VW: Abgas-Skandal löst Kurssturz aus

Die schwachen Autowerte verhinderten heute, dass der DAX die 10.000-Punkte-Marke zurückerobern konnte. Am Ende kletterte der DAX leicht um 0,33% auf 9.948 Punkte.

Die große DAX-Bremse war die VW-Aktie, die in der Spitze 23% verlor und am Ende einen Tagesverlust von knapp 19% hinnehmen musste. Zur Einordnung: Das war der größte VW-Tagesverlust seit über 20 Jahren. Rund 17 Mrd. Euro Börsenwert lösten sich in Luft auf. Auslöser ist ein Abgas-Skandal in den USA.

Volkswagen hat Abgasmessung manipuliert

Am Wochenende musste der Volkswagen-Konzern zugeben, dass die US-Tochter in einigen Modellen aus den Jahren 2009 bis 2014 eine spezielle Software eingebaut hat, mit der die Abgasmessung manipuliert werden konnte.

Der Betrug hat wie folgt funktioniert: Die Software konnte automatisch erkennen, wenn eine Abgasmessung gestartet wurde. War das der Fall, wurde der Motor so gesteuert, dass möglichst wenige Schadstoffe messbar waren.

Im normalen Straßenverkehr war der Abgasausstoß dagegen viel größer. Die erlaubten Grenzwerte konnten dann um das bis zu 40-Fache übertroffen werden.

Dieser Betrug ist für VW besonders unangenehm, weil es jeweils um Dieselmodelle ging, die als relativ umweltfreundlich verkauft wurden. Da Dieselmotoren in den USA schon vor dem Skandal nicht sehr gefragt waren, dürfte die Nachfrage jetzt noch weiter sinken.

Strafe von bis zu 18 Mrd. US-Dollar

Laut US-Behörden muss VW jetzt mit einer Strafe von bis zu 18 Mrd. US-Dollar rechnen. Diese Rekordstrafe erklärt den heutigen Kursabsturz an der Börse.

Allerdings gehen die Meinungen darüber, wie hoch die Strafe tatsächlich ausfällt, sehr weit auseinander. Einige Analysten rechnen mit der Höchststrafe, da VW den Betrug zugegeben hat und daher keine Kompromisslösung in einer Verhandlung möglich sei.

Außerdem sei allgemein bekannt, dass die US-Behörden gegen deutsche Unternehmen oft die obere Strafgrenze ansetzen.

Andere Analysten gehen von einer wesentlich geringeren Strafe aus. Die niedrigste Schätzung liegt bei rund 1 Mrd. Euro. Die Analysten führen 2 Argumente für eine relativ milde Strafe an: Zum einen habe VW sofort nach der Aufdeckung mit den Behörden zusammengearbeitet, eine externe Überprüfung zugelassen und freiwillig eine Rückrufaktion angekündigt.

Das sei alles strafmildernd zu werten. Zum anderen verweisen Analysten auf vergleichbare Fälle. So mussten Ford und Honda vor knapp 20 Jahren in ähnlichen Fällen Strafen von maximal 267 Mio. US-Dollar zahlen.

In einem aktuellen Fall, in dem es um defekte Zündschlösser ging, die sogar mit Todesfällen in Verbindung gebracht wurden, zahlte General Motors eine Strafe in Höhe von 900 Mio. US-Dollar.

Angesichts dieser Zahlen wäre eine Strafe in zweistelliger Milliardenhöhe im Fall VW nicht angemessen. Der Unsicherheitsfaktor bleibt jedoch noch längere Zeit bestehen.

Zusatzkosten in Milliardenhöhe

VW muss sich jedoch nicht nur auf eine Milliarden-Strafe einstellen, sondern weitere Kosten in Milliardenhöhe einkalkulieren. Zum einen bietet VW allen betroffenen Kunden eine Umrüstung an. Da es nach ersten Schätzungen um knapp 500.000 Fahrzeuge geht, können die Kosten schnell die Milliardengrenze erreichen.

Hinzu kommen noch diverse Klage-Risiken. Die Bandbreite reicht hier von Gesundheitsgefährdung durch Abgase bis hin zu Klagen wegen des geringeren Restwerts des Fahrzeugs nach Aufdeckung des Skandals.

Was nicht messbar ist, aber in Wolfsburg wahrscheinlich die größten Sorgen auslöst: Der Image-Schaden! Das könnte weltweit die VW-Verkäufe bremsen.

Zeitpunkt des Skandals ist interessant

Auffällig ist der Zeitpunkt der Skandal-Aufdeckung. In wenigen Tagen wollte der VW-Aufsichtsrat darüber entscheiden, ob der Vertrag mit dem VW-Chef Martin Winterkorn vorzeitig bis Ende 2018 verlängert werden soll. Die Zustimmung galt als sicher.

Die Ausgangslage hat sich jetzt über Nacht geändert. Bereits am Mittwoch tagt der Aufsichtsrat. Für Winterkorn wird es auf jeden Fall eng: Wenn er vorab von dem Skandal wusste, muss er zurücktreten. Wenn er nicht informiert war, steht er aber auch unter Druck, weil er dann zugeben muss, dass er die VW-Führung in den USA nicht im Griff hat.

Es ist daher zumindest denkbar, dass der Abgas-Skandal instrumentalisiert wird, um die VW-Spitze abzuschießen. Da es in den vergangenen Monaten eine Schlammschlacht um die VW-Führung gab, regt das die Phantasie an, dass VW-Insider den US-Behörden Hinweise zugespielt haben.

Neuanfang als Chance

Es klingt wie eine Floskel, aber jede Krise bietet auch Chancen. VW hatte in den USA ohnehin einen schweren Stand. Nach dem Abgas-Skandal hat VW die Chance, völlig neue Wege zu gehen: Mit einer neuen Führungsmannschaft und mit einer neuen Fahrzeug-Strategie.

Vielleicht können die Wolfsburger mit einer radikalen Wende sogar von diesem Skandal profitieren und sich völlig neu positionieren. Frei nach dem Motto: Wir haben verstanden!

Daher lohnt sich nach meiner Einschätzung auch nicht der Verkauf der VW-Aktie auf dem aktuell niedrigen Niveau. Im Gegenteil: Wenn eine Aktie so unbeliebt ist, das Unternehmen aber operativ regelmäßig hohe Gewinne abwirft, ist ein Kauf gegen den Negativ-Trend für längerfristig denkende Anleger durchaus interessant.

21. September 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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