Keine Chance gegen Amazon? windeln.de stopft nur die Löcher

Es gibt Geschäftsmodelle, die funktionieren und welche, die nicht funktionieren. Das von windeln.de zählt zweifellos zur zweiten Kategorie. (Foto: Sundry Photography / shutterstock.com)

Vor nicht einmal drei Jahren, am 6. Mai 2015, ging windeln.de an den Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse. Der damalige Emissionspreis von 18,50 Euro war zugleich der höchste Kurs, zu dem die Aktie je gehandelt wurde. Seither ging es steil bergab. Aktuell notiert der Anteilsschein bei 2,10 Euro. Anleger, die die Aktie zum IPO gezeichnet haben, sitzen also auf Buchverlusten von 88,6 Prozent.

Aktienkurs spiegelt die Ertragslage des Unternehmens genau wider

Dabei ist der Aktienkurs nur das Spiegelbild dessen, was sich operativ seit dem Börsengang getan hat, und das war nichts Gutes: Nur ein Jahr nach dem Börsengang musste das Münchener Unternehmen, das sich selbst als einen der führenden und am schnellsten wachsenden Onlinehändler für Baby- und Kleinkinderprodukte in Europa und für Kunden in China einschätzt, seine Ertragsprognosen massiv nach unten anpassen.

Gewinnwarnungen so kurz nach dem Börsengang zählen zu den Todsünden am Kapitalmarkt. Schließlich wurden die Zeichner zum Börsengang mit ebendiesen Renditeversprechungen dazu animiert, die Aktie zu erwerben. Werden sie später enttäuscht, führt dies zu einem unüberbrückbaren Vertrauensbruch – mit der Folge, dass sich das Unternehmen völlig neue Aktionäre suchen muss.

Ist nach der Kapitalerhöhung ein Neuanfang möglich?

Auf dieser Suche ist windeln.de nun fündig geworden. Heute hat das Münchener Unternehmen den Abschluss einer Kapitalerhöhung bekannt gegeben. Rund 2,6 Mio. Aktien wurden zum Preis von 1,98 Euro je Aktie an den Investor gebracht. Insgesamt 5,2 Mio. Euro sind dem Unternehmen durch diese Maßnahme zugeflossen. Wendet sich das Blatt nun zum Besseren?

Nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein

Was viel klingt, ist in Wahrheit gerade dazu geeignet, die nötigsten Löcher zu stopfen. Zum Börsengang konnte das Unternehmen frische Liquidität von über 100,0 Mio. Euro einwerben. Dass windeln.de nur drei Jahre später sein Kapital erhöht, um gerade einmal 5,2 Mio. einzusammeln, zeigt, wie es um das Unternehmen bestellt. Die Kapitalerhöhung ist kein gutes Zeichen, sondern Ausdruck einer Ohnmacht.

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Diese hat seine Ursachen insbesondere in der alles überragenden Marktmacht von Amazon. Nur wenige Tage nach dem Börsengang von windeln.de war auf der Website des Internet-Giganten ein Werbebanner zu sehen, auf dem zu lesen war: „Alle Windeln jetzt 20 % billiger!“

Denn auch Amazon verkauft Windeln. Und alle anderen Baby- und Kleinkinderprodukte wie windeln.de, nur eben meist günstiger und – für Prime-Kunden – mit kostenlosem Versand. Davon ist windeln.de weit entfernt.

Ebenso weit wie von dem ursprünglich für 2018 avisierten operativen Breakeven. Massive Managementfehler, die forcierte Internationalisierung der Geschäftstätigkeit inklusive des Einstiegs in den chinesischen Markt, ideenlose und überteuerte Übernahmen im europäischen Ausland, die zudem zum Teil dilettantisch durchgeführt wurden, ein viel zu hoher Personalbestand, ein zu breites Produktsortiment… die Liste der Mängel ist lang. Auch vom neuen Management wird sie sich nicht von heute auf morgen beseitigen lassen.

Wenn ein Internetunternehmen dann seine Werbeausgaben reduzieren muss, wie nun von windeln.de angekündigt, bleibt für den Anleger meist wenig übrig. Nein, von einem „profitablen und nachhaltigen Wachstum“, den das Management bereits für Anfang 2019 plant, ist windeln.de noch weit entfernt.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.