Wall Street: Das Bild des Konflikts

Niemand kann in die Zukunft schauen. Und das ist wohl auch gut so: Denn wer möchte schon sein eigenes Schicksal im Voraus kennen?

Das gilt zumindest für die negativen Aspekte des Wissens um die persönliche Zukunft. Mit den positiven Verläufen unseres Schicksals würden wir wohl weit weniger Probleme haben.

Und nur allzu gerne würden wir die – natürlich auch noch möglichst spektakuläre – Entwicklung einer Aktie oder eines Aktienmarktes kennen, um mit diesem Wissen zumindest die finanzielle Seite unserer ungewissen Zukunft ein wenig „mitzugestalten“.

Die schlechte Nachricht lautet: Auch das kann kein Börsenexperte der Welt. Doch ich habe zugleich eine gute Botschaft für Sie:

Lesen, was der Aktienmarkt uns mitteilt

Mit Hilfe der Charttechnik können Sie immerhin lernen, das zu „lesen“, was uns der Aktienmarkt „mitteilt“. Denn:

Jeder Aktienkurs, der an den Börsen generiert wird, ist ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Und diese beiden Einflussgrößen werden bestimmt von den Akteuren am Aktienmarkt, von den Investoren, also unter anderem auch von Ihnen.

Wenn Sie so wollen, sind die täglich festgestellten Kurse nichts anderes als die Manifestationen unserer eigenen Einschätzungen, Sorgen, Ängste, Euphorie, Gier oder Nöte, aber auch von Notwendigkeiten (beispielsweise weil das eingesetzte Kapital für andere Zwecke benötigt wird).

Chart: Das Selfie des Kursverlaufes

Charts wiederum halten den Verlauf der Kurse sozusagen „im Bild“ fest. Das bedeutet:

Charts zeigen Ihnen nichts anderes als den „Spiegel menschlichen Verhaltens“ zu einem gegebenen Zeitpunkt. Genau das ist aber zugleich Ihr Vorteil:

Denn menschliches Verhalten, also sämtliche Facetten zwischen „Gier und Angst“, wiederholt sich. Das ist der Grund, warum wir in der Charttechnik Kursmustern bzw. Chart-Formationen vertrauen (können).

Rechteck: Das Bild des Konflikts

Das Buch „Technische Analyse von Aktien-Trends“ wird gerne auch als „Bibel der Charttechniker“ bezeichnet. Seine Autoren, Robert D. Edwards & John Magee, haben die Chart-Formation des Rechtecks treffend als „Bild des Konflikts“ charakterisiert.

Sicherlich: Den Kampf zwischen Angebot und Nachfrage, also zwischen Bullen und Bären, spiegelt jede Chart-Formation wider. Bei den meisten Kursmustern hat jedoch eine Seite ein leichtes Übergewicht, das sie auszubauen versucht.

So überwiegen beispielsweise bei einem Doppelboden die Käufer – und deren wahrscheinlicher Erfolg lässt sich meist schon recht früh an der Chart-Formation ablesen.

Rechtecke hingegen zeigen ein Pendeln zwischen 2 Kurs-Niveaus. Das dokumentiert ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis zwischen Bullen und Bären – und wird im Chart sichtbar als „Bild des Konflikts“.

Dow Jones seit Dezember in einem Konflikt

Ein solches Rechteck finden wir seit mehreren Monaten im Dow Jones. Tatsächlich sind es sogar 2 aufeinander folgende Seitwärts-Bewegungen.

dow jones-15-06-2015

Dow Jones: „Das Bild des Konflikts“ zwischen Bullen und Bären

Wie Sie sehen, bildet die runde (und psychologisch wichtige) Marke von 18.000 Punkten im amerikanischen Leitindex seit Dezember des vergangenen Jahres eine zentrale Rolle:

Erst prallte der Dow Jones zwischen Dezember 2014 und Mitte Februar 2015 mehrfach an diesem Niveau ab (gelb unterlegt). Seither pendelt der Index in einer Spanne von knapp 800 Punkten um die 18.000er-Marke herum (grün unterlegt).

On-Balance-Volumen: Der ausgeglichene Kampf

Das On-Balance-Volumen zeigt den ausgeglichenen Kampf zwischen Bullen und Bären noch eindringlicher. Dieser Indikator verknüpft bekanntlich die täglichen Kursveränderungen mit den dazu gehörigen Umsätzen. Und er macht deutlich:

Privatanleger und Großinvestoren können sich seit annähernd 7 Monaten nicht für eine Trend-Richtung entscheiden (blau unterlegt). Erst wenn dieser „Konflikt“ von den Bullen oder den Bären für sich entschieden wird, wissen wir, wie es an der Wall Street weiter geht.

Doch ich hab zum Abschluss noch eine gute Nachricht für Sie:

Rechtecke gehören zur Kategorie der „Konsolidierungs-Formationen“. Und diese Gattung von Kursmustern kündigt in aller Regel die Fortsetzung des zuvor dominierenden Trends an.

Und das war, wie wir wissen, ein Aufwärtstrend.

So: Jetzt habe ich heute für Sie doch ein wenig in die Zukunft „geblinzelt“.

15. Juni 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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