VW: Betrug, aber kein Jahrhundert-Drama

Die Medien bauschen Meldungen auf und verbreiten diese. Robert Shiller spricht von „Gedankenviren“. Dazu passt auch der aktuelle Fall VW. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Es war die Meldung der Woche: VW hat über mehrere Jahre Abgaswerte manipuliert.

Die Reaktion an der Börse: Der DAX-Konzern hat in der Spitze rund 30 Mrd. € an Marktkapitalisierung verloren.

Über den Betrug und mögliche Folgen (Strafen, Prozess-Risiken, Rückruf-Kosten) habe ich hier im „Schlussgong“ ausführlich berichtet. 2 ergänzende Punkte sind mir heute jedoch noch wichtig:

Ich halte den Zeitpunkt der Skandal-Aufdeckung nicht für einen Zufall.

Und ich halte die Reaktion der Investoren, der Analysten, der Politiker (fast jeder Spitzenpolitiker hat sich geäußert, obwohl erst wenige Fakten als gesichert gelten können) und auch der Medien für maßlos übertrieben.

Es ging nicht um Leben und Tod, sondern um einen Betrug.

Schlimmer geht immer

Ich stelle Ihnen die einfache Frage:

Wie hätten Investoren, Analysten, Politiker und Medien in Deutschland reagiert, wenn VW über einen längeren Zeitraum einen technischen Defekt verheimlicht hätte, der über 100 Menschen das Leben gekostet und zusätzlich mehrere 1.000 Menschen mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht hätte?

Genau das ist dem VW-Konkurrenten General Motors (GM) passiert. Dieser Vorfall wurde aber vor wenigen Monaten relativ geräuschlos mit einer Zahlung von 900 Mio. US-Dollar „erledigt“.

Der VW-Skandal muss aufgearbeitet werden. Die Verantwortlichen müssen bestraft werden und es muss auch eine abschreckende Strafe erfolgen. Ein wirtschaftlicher Weltuntergang ist aber nicht angemessen.

Der VW-Skandal und die künstliche Panik in den Medien passen allerdings zur aktuellen Stimmung in Deutschland.

Bereits im Juni habe ich darüber in meinem Börsendienst „Der Depot-Optimierer“ geschrieben. Damals ging es nicht um den VW-Skandal, sondern um die völlig übertriebene Grexit-Panik:

Die Negativ-Meldungen dominieren in den Medien

Obwohl die deutschen Unternehmen im Auftaktquartal mehrheitlich sehr gute Zahlen präsentiert haben, die deutsche Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenrate weiter sinkt und die Löhne (endlich) spürbar steigen, dominieren in den heimischen Medien die Negativ-Meldungen.

Wir haben uns daran gewöhnt, den täglichen Börsenbericht mit der Griechenland-Krise zu beginnen. Meldungen über den aktuellen Verhandlungsstand beherrschen kurzfristig den DAX-Verlauf. Das Ergebnis: Die Kursschwankungen an den Börsen nehmen zu.

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Der bekannte US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller hat den Unterschied zwischen Faktenlage, Stimmung in den Medien und Verhalten der Anleger untersucht.

Sein Ergebnis: Die Menschen seien ängstlicher als früher und suchen mehr Sicherheits-Anker. Schuld an dieser Verunsicherung seien laut Shiller “Gedankenviren”. Bestimmte Themen und Ängste werden aufgebauscht und dank der modernen Medien weltweit verbreitet.

Robert Shiller: Gedankenviren erobern unser Denken

Shiller nennt auch zwei konkrete Beispiele aus der aktuellen Marktphase: Zum einen die Angst vor einer Kombination aus Deflation und einer langjährigen Konjunkturschwäche (säkulare Stagnation).

Die Angst vor diesem Szenario beherrsche die Medien und hat sich in den Köpfen der Anleger festgefressen. Sogar die Notenbanken wurden infiziert. So pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) Monat für Monat Milliardenbeträge in den Markt, um diese mögliche Gefahr zu bekämpfen.

Laut Shiller gibt es aber keine gesicherten Daten, die zeigen, dass eine säkulare Stagnation herrscht oder zukünftig droht. Für Shiller ist diese panische Angst ein Beispiel für einen “Gedankenvirus”.

Die Crash-Propheten verweisen dagegen stets auf das Beispiel Japan. Doch dieses eine Beispiel reicht Shiller nicht als Argument: “Die japanische Erfahrung ist bisher einzigartig in der Geschichte der Wirtschaft. Daher sollte man sie nicht überbewerten.”

Die überschätzte Griechenland-Krise

Ähnlich bewertet Shiller auch die in den Medien gigantisch aufgezogene Griechenland-Krise. Aus Sicht von Shiller wird das Thema aktuell viel zu hoch gewichtet. Seine Einschätzung: “In zwanzig Jahren erinnert sich keiner mehr an die Griechenland-Krise.”

Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber aus Sicht eines US-Bürgers kann diese Prognose durchaus zutreffend sein. Es stellt sich tatsächlich die Frage, welche Auswirkungen ein Grexit (Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone) auf den Rest der Welt hätte.

Die griechischen Staatsschulden müsste man auch offiziell abschreiben (das gilt aber faktisch jetzt auch schon) und die griechische Volkswirtschaft würde in den ersten Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit zusammenbrechen (tragisch für die griechische Bevölkerung).

Außerhalb Griechenlands wären die wirtschaftlichen Folgen dagegen wahrscheinlich kaum messbar. Für das globale Wirtschaftswachstum spiel Griechenland keine Rolle. Die Rest-Gefahr ist, dass der Austritt von Griechenland das gesamte Projekt Euro-Zone zum Einsturz bringt.

Aber warum soll das System zusammenbrechen, wenn das mit Abstand schwächste Mitglied der Gemeinschaft entfernt wird? Ein Grexit könnte außerhalb von Griechenland komplett wirkungslos verpuffen. Dann wäre auch die Griechenland-Krise nach Shiller nur ein “Gedankenvirus” ohne Substanz.

Mein Fazit

Vorsicht ist an der Börse wichtig. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Vorsicht und krankhafter Angst, die unser Leben und Handeln beherrscht. So weit dürfen wir es nicht kommen lassen.

Es gibt ein (Börsen-)Leben nach der Griechenland-Krise. Und auch der VW-Abgas-Skandal wird in einigen Jahren nur noch eine kleine Fußnote in den Geschichtsbüchern sein.

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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