-Veränderungen, beispielsweise den S&P 500 spekulieren können.

Außerhalb der Handelszeiten an der Wall Street werden diese Instrumente selbstverständlich an anderen Börsen der Welt gehandelt. Auf diese Weise kann mit relativ geringem finanziellem Aufwand die vorbörsliche Marktstimmung beeinflusst werden.

Ich habe daher einmal die Veränderungen im S&P 500 auseinandergezogen: Einerseits die Veränderungen vom letzten Schlussstand bis zum Eröffnungskurs und andererseits die Differenz vom Eröffnungskurs bis zum Schlussstand.

Die folgende Grafik zeigt Ihnen den Vergleich beider Verläufe:

S&P 500: Future-initiierte Bewegung und Tages-Veränderung

Seit Ende März, also kurz nach dem Beginn der spektakulären Wall Street-Rallye, tendiert die Future-initiierte Bewegung massiv nach oben. Mit einer kurzzeitigen Ausnahme in der zweiten Augusthälfte kam der S&P 500 im täglichen Handel indes kaum voran.

Wie diese Beeinflussung greift, zeigt insbesondere die Entwicklung Anfang des vergangenen Monats: Anfang September 2020 wurden die Futures meist deutlich nach oben gezogen, um das drohende Kippen der Stimmung zu verhindern. Doch im Handel stürzte der S&P 500 dann heftig ab.

Wer wird am 3. November 2020 neuer US-Präsident?

Die Antwort auf diese Frage könnte ganz anders ausfallen, als Sie vielleicht bislang annahmen: Denn es besteht durchaus die Gefahr, dass darauf gar keine Antwort gegeben werden kann.

Der Grund ist die Briefwahl. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie möchten bei dieser US-Wahl weit mehr Bürger nicht an der Wahlurne ihre Stimmen abgeben, sondern dies lieber schriftlich tun. Das Problem:

Dieser Weg der Abstimmung ist in den USA weit schlechter organisiert, als beispielsweise in den meisten europäischen Staaten. So besteht in einigen US-Bundesstaaten die Möglichkeit, Briefwahlunterlagen beim zuständigen Wahlamt persönlich einzureichen oder in einen dafür speziell vorgesehenen Briefwahlkasten einzuwerfen.

Das Trump-Wahlkampfteam klagte gegen die Aufstellung derartiger Briefwahlkästen im Bundesstaat Pennsylvania, weil sie Manipulation für möglich erachtet. Die Demokraten hingegen sind große Befürworter der Briefwahl.

Entscheiden am Ende die Briefwähler?

Dass die Befürchtungen der Trump-Administration nicht völlig abwegig sind, dokumentieren Aussagen in der Tageszeitung „Die Zeit“. Sie veröffentlichte dazu bereits am 9. August 2020 einen Artikel mit dem Titel „Die Briefwahl könnte alles entscheiden“. Weiter heißt es dort:

„Schon bei den Vorwahlen gab es Probleme mit der Zustellung und Auszählung der Briefwahlunterlagen. Die Postbehörde USPS warnte die Bundesstaaten, dass sie womöglich Millionen Briefwahlstimmen nicht rechtzeitig für die Auszählung werde zustellen können. …

Obwohl die Vorwahlen in beiden Staaten schon am 23. Juni stattfanden, standen die Ergebnisse in Kentucky erst in der Woche darauf, und in New York teils erst Mitte Juli fest. In zwei New Yorker Kongressbezirken waren die Ergebnisse mehr als sechs Wochen später noch immer nicht bekannt.

Der USPS verarbeitete in New York zudem offenbar tausende Briefe fehlerhaft. Auch wurden Wahlunterlagen teilweise erst einen Tag vor der Abstimmung zugestellt. Insgesamt wurden mehr als 84.000 Stimmen wegen Fehlern nicht gezählt, das war knapp ein Fünftel der per Brief abgegebenen Stimmen.“

Denkbar wäre mithin folgendes Szenario: Ein Quasi-Patt der beiden Kandidaten nach Auszählung der in den Wahlämtern abgegebenen Stimmen, wodurch es entscheidend auf die Auszählung der Briefwähler ankommt.

Fazit

Je näher der 3. November 2020 rückt, umso stärker beeinflusst der US-Präsidentschafts-Wahlkampf die Aktienmärkte. Das konnten Sie an der Wall Street-Entwicklung der letzten 7 Handelstage sehr gut nachvollziehen.

Überdies besteht schon seit Ende März eine Tendenz dazu, die Kursentwicklung am US-Aktienmarkt zu beeinflussen. Dies geschieht über die Index-Futures, wie Ihnen mein Vergleich mit dem Verlauf während der Handelssitzungen offenbart.

Beides verleiht dem US-Aktienhandel derzeit ein „Geschmäckle“, wie man in Baden-Württemberg zu sagen pflegt. Hinzu kommt die Möglichkeit, dass die Wahl noch nicht am 3. November 2020 entschieden wird.

So darf ich daran erinnern, dass es im Jahr 2000 nach der Wahl (damals George W. Bush gegen Al Gore) aufgrund juristischer Probleme bezüglich einer korrekten Stimmenauszählung im US-Bundesstaat Florida mehr als einen Monat dauerte, bis ein Ergebnis feststand.

Und noch ein Punkt: Lassen Sie sich nicht durch Wahlprognosen und Umfragen im Vorfeld beeinflussen! Vor 4 Jahren lag Hillary Clinton in praktisch allen Vorhersagen mehr oder weniger klar vorne – am Ende gewann Trump völlig überraschend.

In den Monaten zuvor hatten die Investoren genau dies als ein Horror-Szenario für die Wall Street an die Wand gemalt und für diesen Fall einen Crash prognostiziert. Tatsächlich startete der S&P 500 ab dem 7. November 2016 durch und kletterte bis Januar 2018 um fast +38%!

Diese Dinge sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn Sie derzeit über Aktien-Investments an der Wall Street nachdenken.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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