Von wegen Sommerflaute: Übernahme-Volumen in Nordamerika bei über 360 Mrd. Dollar

Das Übernahme-Geschäft brummt auch im Sommerloch. Und nach dem heißen Übernahme-Sommer dürfte ein ebenso heiße (Foto: NicoEINino / shutterstock.com)

Dass die USA das „Mutterland der Übernahmen und Fusionen sind, ist vielen von Ihnen bekannt. In den USA jagte in der ersten Jahreshälfte ein Milliarden-Deal den Nächsten. Die Konsequenz hoher Übernahme-Aktivität ist logischerweise auch ein sehr hohes Übernahme-Volumen.

So wundert es Sie wahrscheinlich nicht, dass im ersten Halbjahr dieses Jahres in vielen Branchen beim Übernahme-Volumen neue Bestwerte erreicht wurden. Rund 800 Mrd. Dollar betrug das Übernahme-Volumen gemäß dem Übernahme-Institut Bureau van Dijk allein in der Marktregion Nordamerika.

Und auch in Europa war die Schlagzahl sehr hoch. Allein im Mai wurden Deals im Volumen von 180 Mrd. Dollar verkündet. Mit neuen Rekorden in den beiden wichtigsten Übernahme-Regionen steuert 2018 auf das beste Übernahme-Jahr aller Zeiten zu.

366 Mrd. Dollar für Deals

Neue Daten zeigen, dass der Übernahme-Sommer in den USA derzeit so heiß wie das Wetter ist. Mit 366 Mrd. Dollar in den Monaten Juni und Juli ist das Übernahme-Volumen ausgesprochen hoch. Zwar lag das Übernahme-Volumen im Juni mit 140 Mrd. Dollar fast 40% unter dem Juni-Wert, doch gegenüber dem Vorjahresmonat liegt das Volumen 23% höher.

Die Anzahl der Deals war indes kleiner. In den vergangenen 2 Monaten wurden rund 3.700 M&A-Transaktionen in Nordamerika angekündigt, im Vorjahr waren es etwa 4.200. Da zugleich das Volumen höher ausfiel bestätigte sich der Trend zu größeren Deals. 

Juni-Statistik: Allein Top20-Deals  mit über 80 Mrd. Dollar Übernahme-Volumen

Ein Blick auf die größten Übernahmen des Monats Juli bestätigt dies. Alle Deals in den Top20 hatten ein Volumen von über 2 Mrd. Dollar. Die drei größten Deals lagen sogar bei über 10 Mrd. Dollar.

Die größte Übernahme war der 18,4 Mrd. schwere Kauf des Firmensoftware-Konzerns CA Technologies durch den Chip-Riesen Broadcom. Der Deal war eine faustdicke Überraschung und sorgte für einen Kurseinbruch beim Bieter, da er keine harten Synergien mitbrachte.

Deutlich positiver wurde der zweitgrößte Deal aufgenommen. Als der kanadische Vermögensverwalter Brookfield Asset Management für den New Yorker Immobilien-Investor Forest City für 11,4 Mrd. Dollar auf den Tisch legte, begrüßten die Investoren den Management-Kurs mit Kursaufschlägen.

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Übernahme-Aktivität dürfte weiter hoch bleiben

Eine der wichtigsten Einflussgröße für das Übernahme-Geschäft ist der Zins: Je besser die Zinskonditionen sind, desto rentabler ist eine Übernahme, da die Kosten für die Kapitalbeschaffung geringer sind. Sie sind wahrscheinlich auch eher bereit einen Kredit aufzunehmen, wenn der Schuldzins 5% anstelle von 15% ist.

Der Zins ist im historischen Vergleich immer noch niedrig und selbst wenn die US-Notenbanker in diesem Jahr noch einmal an der Zinsschraube drehen, dürfte die Schlagzahl hoch bleiben.

Eine März-Umfrage unter US-Managern ergab, dass 83% der Befragten einen Anstieg des Übernahme-Volumens in diesem Jahr erwarten. Die Verwendung der Cash-Reserven für Übernahmen gehörte für 61% der Firmenlenker zu den drei größten Prioritäten – noch vor Dividendenausschüttungen.

Die robuste Konjunktur in Nordamerika und Europa gepaart mit Niedrigzins und vollen Unternehmenskassen schafft ein hervorragendes Umfeld für Übernahme-Transaktionen. Das Ergebnis der Befragung ist daher wenig überraschend und mit dem höchsten jemals gemessenen Übernahme-Volumen im ersten Halbjahr scheint sich die Einschätzung der Manager auch zu bestätigen.

Übernahmen zu Effizienzverbesserung und zur Erschließung neuer Umsatzquellen

Der Wille zu Deals liegt nicht nur an den günstigen Zinskonditionen und an der robusten Wirtschaftslage. Übernahmen geschehen auch oft auf Druck von Aktionären.

Viele Investoren verlangen von den Unternehmen, dass die Unternehmenskasse sinnvoll eingesetzt wird und die Gewinnspannen ausgeweitet werden. Bei nicht wenigen Firmen sind allerdings ohne Deals keine weiteren Effizienzsteigerungen mehr möglich.

Andere Unternehmen, wie etwa die Pharma-Konzerne, werden zu Deals quasi gezwungen. Um nicht hohe Umsatzeinbußen hinnehmen zu müssen wenn der Patentschutz eines Medikaments abläuft, sind die Pharma-Konzerne ständig auf der Suche nach neuen Medikamenten. Damit sollen die wegfallenden Umsätze kompensiert werden.

In Summe also genug Gründe, warum nach dem heißen Sommer ein ebenso heißer Übernahme-Herbst kommen dürfte. Für Privatanleger eine willkommene Chance, um sich im Zuge der Deals die Übernahme-Prämie abzugreifen.


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Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

Ein gewiefter Börsen-Profi leitet die Recherche beim "Übernahme-Gewinner". Jens Gravenkötter ist Chefredakteur bei dem erfolgreichen neuen Service.