Wall Street: Großinvestoren-Geheimnis gelüftet

Was sich gestern Abend an der Wall Street tat, war nicht dazu geeignet, die strapazierten Nerven der Anleger zu beruhigen:

Der Indizes starteten zunächst in den Handelstag, als wollten sie die Botschaft vermitteln, die Kursrückgänge der letzten 4 Handelstage seien nur ein „böser Spuk“ gewesen.

Der Nasdaq 100, der die Kursentwicklung der 100 größten amerikanischen Technologie-Aktien widerspiegelt, lag gleich zu Handelsbeginn rund +3,5% im Plus.

Knapp 2 Stunden später erreichte der Index sein Tageshoch – von da ab ging’s jedoch bergab.

Der nachfolgende 5-Minuten-Chart der gestrigen Börsensitzung zeigt, was dann geschah:

nasdaq 100-5-minuten-chart-26-08-2015

Nasdaq 100 (5-Minuten-Chart): Starke Anfangs-Gewinne komplett pulverisiert

Vor allem in der letzten Handelsstunde ging es wieder heftig gen Süden: Der feine Start-Gewinn wurde am Ende komplett pulverisiert! Ich schreibe es Ihnen nur ungern, aber:

Das ist ein Handelsverlauf, der typisch für einen Bärenmarkt ist. Und in einem solchen Markt sollten Sie als Investor besser die Rolle des Zuschauers einnehmen.

Wir befinden uns in einem Bärenmarkt

Auf einen Bärenmarkt deutet auch das Thema hin, dass wir heute diskutieren wollen. Ich hatte Ihnen ja zugesagt, den grün umrandeten Bereich im gestrigen Chart des Bullish-Percent-Index (BPI) vom Nasdaq 100 zu erklären.

Daher zunächst noch einmal der Chart:

bullish percent index nasdaq 100-26-08-2015

Bullish-Percent-Index des Nasdaq 100: Bestätigter Bärenmarkt (Quelle: stockcharts.com)

An der 2 in der O-Säule links vom grünen Rechteck können Sie ablesen, dass der Nasdaq 100 im Februar zu einer vermeintlich fabelhaften Rallye durchstartete.

Die Phase innerhalb des grünen Rahmens zeigt Ihnen, dass die Großinvestoren dann bis in den Juni hinein hin und her gerissen schienen: Die Fluktuation im BPI wurde immer kleiner.

Doch auch nach dem Verkaufssignal im Juni – die vorhergehende O-Säule wurde unterschritten – blieben die Großanleger scheinbar unentschlossen. Ich habe lange gerätselt, was hier vor sich ging.

Tatsächlich ist in dieser Zeit etwas – für die Privatanleger – ziemlich Übles abgelaufen. Schauen wir dazu einmal auf den klassischen Chart des Nasdaq 100:

nasdaq 100-26-08-2015

Nasdaq 100: Großinvestoren luden Positionen auf Privatanleger ab

So arbeiten die Großinvestoren

Hier sehen Sie im Anschluss an die Februar-Rallye ab März plötzlich 2 Phasen (grün und gelb), in denen das Technologie-Barometer – mit einer leichten Niveau-Anhebung Mitte April – im Wesentlichen seitwärts lief.

Diese Zeit haben viele Großinvestoren dazu genutzt, Positionen bei den Privatanlegern „abzuladen“:

Großinvestoren halten regelmäßig sehr große Aktienpositionen. Diese können nicht, wie bei einem Privatanleger, auf einen Schlag verkauft werden, weil man sich sonst die eigenen Verkaufskurse „kaputt“ machen würde.

Daher lösen die Großanleger ihre Positionen in vielen kleinen, weniger auffälligen Tranchen über einen längeren Zeitraum auf.

Aufgrund der schieren Masse an Großinvestoren lassen sich diese Aktivitäten auf dem Chart verfolgen. Börsenprofis bezeichnen sie als „Distributionstage“.

Große Aktienblöcke wurden verteilt

Ich habe solche Handelstage im Chart einmal mit vertikalen blauen Balken gekennzeichnet:

Die Indizes fallen gegenüber dem Vortag (roter Umsatzbalken) und der Umsatz liegt entweder über dem des Vortages und / oder über dem Durchschnitt der letzten 50 Tage (schwarze Linie).

Es ist ebenfalls gut zu erkennen, dass sich die Zahl der Distributionstage ab Ende April signifikant erhöht hat. Ein weiteres Warnzeichen entstand Ende Juli:

Der Kursausbruch aus der Seitwärts-Bewegung im selben Monat war lediglich von unterdurchschnittlichen Umsätzen getrieben. Das ist in etwa vergleichbar mit einem Rennwagen, dem kurz nach dem Start schon der Sprit ausgeht.

In der 2. Juli-Hälfte folgten dann weitere 4 recht massive Distributionstage innerhalb von nur 5 Handelstagen!

Fazit

Es ist in jedem Börsenzyklus das gleiche Spiel: Am Ende eines Aufwärtstrends halten vor allem die Privatanleger die Aktienpositionen, während sich die Großinvestoren weitgehend aus Aktien verabschiedet haben.

Gehen die Kurse dann in die Knie, reagieren die Privatanleger meist zögerlich: Sie warten ab, weil Ihnen ja von den „Experten“ suggeriert wird, dass die Kursrückgänge „völlig überzogen“ und vielmehr sogar „Schnäppchenkäufe“ angesagt seien.

Erst in der größten Panik verkaufen die Privatanleger dann später mit hohen Verlusten, während die Großinvestoren zu Tiefstkursen die zuvor verkauften Aktien wieder einsammeln.

Wenn die Aktienmärkte dann wieder aufwärts streben, sind die Großinvestoren weitgehend unter sich:

Die Privatanleger sind derart frustriert, dass sie der Börse bis auf Weiteres den Rücken zukehren. Zumal sie ohnehin davon ausgehen, dass die Aktienmärkte lediglich eine Erholungspause einschieben, bevor es weiter abwärts geht.

Erst wenn die Privatanleger erkennen, dass sie erneut irren, laufen sie den inzwischen bereits kräftig gestiegenen Kursen hinterher – ein neuer Börsenzyklus nimmt seinen Lauf!

Jetzt, da Sie das Geheimnis der Großinvestoren kennen, sollten Sie es künftig besser machen!

26. August 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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