Wall Street: Die Geschichte von der Bärenjagd

Kennen Sie die Geschichte von der Bärenjagd?

Ich las diese Analogie vor vielen Jahren in einem Buch meiner umfangreichen Börsen-Bibliothek – leider erinnere ich mich nicht mehr an den Autor. Die Geschichte ging in etwa so:

Zwei Jäger lesen auf einem Schild in einem Geschäft: „50 Dollar Belohnung pro totem Bär!“ Als ortskundige Wildtöter wissen sie natürlich, wo Bären wahrscheinlich zu finden sind. So ziehen sie also los.

Als die Nacht heran bricht, schlagen die beiden ihr Zeltlager in dem Jagdgebiet auf. Am nächsten Morgen werden sie von einem markerschütternden Gebrüll geweckt.

Einer der Jäger lugt vorsichtig aus dem Zelt und erblickt unzählige wütende Bären um das Lager herum. Sein Kollege fragt ihn, was denn da draußen los sei?

Seine Antwort: „Mein Lieber, wir werden reich!“

So ähnlich gestaltet sich die aktuelle Marktlage.

Jäger oder Gejagter?

Die Wall Street zeigte sich gestern massiv erholt: Die großen Indizes wie Dow Jones (+4,0%), S&P 500 (+3,9%), NYSE Composite (+1,2%), Nasdaq 100 (+5,1%) oder Nasdaq Composite (+4,2%) legten kräftig zu.

Von den 500 im S&P 500 enthaltenen Aktien schlossen lediglich 11 Aktien im Minus. Das sind beeindruckende Werte, finden Sie nicht?

Also war’s das dann mit der Marktkorrektur? Ist der Spuk vorüber? Wenn Sie jetzt kaufen, werden Sie also reich?

Hm. Schauen wir mal auf ein paar Fakten:

Von Bären umzingelt

Zunächst einmal ging der gestrigen Erholung eine Serie von 6 Handelstagen mit Kursabschlägen voraus. In diesen 6 Börsensitzungen verlor der S&P 500 insgesamt -11,2% an Wert.

Eine vergleichbare Serie gab es zuletzt im Herbst-Crash 2011: Damals gab der S&P 500 in 7 Handelstagen in Folge insgesamt -6,8% nach. Allerdings fiel der Crash für die Wall Street damals recht glimpflich aus:

Der DAX verlor im selben Zeitraum satte -23,1%. Insgesamt büßte der deutsche Leitindex in jenem Herbst-Crash -30,3% ein. Der S&P 500 kam mit einem Minus von -18,1% davon.

Eine völlig normale Verschnaufpause

Nach einer Ausverkaufs-Serie von 6 Handelstagen mit negativem Vorzeichen und Einbußen von -11,2% ist eine kräftige Erholungs-Rallye ein völlig normaler Vorgang und sollte daher nicht überbewertet werden.

Doch es gibt noch weitere Fakten zu diskutieren. Schauen wir dazu einmal gemeinsam auf den folgenden Tages-Chart den S&P 500:

s&p 500 tages-chart-27-08-2015

S&P 500 Tages-Chart: Keinerlei Umkehrsignale

An den pinkfarbenen Linien erkennen Sie, dass der US-Index gestern einen sogenannten Inside-Day (Innen-Tag) ausgebildet hat. Dabei liegen Tageshoch und Tagestief innerhalb der Ober- und Untergrenze des vorhergehenden Handelstages.

Ein solcher Inside-Day ist KEIN Umkehrsignal, sondern kündigt laut Charttechnik oftmals eine „deutliche Preisveränderung“ an – die Richtung ist dabei offen!

Großinvestoren verkauften zuletzt massiv

Ein anderer Aspekt ist der Umsatz. So lag der Umsatz gestern zwar klar über dem 50-Tage-Durchschnitt, allerdings auch unter dem Umsatz des Vortages.

Und wie Sie am On-Balance-Volumen (OBV) erkennen, hat der Index am vergangenen Freitag ein allzu deutliches Verkaufssignal generiert:

Das OBV ist aus dem ohnehin schon leicht abwärts geneigten Trend-Kanal nach unten ausgebrochen. Das bedeutet:

Die Großinvestoren haben seither ihre Verkäufe intensiviert.

Fazit

Auch wenn Sie an dieser Stelle von mir gerne etwas Positiveres lesen würden: Die Börse ist nun einmal kein Wunschkonzert.

Es geht einzig darum, die vom Markt ausgesendeten Signale mit Hilfe der Charttechnik zu erkennen und zu interpretieren.

Was gestern an der Wall Street geschah, ist, objektiv betrachtet, zunächst einmal nichts weiter, als ein Durchatmen nach 6 sehr heftigen Verlusttagen in Serie.

Der Ausbruch aus der extrem langgestreckten Seitwärts-Bewegung (blau unterlegt) ist ein sehr ernst zu nehmendes Verkaufssignal. Was aus solchen charttechnischen Eskapaden resultieren kann, sehen Sie im nachfolgenden Wochen-Chart:

Brent Oil Index-27-08-2015

Brent Oil Index: Absturz aus langgestreckter Seitwärtsbewegung

Der Ölpreis pendelte vor seinem Zusammenbruch von Februar 2011 bis September 2014 in 2 ineinander verschachtelten Seitwärts-Bewegungen auf und ab. Und ja: Auch hier finden wir nach 4 heftigen Verlustwochen in Folge eine Inside-Woche (roter Kreis) vor.

Also, falls das auf Sie zutrifft: Dämpfen Sie vorsichtshalber erst einmal Ihre gestern aufgrund der Wall Street-Entwicklung gewonnene Euphorie.

Entscheiden Sie selbst, in welcher Rolle Sie sich derzeit wohler fühlen: Als Bärenjäger oder als von Bären Gejagter!?

27. August 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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