US-Rating-Agenturen: Handlanger für Wirtschaftskrieg gegen Europa?

Wenn Sie Kopf – und Bauchschmerzen haben und diese verschweigen, zusätzlich Ihrem Nachbarn noch Rückenschmerzen andichten, dann wirkt es nach außen so, als ginge es Ihnen besser als Ihrem Nachbarn.

In etwa das ist das Bild, das sich mir aufdrängt, wenn ich die serienweisen Abstufungen europäischer Staaten und Banken durch US-Rating-Agenturen sehe.

So wurde gerade eben Deutschland mit einer negativen Aussicht versehen, die einer möglichen Herabstufung vorangeht. Gleichzeitig „warnte“ die entsprechende US-Rating-Agentur Standard & Poor’s, fast alle Euro-Staaten herabzustufen.

Und nur einen Tag später, drohte Standard & Poor’s damit, den ganzen EFSF-Rettungsschirm abzustufen. Was soll dieses scheibchenweise Vorgehen? Soll so Zug um Zug der Druck auf Europa erhöht werden? Wussten die das einen Tag davor selber noch nicht?

Zur selben Zeit sind die US-Rating-Agenturen offensichtlich ziemlich blind, wenn sie das eigene Land, die USA, beurteilen. Dort wird zwar auch mit einer Abstufung der Kreditwürdigkeit gedroht, aber längst nicht so massiv und plakativ wie in Europa.

US-Rating-Agenturen: Pleiten, Pech und Pannen

Am besten würden die US-Rating-Agenturen mal sich selbst kritisch bewerten. Sie waren es doch, die vor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008/2009 Ramschpapiere (Hypotheken) mit Bestnoten bewertet hatten. Nicht zuletzt damit haben sie zum Immobiliencrash und der folgenden Finanzkrise aktiv beigetragen.

Es war auch Standard & Poor’s, die die US-Bank Lehman Brothers noch als kreditwürdig bewertete, als deren Pleite schon unabwendbar war. Viele Anleger haben nicht zuletzt durch diese fatale Fehleinschätzung viel Geld verloren. Bemerkenswert: Deutschland, zahlungsfähig, wird herabgestuft. Eine US-Bank, pleite, wird als solvent bezeichnet.

Und es war wieder die US-Rating-Agentur Standard & Poor’s, die am 10.11.2011 „aus Versehen“ eine Herabstufung der Bonität Frankreichs zu früh oder falsch veröffentlichte.

Auch bei der Herabstufung der USA kam es zu einem Rechenfehler. Und der Name der US-Rating-Agentur? Keine Überraschung: Standard & Poor’s.

Auch die Veröffentlichung der Herabstufung Deutschlands war nicht ohne Geschmäckle, wie der Schwabe sagt. Sie erfolgte nach Börsenschluss in Europa aber noch zu Handelszeiten in den USA. US-Anleger konnten also reagieren, europäische nicht. An Zufall glaube ich nicht.

US-Rating-Agenturen: Vergleich USA zu Italien

Warum „hauen“ die US-Rating-Agenturen z.B. auf Italien drauf und weniger auf die USA? Ein Vergleich:

Die USA haben ein Defizit von über 10%, Italien vergleichsweise bescheidene knappe 5%. Italien hat sich großenteils im eigenen Land verschuldet und erwartet also keinen Druck von außen. Die USA haben ihre Schulden weltweit verteilt, große Anteile halten Japan und China.

Entsprechender Druck auf die USA wird bereits auf diplomatische Art ausgeübt. So haben chinesische Rating-Agenturen die Bonität der USA herabgestuft.

US-Rating-Agenturen: Sind die doof?

Provokative Frage: Sind die Mitarbeiter der US-Rating-Agenturen doof? Klare Antwort: Das sind die mit Sicherheit nicht. Wenn die also nicht doof sind, was bezwecken die dann?

US-Rating-Agenturen: Nicht doof, aber gefährlich!

In meinem Kommentar „ Rating-Agenturen: Die Seuche unserer Zeit“ habe ich aufgezeigt, dass Rating-Agenturen nicht unabhängig sind. Schauen wir uns vor dem Hintergrund doch mal einen „Nebeneffekt“ der Herabstufung europäischer Staaten an:

Die Zinsen der Staaten für Neuverschuldungen steigen. Gleichzeitig bleiben aber die Zinsen für die Banken, die sich Kapital über die Notenbanken (Fed in den USA und EZB in Europa) besorgen und dieses an die Staaten verleihen, gleich. Also erhöht sich die Zinsspanne zugunsten der Banken.

Diese Woche habe ich dazu geschrieben: „Wie wäre es, wenn die EZB den Staaten das Geld direkt für 1% leiht? Denn: Die Banken sind an der Stelle nur Mitesser, also Pickel oder Schmarotzer.“ („ Banken wichtiger als Staaten? – Da stimmt was nicht!“)

Nun – das passiert nicht. Im Gegenteil, die Umverteilung des Geldes in die Rachen der Banken wird beschleunigt, denn die Zinsspanne öffnet sich.

US-Rating-Agenturen sorgen für Umverteilung von unten nach oben

Oben habe ich gesagt: „Schauen wir uns vor dem Hintergrund doch mal einen „Nebeneffekt“ der Herabstufung an.“ Ich frage: Ist das vielleicht garnicht der Nebeneffekt, sondern der gewollte Haupteffekt?

Damit wären die Rating-Agenturen (beziehungsweise deren Mitarbeiter) nicht doof, aber weit schlimmer: gefährlich. Sie führen einen Wirtschaftskrieg gegen europäische Staaten. Der Staat sind wir, Sie und ich.

Also geht der Wirtschaftskrieg gegen uns. Denn wenn die Staaten höhere Zinsen an die Banken zahlen, werden die Steuern und Abgaben erhöht und das Geld wandert aus unserem Geldbeutel über den Umweg von Steuern in den gierigen Rachen der Banken.

US-Rating-Agenturen sind also gefährlich, weil Sie uns das Geld aus der Tasche ziehen und es ihren Freunden und Eigentümern, den Banken zuspielen. Und diese fressen und fressen und fressen – bis sie hoffentlich platzen.

Abschließend ein Satz zu meinem und Ihrem Kundenbetreuer in der Sparkasse oder Bank vor Ort: Diese/n meine ich nie, wenn ich das Geschäftsgebaren der Banken kritisiere. Denn die Kundenbetreuer sitzen nicht an den Schalthebeln der Macht.

Zum guten Schluss: Am 07.12.43 v. Chr., also heute vor 2.054 Jahren, wurde Marcus Tullius Cicero, der römische Konsul, Politiker, Anwalt, Schriftsteller, Philosoph und berühmte Redner, ermordet. Er sagte:

„Zum Reichtum führen viele Wege. Und die meisten sind schmutzig.“

Nicht ganz unpassend, zu meinen letzten drei Kommentaren: Oben stehend, der heutige sowie der von gestern „ Banken: Profit wichtiger als Menschenrechte“ und vorgestern „ Banken wichtiger als Staaten? – Da stimmt was nicht!“

Ich wünsche Ihnen (trotzdem) eine schöne Adventszeit

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

7. Dezember 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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