Invest Messe Stuttgart, von 05. bis 06. April 2019

Valeant: Übler Kater nach Übernahme-Rausch

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Valeant sorgte viele Jahre mit Übernahmen und Kursaufschlägen für Schlagzeilen. Zuletzt aber fiel der Hedgefonds-Liebling in Ungnade. Der Kurs kollabierte. (Foto: NicoEINino / shutterstock.com)

Noch vor wenigen Jahren war der Name Valeant den meisten Anlegern in Europa unbekannt. Inzwischen ist das anders. Der kanadische Pharma-Konzern sorgte insbesondere im Übernahme-Kampf um den Botox-Hersteller Allergan im Jahr 2014 für Schlagzeilen.

Am Ende musste sich Valeant zwar dem Konkurrenten Actavis geschlagen geben, doch was ist schon eine Niederlage, wenn jährlich mehr als zwei Dutzend Deals eingegangen werden.

Darunter sind auch größere Brocken. Seit 2010 hat Valeant knapp 20 größere Deals bekannt gegeben. In diesem Jahr landete der Pharma-Konzern seinen bisher größten Coup. Für 14,5 Mrd. Dollar übernahm Valeant nach einem Bieterkampf mit Endo International den Pharma-Konzern Salix.

Seither sind weitere Groß-Übernahmen ausgeblieben. Der Name Valeant tauchte medial zwar weiter auf – aber anders als Investoren und dem Unternehmen lieb sein könnte.

Mit Preiserhöhungen zu mehr Gewinn

Valeants Geschäftsmodell zielt darauf ab, kleinere Pharma-Unternehmen zu kaufen, deren Effizienz zu steigern, das Marketing zu unterstützen und die Preise der Medikamente zu erhöhen.

Das ist nicht eine bloße Aufzählung. Der letzte Punkt ist höchst kritisch. Denn Valeant hat es mit den Preiserhöhungen eindeutig übertrieben. Teilweise kosten Medikamente über 500% mehr als zu Jahresbeginn.

54 wichtige Valeant-Medikamente bei denen die Preise erhöht wurden, kommen auf eine durchschnittliche Preissteigerung von 65,6%. Schon im Vorjahr wurden bei 62 Medikamenten die Preise um durchschnittlich 50% angehoben.

Damit liegt Valeant deutlich über den Schnitt von 22% für Marken-Medikamente.

Verliert die Pharma-Branche bei den Preiserhöhungen das Augenmaß?

Valeant ist nicht allein. Turing Pharma zeigte sich vor wenigen Wochen besonders hemmungslos und wollte den Preis für Daraprim von 13,50 Dollar auf 750 Dollar anheben. Das Medikament ist für einige HIV-Patienten überlebenswichtig – Ethik scheint für die Turing-Spitze ein Fremdwort zu sein.

Auch Mallinkrodt glänzt mit Gier und Unmoral. Man kann nur den Kopf schütteln, wenn das letzte Geld aus schwerkranken Menschen gepresst werden soll. Gewissen stoppt halt Erfolg – wo da einige Pharma-Konzerne ihren Schwerpunkt setzen, ist erschreckend.

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Valeant: Erst Einkaufstour dann Pleite?Valeant könnte Pleite gehen. Der einstige Liebling der Finanzinvestoren steckt in einer tiefen Krise.  › mehr lesen

Angemessene Preise: Wenn es die Pharma-Branche nicht selbst kann, muss reguliert werden

Sicher: Die Forschung neuer Wirkstoffe ist kostspielig. Im Schnitt kostet die Einführung eines neuen Medikaments ein Biotech-Unternehmen von der Identifizierung bis zur Marktreife 800 Mio. Dollar.

Gerade bei seltenen Krankheiten ist es verständlich, dass die Medikation dann später teurer sein muss. Jeder Schwerkranke wird dankbar sein, dass überhaupt geforscht wird. Den Pharma-Konzernen muss natürlich ein Anreiz geboten werden. Das sind gewinnorientierte Unternehmen in Konkurrenz-Situation.

Doch es gibt da ein Limit. Wo Gier anfängt und Moral aufhört, ist eine Regulierung vielleicht besser als der freie Markt, der sich in dem Bereich offenbar nicht selbst regeln kann.

Citron Research: Luftbuchungen bei Valeant

Die Diskussion um die Pharma-Konzerne hat auch dem Valeant-Image geschadet. Der Liebling der Hedgefonds-Branche mit der genialen Übernahme-Strategie steht aber nicht nur deswegen in der Kritik.

Es steht der Vorwurf im Raum, dass die undurchsichtige Valeant-Vertriebsstruktur genutzt wurde, um Luftbuchungen unterzubringen. Die Anschuldigungen eines Short-Hedgefonds (setzt auf fallende Kurse) konnten zwar bislang nicht belegt werden und es ist fraglich, ob da überhaupt etwas dran ist, doch der Valeant-Aktienkurs kam durch die Kombination schlechter Meldungen erheblich unter die Räder.

Aktie verliert in wenigen Monaten über 60% – Ackman bleibt optimistisch

An der New Yorker Börse kostete das Papier vor wenigen Monaten noch über 260 Dollar. Aktuell wird die Aktie zu 80 Dollar gehandelt. Viele halten die Kursreaktion für stark übertrieben.

Immerhin hat Valeant bereits erste Maßnahmen zur Aufklärung der Vorwürfe ergriffen und der renommierte Hedgefonds-Manager Bill Ackman verweist auf das Wachstumspotenzial selbst ohne Medikamenten-Preiserhöhungen, doch der Druck auf das Papier ist noch immer groß.

Selbst eine extra agelegte Pressekonferenz verfehlte heute Morgen ihre Wirkung. Das darf aber nicht als Indiz gesehen werden, dass an den Vorwürfen jetzt doch etwas dran ist. Der Kurs wird aktuell auch stark von Hedgefonds-Positionierungen beeinflusst. Ein Kampf, der die wahre Markt-Meinung verzerrt.

Bill Ackman ist jedenfalls davon überzeugt, dass Valeant in die Erfolgsspur zurückfindet und hat den Kurssturz für Nachkäufe genutzt. Sein Kursziel: 448 Dollar im Jahr 2018 ausgehend von heute 460% Gewinnpotenzial.

Gut möglich, dass sich die Wogen in den kommenden Monaten glätten und Valeant dann wieder mit Übernahmen für Schlagzeilen sorgt. Auf der anderen Seite: Stimmen die Vorwürfe, geht der Kurssturz weiter. Im schlimmsten Fall bis ganz unten, denn die Valeant-Verschuldung ist nicht gerade gering. Das Rating ist B+ (mangelhafte Ratingstufe) – der Ausblick negativ.


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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.