Vorsicht! Emittenten haben es aktuell besonders leicht, Kurse zu manipulieren

Gleich vorweg: Fassen Sie Optionsschein nicht an. Nehmen Sie lieber das Original, die manipulations-geschützten Optionen.

Der Grund für meine Empfehlung, Optionsscheine zu meiden

Der Kurs von Optionsscheinen kann massiv im Kurs manipuliert werden – und juristisch einwandfrei ist das obendrein auch noch. Gerade jetzt, wo die Kurse deutlich schwanken, ist das Manipulieren besonders einfach.

Zu wessen Vor- und Nachteil die Kurse von Optionsscheinen manipuliert werden, ist klar:

Vorteil Emittent / Nachteil Anleger.

Kurs-Manipulation so wird es gemacht

Die folgenden Kurse sind bei Optionsscheinen möglich: Optionsschein auf eine Aktie: Kauf zu 2,88 Euro, Verkauf zu 0,99 Euro nach 10 Tagen, ohne dass sich der Kurs der Aktie bewegt hat.

So klar ersichtlich wird es wohl nicht gemacht, dann fällt es auf. Aber vom Grundsatz her gehört das zum Tagesgeschäft vieler Emittenten und es ist – wie geschrieben – juristisch völlig einwandfrei.

„Gute Zeit“ (für Emittenten), um Kurse zu manipulieren

Aktuell bestimmen Konjunkturnachrichten, Krisen und Quartalsberichte die Kurse von Aktien. Dadurch kommt es stärker als üblich zu Kursbewegungen. Da ist das folgende ein Beispiel, wie es vorkommen kann und ähnlich auch „unendlich oft“ vorkommen wird:

Sie erwarten bei einem Konzern gute Quartalszahlen und Kursgewinne der Aktie. Sie kaufen einen Call-Optionsschein zum Kurs von z.B. 2,88 Euro. Nach der Veröffentlichung der Zahlen reagiert der Aktienkurs kaum. Sie wollen den Optionsschein verkaufen. Was Sie sehen, können Sie kaum glauben:

Der Kurs, zu dem der Emittent den Optionsschein zurücknimmt liegt bei 0,99 Euro. Das Schlimme: Es geht alles mit rechten Dingen zu. So hat der Emittent in diesem Beispiel den Kurs manipuliert:

Optionsschein: So lässt sich vom Emittenten am Kurs „drehen“

Kauf:

Aktienkurs: 100 Euro

Sie kaufen einen Call

Basispreis: 120 Euro

Laufzeit: 150 Tage

Kaufpreis: 2,88 Euro

Hier ist eine „implizite Volatilität“ (dazu unten mehr) von 35 eingerechnet worden.

Verkauf:

Aktienkurs: 100 Euro

Sie wollen den Call verkaufen

Basispreis: 120 Euro

Laufzeit: 140 Tage

Möglicher Verkaufskurs: 0,99 Euro

Am Verkaufstag lässt sich eine implizite Volatilität von 25 errechnen. Davon mal abgesehen hat sich nicht viel verändert. Die Laufzeit ist 10 Tage kürzer. Das würde bei gleich gebliebener impliziter Volatilität einen Kursverlust von 0,10 Euro ausmachen. Der Optionsschein hätte dann noch einen Wert von 2,78 Euro.

Implizite Volatilität ist wichtig für den Kurs eines Optionsscheins

1. Diese kurze Darstellung zeigt, wie hoch der Einfluss der impliziten Volatilität auf den Kurs eines Optionsscheins ist.

2. Die implizite Volatilität wird von den Emittenten geschätzt. Vorschriften dafür gibt es nicht. Die Emittenten haben also freie Hand, um den Kurs eines jeden Optionsscheins beliebig zu verändern (manipulieren), indem sie die implizite Volatilität hoch oder niedrig ansetzen.

Theorie zur Volatilität:

Die Volatilität ist ein Maß für die Schwankungen des Kursverlaufs einer Aktie oder eines Indexes. Die Angabe erfolgt in Prozent. Die Börse unterscheidet zwischen der historischen und der impliziten Volatilität.

Die historische Volatilität

Die historische Volatilität berechnet die Schwankungsbreite aus historischen Kursen eines Basiswertes über einen bestimmten Zeitraum der Vergangenheit. Gab es große Kursbewegungen, liegt die Volatilität hoch und umgekehrt. Die historische Volatilität sagt jedoch nichts über die von den Börsianern erwartete Schwankungsbreite der Zukunft aus. Das macht die implizite Volatilität.

Die implizite Volatilität

Die implizite Volatilität wird von den Emittenten willkürlich geschätzt und festgelegt. Das führt zu diesem Ergebnis: Je höher die Emittenten die implizite Volatilität schätzen, desto teurer ist der entsprechende Optionsschein und umgekehrt. Die Folge: Mit der Schätzung der impliziten Volatilität können die Emittenten bei ihren Optionsscheinen die Kurse manipulieren, wie sie wollen.

So wurde beim obigen Optionsschein manipuliert

In diesem Beispiel könnte der Emittent so vorgegangen sein:

Vor Veröffentlichung der Zahlen hat er eine hohe Kaufnachfrage nach diesem Optionsschein festgestellt. Also hat der Emittent die implizite Volatilität „mal eben“ auf 35 gesetzt und den Optionsschein damit teuer gemacht. Das führte zu einem Kaufkurs für die Anleger von 2,88 Euro. Der Emittent hat 2,88 Euro kassiert.

10 Tage später, nach der Veröffentlichung der Zahlen, hat der Emittent gemerkt, dass viele Anleger verkaufen wollten. Also hat er die implizite Volatilität auf 25 gesenkt. Daraus errechnet sich der Verkaufskurs für den Anleger von 0,99 Euro. Rechtlich ist das völlig einwandfrei gelaufen.

Der Emittent hat erst 2,88 Euro kassiert, dann nur 0,99 Euro bezahlt.

Der Gewinn des Emittenten von 1,89 Euro je Optionsschein ist gleichzeitig der Verlust des Anlegers.

Emittent „dreht an der Volaschraube“

Dies ist ein sehr drastisches Beispiel. Im Alltag läuft das nicht mit so hohen und auffälligen Kursveränderungen. Die implizite Volatilität wird vom Emittenten zwar verändert, aber nicht so massiv. Dann verliert der Kurs nicht 65%, so wie in diesem Beispiel, aber der Kurs verändert sich trotzdem zum Nachteil des Anlegers.

Vielleicht haben Sie im Internet auch schonmal gelesen, der Emittent habe „an der Volaschraube gedreht“. Wenn Sie das lesen, ist demjenigen vermutlich passiert, was ich oben geschildert habe.

Kurse von Optionen können nicht manipuliert werden

Auch die Kurse von Optionen (in Abgrenzung zu Optionsscheinen) werden von der impliziten Volatilität beeinflusst. Rein rechnerisch würde sich derselbe Effekt wie oben auch bei Optionen zeigen, wenn (!) sich die implizite Volatilität wirklich so verändert hätte.

Optionen / Optionsscheine: Der entscheidende Unterschied

Aber: Bei Optionen hat niemand Interesse, die implizite Volatilität zu manipulieren. Denn es gibt keinen Emittenten, der teuer verkaufen und billig zurückkaufen will. Angebot und Nachfrage sorgen für den fairen Preis.

Bei der Wahl: „Option oder Optionsschein“ gibt es keinen (!) Grund, Optionsscheine zu wählen. Alle Vorteile liegen auf Seiten der Option.

Deswegen nochmals meine Empfehlung vom Anfang: Fassen Sie Optionsschein nicht an. Nehmen Sie lieber das Original, die manipulations-geschützten Optionen.

Übrigens: Im Mutterland der Börsen, in den USA, sind Optionsscheine wegen ihrer Anfälligkeit für Kursmanipulationen verboten! Dort handelt man das Original, die manipulations-geschützten Optionen. Ein vorbildlicher Anlegerschutz.

Zum guten Schluss: Am 29.10.1911, also heute vor 103 Jahren, verließ Joseph Pulitzer, der ungarisch-amerikanische Journalist, Herausgeber, Zeitungsverleger und Namensgeber für den „Pulitzer-Preis“, dem Preis für hervorragende journalistische Leistungen, diese Welt. Dieser einleitende Bandwurmsatz entspricht nicht seinem Rat:

„Was immer du schreibst, schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.“

Ich bemühe mich immer, diesen Rat umzusetzen. Kurz war dieser Kommentar nicht. Klar? Ich hoffe!

Beste Grüße, Rainer Heißmann

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

29. Oktober 2014

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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