Wall Street: Droht uns nun eine Rezession?

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Gestern trat das Phänomen einer inversen US-Zinsstruktur auf. Wir schauen auf die Hintergründe und die Charttechnik. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

An der Wall Street ging es gestern ordentlich zur Sache: Die bekannten Leit-Indizes verloren zwischen -2,9% und -3,1% an Wert. Der Grund:

Am US-Anleihemarkt kam es zu einem eher selten gesehenen Phänomen: Die Rendite der kurzfristigen 2-Jahres-Staatsanleihen überstieg zeitweilig die der 10-jährigen US-Papiere.

Die Investoren bewerten das als einen Frühindikator für eine bevorstehende Rezession. Wir schauen auf die Hintergründe.

Wenn Sie die Marktkommentare heute aufmerksamer lesen, dann stellen Sie fest, dass einige Markt-Experten dazu raten, in die Kursschwäche hinein – also antizyklisch – Aktien zu kaufen.

Selbstverständlich gebe ich Ihnen dazu auch meine charttechnische Einschätzung weiter.

Was ist eine inverse Zinsstruktur eigentlich?

Beginnen mit der inversen Zinsstrukturkurve, wie das eingangs genannte Phänomen auch bezeichnet wird. Invers bedeutet umgekehrt oder verkehrt:

Denn eigentlich sollten Sie als Anleger ja mehr Rendite mit Anleihen erzielen, je länger Sie Ihr Geld darin investiert lassen. Aktuell erhalten Käufer von 2-jährigen US-Staatsanleihen einen Hauch mehr oder gleich viel Rendite, wie die Investoren, die langlaufende Papiere ordern.

Wie es zu einer inversen Zinsstruktur kommt

Rein technisch betrachtet steigen die Renditen, wenn die Anleihekurse fallen – umgekehrt sinken sie, wenn die Notierungen der festverzinslichen Papiere steigen.

Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen hat sich seit dem Top bei 3,23% im Oktober 2018 auf aktuell 1,6% etwas mehr als halbiert. Die Kurse dieser Anleihen sind also kräftig gestiegen, was auf eine massive Nachfrage in den zurückliegenden 8 ½ Monaten schließen lässt.

Auch die Rendite der 2-jährigen Anleihen ist gesunken: Von 2,95% im Oktober 2018 auf aktuell 1,6%. Aber eben nicht ganz so stark wie die der 10-jährigen.

Anders ausgedrückt: Die Investoren rechne(te)n mit sinkenden US-Zinsen und waren daher bestrebt, sich die (noch) hohen Renditen zu sichern.

Warum sich eine Rezession ankündigen soll

Doch warum lässt ein solches Ereignis den Dow Jones mal eben um 600 Punkte abstürzen?

Das letzte Mal, als dieses Phänomen auftrat, war im Jahr 2007. Sie erinnern sich gewiss: Die Finanzkrise löste eine Rezession aus – es folgten weltweit massive Kursverluste an den Aktienmärkten.

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Bleibt es bei einer inversen Zinsstruktur, dann müssen Banken beispielsweise für ihre Refinanzierung mehr aufwenden als sie über die Vergabe von Krediten verdienen. Das wiederum führt meist zu einer größeren Zurückhaltung bei der Kreditvergabe

Langfristige Investitionen der Unternehmen sind dadurch teurer als kurzfristige Finanzierungen. Wird jedoch weniger investiert, dann hat das entsprechende Folgen für die Konjunktur.

Mein langfristiger Lieblings-Indikator

Schauen wir nun einmal auf die Charttechnik des S&P 500, um zu sehen, ob wir es hier mit Kaufkursen zu tun haben. Diesmal beginnen wir mit einer langfristigen Kurshistorie, in die ich den Relative-Stärke-Index (RSI) eingeblendet habe.

Als längjähriger Chartanalyse-Trends-Leser wissen Sie, dass ich den Trend-Intensitäts-Indikator auf meine eigene Weise interpretiere:

Ich habe vor langer Zeit einmal herausgefunden, dass der RSI auf Monatsebene hervorragende langfristige Kauf- und Verkaufssignale generiert. Ganz einfach, indem er seine eigenen Auf- und Abwärtstrends durchbricht.

S&P 500: RSI schon seit Ende 2017 im Abwärtstrend

Wie Sie sehen, bewegt sich der 14-Monats-Relative-Stärke-Index seit Ende 2017 in einem Abwärtstrend. Darüber hinaus wurde im Oktober 2018 der seit dem Jahr 2009 bestehende Aufwärtstrend nach unten durchschlagen.

Nach den neuen Rekordmarken der letzten Monate sah es zeitweilig so aus, als könne der RSI sich fangen und wieder in den 2009er-Aufwärtstrend zurückkehren. Ja es bestand zwischenzeitlich sogar die Chance, dass der Abwärtstrend seit Ende 2017 nach oben durchstoßen werden könnte.

Fazit

Das gestern an der Wall Street aufgetretene Signal einer inversen Zinsstruktur wäre negativ für die Konjunktur: Es kündigt – wie zuletzt im Jahr 2007 – eine Rezession an. Allerdings:

Das gilt nur dann, wenn sich dieses Signal verstetigt, also die Rendite der kurzfristigen 2-jährigen US-Staatsanleihen für längere Zeit über der für die 10-jährigen Papiere notiert. Das wäre in der Tat ein unschönes Signal:

Denn es bedeutet weiter fallende Notierungen an der Wall Street! Leider bestätigt die Charttechnik diese Möglichkeit: Der 14-Monats-Relative-Stärke-Index bewegt sich bereits seit 1 ½ Jahren im Abwärtstrend.

Anfang kommender Woche schaue ich für Sie noch auf einige andere charttechnische Indikatoren, die uns helfen, die künftigen Marktchancen noch etwas präziser einzuschätzen.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.