Visa: Kreditkartenanbieter schluckt britischen Zahlungsspezialisten

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Kreditkartenkonzern Visa legt Offerte für britischen Zahlungsspezialisten auf den Tisch und zahlt 250% Aufgeld. Portfolio mit Blockchain-Technologien soll deutlich ausgeweitet werden (Foto: Valeri Potapova / Shutterstock.com)

Wie Sie wissen, geht es im Geschäft mit Firmenübernahmen so gut wie immer über den Preis. Um die Anleger des Zielobjekts zu überzeugen, muss der Käufer oft tief in die Tasche greifen und einen kräftigen Aufschlag auf den Börsenkurs zahlen. Je dringender der Käufer eine Firma haben möchte, sei es aus strategischen oder technologischen Gründen oder einfach nur um einen Wettbewerber aus dem Weg zu räumen, desto höher kann der Aufschlag ausfallen.

Ungewöhnlich hoch ist das Premium bei der Offerte des Kreditkartengiganten Visa an den britischen Zahlungsspezialisten Earthport dennoch. Nach der US-Konzern sein Angebot präsentiert hat, gingen die Earthport-Papiere regelrecht durch die Decke.

Visa offeriert Prämium von satten 250%

Im Rahmen der Übernahmeofferte bietet Visa den Earthport-Anlegern 30 Pence je Aktie an. Damit liegt der Unternehmenswert des Zahlungsspezialisten zwar „nur“ bei 198 Britischen Pfund, aber eben 250% über dem gewichteten Durchschnittskurs der zurückliegenden sechs Monate. Dieser lag nämlich nur bei 8,6 pence. Zugleich liegt der Firmenwert 50% über dem Niveau der letzten Kapitalerhöhung, die im Oktober 2017 durchgeführt wurde.

Blockchain-Technologie für grenzüberschreitende Transaktionen

Warum zahlt Visa so einen massiven Aufschlag? Ganz einfach: Die Technologie der Briten ist für Visa hochinteressant. Zugleich zahlt der finanzstarke Kreditkartenriese den Kaufpreis ohnehin aus der Portokasse. Im vergangenen Jahr gingen bei dem US-Konzern Umsätze von 84,42 Milliarden Dollar durch die Bücher. Der Reingewinn lag bei beeindruckenden 42,2 Milliarden Dollar, was einer Gewinnspanne von fast 50% entspricht.

Aber wer steckt eigentlich hinter Earthport? Mittlerweile beschäftigt das 1997 gegründete Unternehmen mehr als 200 Mitarbeiter in Niederlassungen in London, New York, Miami, Dubai und Singapur. Die Firma kooperiert vor allem mit Banken und großen Finanzinstituten und bietet Dienstleistungen im Bereich der internationalen Transaktionen an.

Mit dem Aufkommen der Blockchain-Technologie hat Earthport eine Kooperation mit dem Blockchain-Unternehmen Ripple geschlossen. Im Zuge dieser Kooperation soll das Ripple Protokoll, welches die gleichnamige Kryptowährung unterstützt, in das existierende Zahlungssystem von Earthport integriert werden. Durch dieses Vorgehen sollen vor allem internationale Transaktionen optimiert werden.

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Visa will Blockchain-Portfolio deutlich erweitern

Für die strategische Ausrichtung von Visa ergibt der angedachte Zukauf durchaus Sinn. Denn mit Earthport optimiert Visa die Qualität seines Geschäftsmodells. Ziel ist es auch, mit den Ripple-basierten Transaktionen die Kosten weiter zu senken. Bereits im Jahr 2016 veröffentlichte Earthport ein Application Programming Interface (API), das die Anbindung verschiedener Finanzinstitute an das Ripple-Protokoll ermöglicht.

Hierdurch besteht eine Möglichkeit zur Optimierung internationaler Transaktionen. Im Fokus der Entwicklung stand zum damaligen Zeitpunkt die Überwindung von Budgetrestriktionen, technologischen Herausforderungen im Zahlungsverkehr und veralteten Compliance Grundsätzen.

Eigenes Identitätssystem geht bald live

Bereits vor mehreren Monaten wurde bekannt, dass Visa an der Veröffentlichung des eigenen Blockchain-basierten Identitätssystems „Visa B2B Connect“ arbeitet. Dieses System soll ebenfalls bei der Abwicklung internationaler Transaktionen unterstützen und im Laufe des ersten Quartals 2019 veröffentlicht werden.

Das Funktionsprinzip des Systems sieht vor, dass empfindliche Geschäftsdaten (wie z.B. Kontonummern) „tokenisiert” werden und ordnet diesen einen kryptographischen Schlüssel zu, damit die Transaktionen möglichst sicher verlaufen.

Earthport-Management empfiehlt Annahme des Angebots

Unterdessen hat die Konzernführung von Earthport die Annahme des Angebots empfohlen. Der Preis wurde in einer ersten Reaktion als attraktiv und die neuen Wachstumsperspektiven innerhalb der Visa-Gruppe als herausragend eingestuft. Aktuell notiert der Aktienkurs auch nur noch knapp unter dem Niveau des Angebots.

Für Visa-Aktionäre dürfte sich der Deal trotz des hohen Aufschlags mehr als rechnen. Denn der Kreditkartenanbieter benötigt die neue Technologie, um sich für die Zukunft besser aufzustellen. Erst im Juni gab Visa bekannt, dass es bei Kartenzahlungen in Großbritannien und Europa Störungen gegeben hatte. Auch wenn genaue Gründe unbekannt sind, die Notwendigkeit zur Dezentralisierung der Zahlungswege gilt unter Experten als unbestritten.


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Jens Gravenkötter
Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.