Wall Street: Ende der Zinsphantasie?

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In den Marktkommentaren können Sie heute schon wieder einen Abgesang auf den US-Aktienmarkt vernehmen. Das ist Unsinn! (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

An der Wall Street fielen die Indizes gestern Abend im Schnitt um ein halbes Prozent zurück. Und was lesen Sie dazu heute früh in den Marktkommentaren?

Sinngemäß wird das Ende der Aufwärtsbewegung eingeläutet: Ganz einfach, indem unterstellt wird, die Zinsphantasie sei nun verpufft. Echt jetzt?

Das ist wieder mal so ein Tag, wo ich Marktkommentare am liebsten verbieten würde! Das kann ich selbstverständlich nicht. Daher empfehle ich Ihnen wenigstens, sie weiträumig zu ignorieren.

Und ich begründe Ihnen das auch. Lassen Sie sich von der aktuellen Wall Street-Einschätzung der Marktkommentatoren nicht beirren!

Zinsphantasie beflügelt die Kurse meistens

Sie erinnern sich: Vor 4 Wochen hatten die Chefs der Notenbanken in Europa und den USA eine Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Extra-Liquidität und niedrigere Zinsen begünstigen prinzipiell die Wirtschaft und beflügeln damit generell die Aktienkurse.

Und die hatten auch entsprechend reagiert: Der DAX stürmte innerhalb von 2 ½ Wochen um 600 Punkte auf ein neues Jahreshoch von 12.656 Zählern, nachdem die Europäische Zentralbank EZB eine Wiederaufnahme des Anleiherückkaufprogramms in Aussicht stellte.

Die Wall Street folgte am Tag darauf, nachdem FED-Chef (Federal Reserve Bank) Jerome Powell Leitzinssenkungen für möglich erachtete.

Allerdings gibt es zwischen DAX und Dow Jones zwei gravierende Unterschiede.

Dow Jones auf Allzeithoch, DAX nur auf Jahreshoch

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten Punkt:

Dow Jones auf Allzeithoch, DAX nur auf Jahreshoch 

Diese Grafik zeigt die beiden Leitindizes als Jahres-Chart. Die blauen Pfeile und die gelben Kreise machen deutlich:

Der Dow Jones befindet sich derzeit wieder auf Rekordkurs – dem DAX fehlen hingegen noch rund 1.150 Zähler, um die bisherige Bestmarke aus dem Jahr 2018 überhaupt zu erreichen.

Das macht den Dow Jones zum Punktsieger, da neue Allzeithochs regelmäßig weitere Rekorde nach sich ziehen.

Dow Jones zeigt wieder Relative Stärke gegenüber DAX

Der folgende Chart belegt, dass der Dow Jones sich in den kommenden Wochen einmal mehr besser entwickeln wird, als der DAX.

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Bei einem reinen Übereinanderlegen von Kursverläufen ist nicht immer klar erkennbar, welcher gerade die Nase vorn hat. Das kann obendrein noch durch die Wahl des zeitlichen Ausgangspunktes des Vergleichs verzerrt werden.

Die Charttechnik hält indes für uns ein Instrument bereit, mit dem diese Unwägbarkeiten ausgeschaltet werden: Der Spread (die Spreizung) wird berechnet, indem Sie eine Aktie oder einen Index börsentäglich durch den Vergleichswert dividieren.

Die nachfolgende Grafik zeigt den Spread für den Dow Jones und den DAX über die vergangenen 8 Jahre:

Dow Jones zeigt wieder Relative Stärke gegenüber DAX 

Seit dem Herbst-Crash 2011 demonstrierte der DAX tendenziell Relative Stärke gegenüber seinem US-Pendant: Der Spread war weitgehend abwärts gerichtet, wie Sie an dem Trend-Kanal ablesen können.

Dies hat sich seit dem Sommer 2017 grundlegend geändert: Nun zeigt der Dow Jones Relative Stärke gegenüber dem deutschen Leitindex.

Der gelbe Kreis markiert die jüngste Entwicklung: Der Spread hat den seit Februar dieses Jahres gültigen Abwärtstrend nach oben verlassen – der Dow Jones beschleunigt demzufolge gerade wieder.

Fazit

Marktkommentare sind eine Geißel: Sie versuchen, dem Börsen-Unerfahrenen das tägliche Auf und Ab der Kurse zu begründen. Doch Sie sollten sich einmal eines bewusst machen:

Nicht die Kurse reagieren auf Ereignisse irgendwelcher Art: Es sind die Investoren, die auf Ereignisse mit ihrer Einschätzung der Dinge und ihrem daraus resultierenden Handeln reagieren! Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Schließlich hätten die Investoren auf die Ankündigung einer lockereren Geldpolitik auch negativ reagieren können, wenn sie es für ein falsches Signal halten. Dann hält dieselbe Begründung mal für steigende, mal für fallende Kurse her.

Vergessen Sie deshalb die Marktkommentare. Schauen Sie stattdessen auf das, was die Investoren aus ihren Erwartungen machen. Den Blick darauf ermöglicht Ihnen die Charttechnik bzw. die Chartanalyse.

Davon abgesehen sucht sich die Börse immer wieder neue Themen, die dann für eine Weile im Fokus der Anleger stehen. Grad gestern habe ich Ihnen aufgezeigt, auf was sich die Investoren an der Wall Street in den nächsten Wochen fokussieren: Die anlaufende Quartalsberichtssaison!

Last not least: Wenn ein Aktienmarkt nachhaltig auf neue Bestmarken klettert, dann setzt sich dieser Trend fast immer fort. Aber Sie müssen den Notierungen nach einer Rallye auch einmal eine Verschnaufpause zubilligen.

Es geht an den Börsen nicht unentwegt nur aufwärts (oder abwärts). Wichtig ist der Trend: Und der zeigt für die Wall Street, auch gegenüber dem DAX, klar nach oben – ob nun mit oder ohne Zinsphantasie!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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