US-Renditen werden in Kürze ausgebremst

Sind die steigenden US-Renditen tatsächlich eine Gefahr für den Aktienmarkt, wie behauptet wird? (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Kaum holt die Wall Street mal ein wenig tiefer Luft als gewohnt, wird ihr von den ewigen Pessimisten wieder einmal das „Ende aller Tage“ prophezeit.

Nachdem es US-Präsident Donald Trump in Sachen Handelsstreit mit „dem Rest der Welt“ zuletzt etwas ruhiger angehen ließ, brauchen die Marktkommentatoren eine „neue Sau, die sie durch’s Dorf treiben“ können.

Was hätten wir denn da noch so auf der Menükarte? Richtig! Die steigenden US-Zinsen! Die hatten wir doch schon seit fast einem halben Jahr nicht mehr auf dem Trapez.

Ich habe 2 aussagekräftige Charts zum Thema für Sie einmal analysiert und stimme den Marktkommentatoren zu: Die US-Zinsen steigen tatsächlich.

Doch als Material für einen bevorstehenden Crash am Aktienmarkt ist das zu dürftig, wie Sie in wenigen Minuten sehen werden.

Warum und wann sind steigende Renditen gefährlich für Aktien?

Als ich noch ein junger Börsianer war – also vor etwa 30 Jahren – galten hohe Zinsen in der Tat als potenzielle Gefahr für Aktien. Lehrmeinung war damals:

Ein Anleiherendite-Niveau von 6% und mehr ließe Anleger zunehmend die risikobehaftete Aktie meiden und stattdessen vermehrt die sicheren Zinsen kassieren. Also mehr Angebot und weniger Nachfrage – sie wissen schon. Allerdings:

Bis zur Finanzkrise vor einem Jahrzehnt waren Renditen von phasenweise mehr als +6% durchaus üblich. Das können Sie gleich noch in den präsentierten Charts nachvollziehen.

Doch von einem solchen Niveau sind wir – trotz der inzwischen 8 US-Leitzinserhöhungen seit Dezember 2015 – noch immer weit entfernt. Auch das werden Sie auf den gezeigten Charts sehen.

Darüber hinaus gibt es auch noch charttechnische Argumente, warum der von den Marktkommentatoren betrieben „Hype“ um steigende US-Zinsen völlig überzogen ist.

10-jährige Rendite: Unverändert im Abwärtstrend

Schauen wir uns das gemeinsam einmal an. Dazu habe ich 2 Charts für Sie vorbereitet: Wir beginnen mit der durchschnittlichen Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen.

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen: Unverändert im Abwärtstrend

Sie sehen es selbst: Der Trend ist eindeutig nach unten gerichtet. Und ja: Vom Tief bei 1,36% im Sommer 2016 hat sich die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen auf aktuell 3,22% mehr als verdoppelt.

Geschadet hat dies dem Aktienmarkt allerdings nicht. Im Gegenteil ist der S&P 500 seit jenen Tagen in der Spitze um fast +48% geklettert!

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Das wichtigste Detail ist aber: Die Rendite kann noch um 2 Zehntel-Prozentpunkte steigen, bevor sie von der langfristigen Abwärtstrendlinie ausgebremst wird.

Warum die US-Renditen in Kürze ausgebremst werden

Doch warum sollte die Rendite den Abwärtstrend nicht nach oben durchbrechen können, höre ich Ihre berechtigte Frage? Schließlich plant die US-Notenbank ja auch noch weitere Leitzinserhöhungen bis Ende des kommenden Jahres?

Die Antwort liefert Ihnen die Charttechnik. Oder genauer gesagt der 14-Monats-Relative Stärke Index (RSI) im unteren Teil der Grafik:

Da ich den Indikator für Trend-Intensität hier in Chartanalyse-Trends immer wieder einmal als Analyse-Werkzeug verwende, wissen Sie bereits um seine hohe Signal-Qualität.

Das orangefarbene Rechteck markiert den Bereich, in dem der RSI im Betrachtungszeitraum immer wieder eine Trendwende einleitete. Zudem verläuft der Aufwärtstrend seit 2016 ausgesprochen steil.

Das sind zwar für sich gesehen noch keine Signale für eine Trendwende. Doch meine inzwischen mehr als 38-jährige Börsenerfahrung sagt mir, dass der Renditeanstieg in Kürze sein Ende finden wird.

Zum Chart der Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist nichts Neues hinzuzufügen: Das Bild ist quasi eine Kopie des zuvor präsentierten Charts:

Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen: Abwärtstrend völlig intakt

Fazit

Ich gebe Ihnen hier in Chartanalyse-Trends öfter mal einen gut gemeinten Rat, den ich auch heute gerne wiederhole: Ignorieren Sie einfach die Marktkommentare!

Sie dienen ohnehin nur dazu, dem Börsen-Unerfahrenen eine Erklärung zu liefern, warum die Kurse heute steigen und morgen wieder fallen – nicht selten werden für beide Richtungen dieselben Argumente verwendet.

Bilden Sie sich stattdessen besser ein eigenes Urteil zu den Märkten, beispielsweise mit Hilfe der Charttechnik. Denn auch in diesem Fall sehen Sie wieder:

In den Marktkommentaren wird in Bezug auf die „gefährlich ansteigenden US-Renditen“ einmal mehr maßlos übertrieben. Das ist – leider – völlig normal: Denn um Ihre Aufmerksamkeit zu erreichen, müssen die Marktkommentatoren „schwarz oder weiß malen“.

Meine heutige Analyse zeigt Ihnen indes: Die US-Renditen mögen durchaus noch ein wenig steigen – doch nur noch marginal. Denn dann werden sie vom langfristigen Abwärtstrend ausgebremst!


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.