Wall Street: Himmelhochjauchzend oder bald wieder zu Tode betrübt?

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Kennt die Wall Street wieder einmal kein Ende? Erleben wir schon bald neue historische Bestmarken? (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Die Wall Street erlebt im bisherigen Jahresverlauf das exakte Gegenstück zur Entwicklung im 4. Quartal 2018. Man ist geneigt, es mit „himmelhochjauchzend nach zu Tode betrübt“ zu umschreiben:

Von Rekordgipfel Anfang Oktober bis zum Zwischentief an Weihnachten 2018 büßte der Dow Jones knapp -20% ein. Seither hat er in 9 Wochen in Folge ununterbrochen und um insgesamt fast +18% wieder zugelegt.

Die folgenden Fragen sind also durchaus legitim: Kann es in diesem Tempo weiter aufwärts gehen? Erreichen wir schon in den nächsten Wochen neue historische Bestmarken in den US-Indizes?

Ich habe mir die Charttechnik des Dow Jones einmal etwas genauer angeschaut. Hier meine Antworten.

Jede Serie endet einmal …

Eine vergleichbare Gewinnserie legte der Dow Jones zuletzt vor etwas mehr als 24 Jahren aufs Börsenparkett: Vom Tief bei 3.395 Punkten am 3. März 1995 verbuchte der Leitindex seinerzeit 10 Wochengewinne in Folge bis zum Zwischenhoch bei 4.430 und gewann dabei +30,5%.

Das heißt: Schließt der Dow Jones am Freitagabend in New York über der Marke von 26.031,81 Punkten, dann wäre die Rallye aus dem Jahr 1995 eingestellt.

Doch Sie können auch noch mit etwas anderem rechnen: Jede Serie geht einmal zu Ende. Das gilt auch für die derzeit noch laufende Rallye.

Dow Jones: Es winkt eine Korrektur

Der nachfolgende Tages-Chart macht deutlich, dass ein Ende dieser Serie sogar greifbar nahe ist:

Dow Jones: Potenzial der Aufwärtsbewegung praktisch ausgeschöpft

Das On-Balance-Volumen (OBV) verknüpft die börsentäglichen Kursänderungen mit den dazugehörigen Umsätzen. Kräftige Ausschläge, die mit hohen Umsätzen verbunden sind, zeigen Ihnen auf diese Weise, wie sich die Großinvestoren verhalten.

Und da fällt auf: Vorgestern erreichte das OBV exakt das Top, das beim Rekordhoch am 3. Oktober 2018 markiert wurde. Dem Dow Jones selbst fehlen dazu genau 710 Zähler (gemessen vom Montagshoch).

Auch das OBV neigt zur Ausbildung von Widerständen und Unterstützungen – erkennbar an den gestrichelten Horizontalen im Indikatorteil. Somit ist die Wahrscheinlichkeit derzeit recht hoch, dass der Dow Jones das Potenzial seiner Aufwärtsbewegung weitgehend ausgeschöpft hat.

Umgekehrt folgt daraus aber auch: Gelingt es dem Leitindex, im OBV nachhaltig höhere Hochs zu generieren, dann dürfen Sie davon ausgehen, dass wir in den kommenden Wochen / Monaten neue historische Bestmarken im Dow Jones erleben werden.

Fibonacci: Rechenmeister des Mittelalters

Die Frage, die daraus aber noch vorab resultiert, lautet: Bis wohin kann eine Korrektur der Aufwärtsbewegung seit Weihnachten 2018 den Index führen?

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Schauen wir dazu einmal auf einen Dow Jones-Chart, in den ich Ihnen die sogenannten Fibonacci-Retracements eingeblendet habe. Worum geht es dabei?

Ganz kurz: Die Methodik des Retracements (=Korrekturziele) geht zurück auf den um 1170 geborenen italienischen Mathematiker Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci. Dieser Rechenmeister gilt als der bedeutendste Mathematiker des Mittelalters.

Leonardo da Pisa entdeckte unter anderem eine nach ihm benannte Zahlenfolge. Die daraus abgeleiteten Proportionen sind die Basis für die in der Charttechnik gebräuchlichsten Korrekturverhältnisse: 23,6%, 38,2%, 50,0%, 61,8% und 76,4%.

Wahrscheinliche Korrekturziele: 25.172, 24.511 und 23.976 Punkte

Hier nun also der versprochene Chart:

Dow Jones: Die wahrscheinlichen Fibonacci-Korrekturziele

Unterstellen wir einmal, dass der Dow Jones am Montag mit 26.241,42 Punkten sein vorläufiges Zwischenhoch erreicht hat. Dann ergeben sich daraus die über den Chart ermittelten (grünen) Korrekturziele nach Fibonacci von 25.172 (-23,6% der Aufwärtsbewegung seit Weihnachten), 24.511 (-38,2%) und 23.976 Punkten (-50%).

Sie sehen auch: Die Erholung nach dem Absturz im 4. Jahresviertel 2018 geht inzwischen deutlich über das „Normalmaß“ hinaus: Es fehlt nicht mehr viel an einer 100%-Korrektur der Abwärtsbewegung (rote Fibonacci-Korrekturziele).

Fazit

Die eingangs aufgeworfenen Fragen können wir demnach wie folgt beantworten:

Mit jedem weiteren Wochengewinn im Dow Jones erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Gegenbewegung – also für das Ende der Serie – drastisch.

In der Börsengeschichte sind derart langanhaltende Aufwärtsbewegungen, wie wir sie gerade erleben, äußerst selten: Die letzte Serie mit 10 Wochengewinnen in Folge liegt 24 Jahre zurück.

Und ja: Die Wahrscheinlichkeit für einen Anstieg des Dow Jones auf neue Rekordhöhen in den kommenden Wochen würde ich auf deutlich mehr als 50% beziffern. Ein entsprechendes Frühsignal könnte Ihnen dafür das On-Balance-Volumen liefern.

Und noch etwas spricht für baldige neue Rekorde: Die allgemeine Skepsis der Investoren, die dem derzeitigen Aufschwung der Wall Street nicht über den Weg trauen. Sie wissen ja:

Der Aktienmarkt hält sich nie an das, was die Mehrheit glaubt, was er tun wird!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.