US-Renditen: Entscheidend ist auf’m Platz

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Die steigenden Renditen waren nicht der erwartete Auslöser für die Aktienmarkt-Korrektur. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Es ist gerade einmal 7 Wochen her, da waren die gestiegenen US-Zinsen ein großes Thema für den Aktienmarkt: Befürchtet wurde, dass das Rendite-Niveau zur attraktiven Konkurrenz für die Dividendenpapiere werden könnte.

Nun. Inzwischen hat die Wall Street tatsächlich eine kräftige Korrektur in Gang gesetzt. Allerdings waren die Zinsen nicht der Auslöser dafür.

Vielmehr sind es die Sorgen vor einer deftigen „Entschleunigung“ bei den seit gut 2 Jahren stark gewachsenen US-Unternehmensgewinnen, die den Aktienmarkt unter Druck bringen.

Was mir wieder einmal zeigt, dass Sie die täglichen Marktkommentare getrost ignorieren können. Wie sagte es einst der Fußballtrainer Alfred „Adi“ Preißler so treffend: „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist auf’m Platz.“

Übertragen auf die Börse heißt das: Vergessen Sie die wilden Markteinschätzungen, die Ihnen in den Marktkommentaren feilgeboten werden.

Schauen Sie stattdessen besser auf die Signale, die Ihnen die Finanzmärkte liefern. Von dort erhalten Sie als charttechnisch Interessierte(r) alle Informationen, die Sie benötigen.

Und genau das tun wir diesmal mit den US-Renditen.

Teenager verlernen das Sparen

Junge Menschen, die heute im Teenager-Alter sind, kennen es gar nicht anders: Sie sind in einem Umfeld von Niedrig- bis Nullzinsen aufgewachsen.

Mir tut diese Generation leid: Sie hat nie kennengelernt, dass sich Geldsparen auch lohnen kann. Und sie wird es – meiner Ansicht nach – auch so schnell nicht erleben. Doch wir schweifen ab.

In Reaktion auf die Finanzkrise 2007/08 hatten die Notenbanken die Leitzinsen in Rekordzeit zu Fall gebracht: Die US-Zentralbank FED (Federal Reserve Bank) schleuste die Fed Funds Rate in nur 15 Monaten bis Ende 2008 von 5,25% auf 0% bis 0,25%.

Im Dezember 2015 erhöhte die amerikanische Notenbank erstmals wieder moderat den Leitzins: Die anschließenden 0,25%-Trippelschritte führten die Fed Funds Rate auf den aktuellen Stand von 2,0% bis 2,25%.

Das ist indes noch immer weit von dem Zinsniveau entfernt, dass in Hoch- bzw. Normalzinszeiten als gefährlich für Aktien angesehen wurde: 6%.

Für den besseren Überblick

Schauen wir uns nun einmal gemeinsam an, wie sich die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen in den vergangenen Monaten entwickelt hat.

Wegen des besseren Überblicks über die langfristigen Tendenzen habe ich mich für einen Monats-Chart entschieden. Zusätzlich habe ich meinen Favoriten für langfristige Trends eingeblendet: Den Relative Stärke Index (RSI).

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Dieser Indikator gibt Ihnen Aufschluss über die Trend-Intensität eines Marktes. Ich selbst nutze den RSI auf eine für Technische Analysten eher unkonventionelle Weise:

Da dieser Indikator ebenfalls zur Ausbildung von Trends sowie Widerstands- und Unterstützungs-Niveaus neigt, generieren Trendlinien exzellente Kauf- und Verkaufssignale.

US-Staatsanleihen: Die Trendwende zeichnet sich ab

Die Trendwende zeichnet sich ab

Das Fazit meiner letzten Analyse vom 10. Oktober dieses Jahres lautete:

„Die US-Renditen mögen durchaus noch ein wenig steigen – doch nur noch marginal. Denn dann werden sie vom langfristigen Abwärtstrend ausgebremst!“

Exakt das finden Sie in dem oben gezeigten Chart bestätigt: Mit aktuell 3,07% notiert die Rendite für die 10-jährigen US-Staatsanleihen sogar unter der Handelsspanne vom Oktober (3,08% bis 3,15%).

Und im 14-Monats-Relative Stärke Index zeichnet sich nun die von mir vermutete Trendwende nach unten ab:

Das orangefarbene Rechteck zeigt Ihnen eine massive Widerstands-Zone, die von der Rendite im zurückliegenden Vierteljahrhundert ausgebildet wurde. Sie können es selbst im Chart anhand der violetten Bögen nachvollziehen:

Auf jeden Vorstoß des Indikators in diesen Bereich folgte ein kräftiger Renditeabbau! Aktuell „knabbert“ der RSI darüber hinaus an dem im Jahr 2016 etablierten Aufwärtstrend.

Fazit

Ob das dem Aktienmarkt auf die Beine hilft, fragen Sie? Wohl eher nicht. Ich halte die Entwicklung der Zinsen grundsätzlich für wenig relevant – zumindest seit wir uns auf dem Nullzins- bzw. Niedrigzinsniveau bewegen.

Angesichts der weltweiten turmhohen Verschuldung, nicht nur in den USA, werden wir auch auf absehbare Zeit keine Rückkehr zu „Zins-Normalzeiten“ erleben.

Und das ist lediglich schade für unsere Teenager.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.