VW: Der Prozess um Ex-Porsche-Chef Wiedeking – Teil 2

Darum stehen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein ehemaliger Finanzvorstand Holger Härter vor Gericht. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Es ist unser Thema der Woche: Der gestern gestartete Strafprozess gegen den ehemaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seinen damaligen Finanzvorstand Holger Härter. Am Mittwoch habe ich Ihnen daher an dieser Stelle vom Ablauf der spektakulären Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW berichtet.

Heute – im 2. Teil – möchte ich näher auf das Verfahren gegen Wiedeking und Härter eingehen und Ihnen eine Einschätzung zum voraussichtlichen Ausgang sowie zu den juristischen Schwierigkeiten dieses Prozesses geben.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft

Kommen wir zunächst zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft: Porsche hatte unter Wiedekings Führung seit 2005 seine Anteile am viel größeren Volkswagen-Konzern schrittweise erhöht, jedoch die Absicht einer vollständigen Übernahme von VW mehrmals in Pressemitteilungen und mündlichen Auskünften dementiert.

Und genau daran knüpft der Vorwurf der Staatsanwaltschaft an. Denn: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte Porsche bereits damals den konkreten Übernahme-Plan. Sie sieht es als erwiesen an, dass die Übernahmeentscheidung in der von den Familien Porsche und Piëch beherrschten Dachgesellschaft trotz der Dementis schon längst gefallen war.

Mit den Dementis hätten Wiedeking und Härter andere Anleger jedoch davon abgehalten, VW-Aktien zu kaufen und so den Börsenkurs der Papiere bewusst gedrückt. Wiedeking erklärte dagegen, das sei eine „fernliegende und absurde Verschwörungstheorie der Staatsanwaltschaft“.

Zum Hintergrund: Wenn es das Gerücht oder gar eine Bestätigung gibt, dass ein Käufer ein börsennotiertes Unternehmen übernehmen will, steigt in der Regel der Kurs der Aktiengesellschaft (AG), die das Übernahmeziel ist.

Denn: Der Käufer zahlt fast immer einen üppigen Aufschlag auf den aktuellen Aktienkurs, um möglichst viele Aktionäre auf seine Seite zu ziehen. Oder noch besser für die Aktionäre: Es kann sogar zu einem preistreibenden Wettbieten verschiedener potenzieller Käufer kommen.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ist sich sicher, dass Wiedeking und Härter die Übernahmepläne länger als erlaubt verschwiegen haben, mit dem Ziel, den Kurs der VW-Aktie möglichst lange zu drücken, bzw. zumindest nicht steigen zu lassen.

Eine Gefängnisstrafe ist unwahrscheinlich

Sollten Wiedeking und Härter im Rahmen des gestern begonnenen Prozesses verurteilt werden, droht im schlimmsten Falle eine Haftstrafe von bis zu 5 Jahren. Ich gehe jedoch davon aus, dass es maximal zu einer Geldstrafe, gegebenenfalls sogar zu einem Freispruch, kommen wird.

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Warum? Nicht weil ich die beiden für unschuldig halte, sondern vielmehr deshalb, weil einiges dafür spricht, dass es nicht zu einer Freiheitsstrafe kommen wird.

Schon 2012 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, doch das Landgericht Stuttgart lehnte die Verfahrenseröffnung ab. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, daraufhin ließ das übergeordnete Oberlandesgericht (OLG) das Verfahren doch zu.

Das Pikante an der Sache: Ausgerechnet die Strafkammer – also eine Gruppe von Richtern, die das Landgericht-Verfahren zuerst abgelehnt hatte – muss sich nun doch mit dem Prozess beschäftigen. Das bedeutet: Diejenigen, die die Anklage zunächst nicht zugelassen haben, sollen jetzt über den Ausgang des Prozesses entscheiden.

Hinzu kommt, dass Wiedeking und Härter keine bzw. keine nennenswerten Vorstrafen haben und in der Vergangenheit zu den sogenannten Leistungsträgern unserer Gesellschaft zählten. Dies wird sich strafmildernd auswirken.

Fazit und Ausblick: Prozessserie geht weiter

Kommen wir zum Fazit: Für die zivilrechtlichen Klagen seitens einiger Hedgefonds gegen Wiedeking und Härter hat das Urteil im gestern begonnenen Strafprozess nur eine Signalwirkung. Je höher die Strafe im laufenden Strafprozess ausfällt, desto größer die Chancen der Kläger im Zivilprozess.

Ich werde Sie auf jeden Fall auf dem Laufenden halten, wie der Strafprozess ausgeht und was sich im Zivilprozess tut, den einige Hedgefonds gegen die ehemaligen Entscheider bei Porsche führen. Dabei geht es immerhin um Schadenersatzansprüche in Milliardenhöhe.

Der Fall Porsche/VW zeigt Ihnen, dass Sie mit Übernahme-Kandidaten an der Börse oft sehr viel Geld verdienen können, jedoch auch Risiken berücksichtigt werden müssen. Anleger sollten sich daher nicht „blind“ auf Übernahmegerüchte stürzen.

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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