Wall Street: Die Perspektive für 2018 – Teil 1

Was dürfen wir in diesem Jahr von der Wall Street erwarten? Meine charttechnische Analyse gibt Aufschluss. (Foto: Pavel Ignatov / shutterstock.com)

Heute wollen wir auf die Chancen der Wall Street im neuen Börsenjahr 2018 schauen. Doch welchen Index sollten wir uns dazu anschauen?

Der Dow Jones ist zwar älteste und der weltweit bekannteste, aber zugleich wohl auch der Index, dem wir charttechnisch immer weniger vertrauen können. Warum?

Dow Jones: Für Charttechnik immer weniger geeignet

Im Gegensatz zu einem Performance-Index (wie beispielsweise dem DAX) werden bei diesem Kursindex keine Dividenden und Bezugsrechte der Mitglieder berücksichtigt. Wie der volle Name Dow Jones Industrial Average schon besagt, wird sein Wert aus dem Durchschnitt der Kurse seiner Mitglieder ermittelt.

Und genau da liegt das Problem:

Früher wurde der Index-Stand schlichtweg durch Aufsummierung der Kurse und anschließender Division durch die Zahl der Mitglieder (30) errechnet. Laut Wikipedia wird heute ein um Kapitalmaßnahmen oder Änderungen der Mitglieder angepasster Divisor verwendet, um „eine historische Kontinuität sicherzustellen“.

Das ist indes lediglich eine „kosmetische“ Maßnahme.

Nicht alle Werte im Topf, die im Topf sein sollten / müssten

Diese Berechnungsmethode führte und führt noch immer zu Problemen: Aktiengesellschaften, die aufgrund ihrer Größe und wirtschaftlichen Bedeutung eigentlich Mitglied im Dow Jones sein „müssten“, können das nicht werden, wenn der Kurs Ihrer Aktie zu hoch ist.

So ist mit Amazon der nach Marktkapitalisierung derzeit größte Wert im Dow Jones NICHT vertreten, weil der Kurs von mehr als 1.200 USD den Index-Stand noch stärker nach oben hieven würde.

Apple wurde vor einigen Jahren erst integriert, nachdem das Unternehmen seinen hohen Kurs mittels eines Aktien-Splits drastisch absenkte.

Umgekehrt führen selbst größere Abschläge von Aktien mit einem niedrigen Kurs kaum zu Index-Rückgängen: So hat beispielsweise General Electric in den vergangenen 12 Monaten mehr als -40% (von 31,50 USD auf 18,15 USD) verloren – auf den Index hat sich das kaum ausgewirkt.

S&P 500: Gewichtung verzerrt das Bild

Die Alternative zum Dow Jones ist der S&P 500. Auch dieser Index hat indes seine Tücken. Aufgrund der Gewichtung seiner Mitglieder wird der Index von wenigen Schwergewichten dominiert:

Dieser Chart bringt Ruhe ins Chaos der aktuellen BörsenlageDer selten analysierte Dow Jones Transportation Average zeigt, dass der Aufwärtstrend intakt ist. Die Trendlinie hat gerade so gehalten. › mehr lesen

Stand Oktober 2016 (Quelle: Wikipedia) hat beispielsweise Apple mit 3,25% das mit Abstand höchste Gewicht im Index. Auf Rang 2 und 3 folgen Microsoft mit 2,41% und ExxonMobil mit 1,92%. Das Quintett ergänzen Amazon.com mit 1,76% und der Gesundheitskonzern Johnson & Johnson mit 1,73%.

Anders ausgedrückt: Allein diese 5 Werte bringen zusammen schon 11,07% auf die Marktkapitalisierungs-Waage! Nehmen Sie noch die nächsten 5 Werte (Facebook, Berkshire Hathaway, General Electric, AT&T, JPMorganChase) hinzu, dann reden wir über 18,18%!

Die charttechnische Alternative: S&P 500 Equal Weighted

Was also tun? Die „aufrichtigste“ Entwicklung zeigt meines Erachtens der S&P 500 Equal Weighted Index: Wie der Name schon aussagt, werden hier ALLE 500 Titel gleichgewichtet.

Schauen wir zunächst einmal auf den Monats-Chart:

spx equal weighted_04-01-2018

S&P 500 Equal Weighted: Hohe Niveaus, aber alle Aufwärtstrends intakt

Der Index befindet sich seit Februar 2009 in einem Aufwärtstrend. Das ist schon mal eine reichlich lange Zeitspanne.

Der Aufwärtstrend wird vom 14-Monats-Relative Stärke Index (RSI) bestätigt: Der Indikator für Trend-Intensität ist derzeit sogar recht weit von seinem Basis-Trend entfernt.

Seit dem Tiefpunkt im Januar 2016 hat sich ein noch steilerer Aufwärtstrend im RSI ausgebildet. Und wie Sie unschwer erkennen können, befindet sich der Indikator mit aktuell 81,07% in ausgesprochen „luftiger“ Höhe.

Das ist nicht perse ein Grund zur Besorgnis: Wie Sie im Chart sehen, bewegte sich der RSI in den Jahren 2013 und 2014 recht ausdauernd zwischen 70% und 80%.

Immerhin ist das indes ein Punkt, den Sie im Hinterkopf behalten sollten. Am kommenden Montag werden wir uns die mittel- und kurzfristigen Perspektiven der Wall Street anschauen.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.