VW: Automobil-Skandale im Vergleich

VW-Skandal: GM und Toyota mussten jüngst nach ähnlichen Skandalen 900 Mio. und 1,2 Mrd. US-Dollar Strafe zahlen. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Der VW-Abgas-Skandal schlägt an der Börse immer höhere Wellen. Der deutsche Leitindex DAX verlor fast 4% und nähert sich der Marke von 9.500 Punkten. Die VW-Aktie verlor erneut knapp 20%. Insgesamt hat VW seit Montag gut 25 Mrd. Euro an Börsenwert verloren.

Daimler und BMW mussten jeweils rund 6% abgeben, obwohl die beiden Premiumhersteller – Stand heute – nicht in den gestern hier im „Schlussgong“ beschriebenen Skandal um die Manipulation der Abgaswerte verwickelt sind.

Diese „Sippenhaft“ ist jedoch typisch für die deutsche Börsenlandschaft. Mir fällt keine andere Börse in einer Industrienation ein, wo Ängste vor möglichen Risiken eine so extrem große Rolle spielen. Das wird auch im aktuellen Fall wieder deutlich.

Gewinnprognose 2015 gekürzt

Das VW-Management hat heute auf den Skandal reagiert: Der Vorstand tritt (vorerst) nicht zurück. Aus dem Aufsichtsrat gibt es jedoch Stimmen, dass auf jeden Fall Köpfe rollen werden.

Personelle Konsequenzen gab es heute bei VW noch nicht, sehr wohl aber eine Gewinnwarnung. Aufgrund der möglichen Schäden (Strafen, Rückrufaktionen, Klagen) lässt sich laut VW die alte Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2015 nicht mehr halten. In einem ersten Schritt legt VW eine Summe in Höhe von 6,5 Mrd. Euro zurück.

Angesichts der möglichen Maximalbelastungen (18 Mrd. Euro Strafe + Rückrufaktion + Klagen) wirken die 6,5 Mrd. Euro viel zu niedrig angesetzt. Das sieht aber anders aus, wenn wir den Fall VW mit ähnlichen Skandalen aus der jüngsten Vergangenheit vergleichen.

GM mit Heimatbonus

Die Opel-Mutter General Motors (GM) war in jüngerer Vergangenheit gleich mehrfach in Skandale verwickelt. Bekannt wurde 2015 der Zündschloss-Skandal.

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Obwohl GM schon längere Zeit von dem Risiko wusste, dass der Zündschlüssel in einigen PKW-Modellen automatisch in die Aus-Position springen und damit Unfälle auslösen kann, kam es erst im Februar 2014 zu einer großen Rückruf-Aktion.

Der Zündschlüssel-Defekt wird mit 124 Todesfällen und mehreren 1.000 verletzten Unfallopfern in Verbindung gebracht. Angesichts dieser dramatischen Zahlen wirkt die Strafe extrem niedrig: GM hat sich mit den US-Behörden auf eine Strafe in Höhe von 900 Mio. US-Dollar geeinigt. Analysten sprechen hier von einem „Heimatbonus“. Die US-Behörden haben den US-Konzern mit Samthandschuhen angefasst.

Ebenfalls Unfallopfer gab es bei einem Skandal rund um Toyota-Modelle. Die Toyota-PKW sollen automatisch (gegen den Willen der Fahrer) beschleunigt und so schwere Unfälle ausgelöst haben. Obwohl die Zahl der möglichen Opfer viel kleiner war als im Fall GM, musste Toyota mit 1,2 Mrd. US-Dollar die höhere Strafe zahlen.

Jeder Skandal ist in der Branche einzigartig, aber wenn man die Folgen des GM-Skandals betrachtet (über 100 Tote, mehrere 1.000 Verletzte), dann darf der VW-Skandal nicht elementar höher bestraft werden. Die theoretisch mögliche Strafe von bis zu 18 Mrd. US-Dollar würde alle Vergleichsfälle um mehr als das Zehnfache übertreffen.

VW-Skandal als Test

Die US-Behörden werden VW – anders als den Heimatkonzern GM – nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die Strafe wird im Milliardenbereich liegen. Ein zweistelliger Milliardenbereich würde aber alles sprengen, was es bisher an Strafen gab.

Auch die Kombination aus Strafe, Klagen und Rückrufaktionen sollte noch unter der Marke von 10 Mrd. US-Dollar liegen. Daher halte ich die erste Rückstellung in Höhe von 6,5 Mrd. Euro aus heutiger Sicht für angemessen. Nicht angemessen ist dagegen die Reaktion an der Börse: Ein Abschlag von über 25 Mrd. Euro passt nicht zum Ausmaß des Skandals.

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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