Wall Street: Machtwechsel, Yellen-Bellen und wartende Privatanleger

Heute endet eine Ära. Beginnt auch eine neue?

Mit Barack Obama scheidet an diesem Donnerstag ein Mann aus dem Amt des US-Präsidenten, der in seiner Regierungszeit einige Erfolge aufweisen kann:

So verfügte er unter anderem die Schließung des Gefangenlagers Guantanamo Bay, rettete die heimische Autoindustrie und führte die Krankenversicherung „Obamacare“ ein.

Wir dürfen gespannt sein, welche seiner Wahl-„Versprechen“ Donald Trump realisieren wird und ob ihm – so wie Obama – nach 4 Jahren eine Wiederwahl gelingt.

Frau Yellen mimt den Osterhasen

Die US-Notenbank-Chefin legte ihm zum heutigen Amtsantritt gleich einmal ein „dickes Ei“ ins Nest: Janet Yellen möchte den amerikanischen Leitzins bis Ende des Jahrzehnts auf 3% hieven.

Sie erinnern sich:

Im Dezember 2016 war die Fed Funds Rate (der US-Leitzins) von 0,25% – 0,50% auf 0,50% – 0,75% angehoben worden. Zugleich hatte Frau Yellen für dieses Jahr bereits 3 weitere Anhebungen angekündigt.

Steigende Zinsen, fallende Aktienkurse?

Wird die Dow Jones-Rallye durch die Pläne der US-Notenbank also nun konterkariert? Steigende Zinsen, so der Volksmund, sind doch schlecht für den Aktienmarkt?

Der Volksmund sagt indes auch: „So schnell schießen die Preußen nicht!“ oder „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“ Und das trifft in diesem Fall wohl eher zu.

Denn: Auch – oder gerade – eine Frau Yellen kann rechnen und weiß, was eine Anhebung des Leitzinses auf dieses Niveau mit sich bringt: eine erhebliche zusätzliche Zinslast für die von den USA aufgetürmten Staatsschulden.

Frau Yellen bellt nur

Laut der amerikanischen Schuldenuhr (US Debt Clock) beläuft sich die Summe aller aktuell ausstehenden Staatsanleihen auf 19,961 Bio. USD. Zurzeit zahlt der US-Staat darauf Zinsen in Höhe von 2,476 Bio. USD.

Schon zusätzliche 2,5% an zu zahlenden Zinsen würde die Zinslast um 0,5 Bio. (das sind 5.000.000.000 USD) auf fast 3,0 Bio. USD oder um 1/5 erhöhen.

Ich frage Sie: Glauben Sie ernsthaft, die USA könnten das verkraften? – Zumal wir hier über den Leitzins und nicht über den Marktzins reden!

Der Marktzins tendiert zwar üblicherweise, jedoch nicht zwangsläufig, in die Richtung des Leitzinses. Indes: Ob sich die Zins-Steigerung am Markt in diesem Fall auf 2% beschränken würde, ist mehr als fraglich.

Erinnern Sie sich dazu bitte nur an die Finanzkrise (Italien, Spanien) oder Griechenland:

Sinkt das Vertrauen darin, dass ein Land seine Schulden zurückzahlen kann, dann steigt der Zins für die neu aufzunehmenden Schulden – ganz einfach, weil die Geldgeber eine höhere Prämie für ihr erhöhtes Risiko verlangen.

Was das Yellen-Manöver in Wahrheit aussagt

Meine Meinung ist: Wie so häufig in ihrer bisherigen Amtszeit handelt es sich wohl auch diesmal um ein psychologisches Manöver von Frau Yellen.

Sie will vermutlich signalisieren, dass die Zentralbank die zuletzt deutlich von +1,7% auf +2,1% angezogene Inflationsrate „im Griff“ behält.

Gleichwie: Eine anziehende Teuerungsrate geht traditionell mit einer wachsenden Konjunktur einher.

Und auch das ist – neben den an Trump gerichteten Markterwartungen – ein Argument für eine dauerhaft anziehende Wall Street.

Die Dow Jones-Charttechnik spricht „Bände“

Ich sehe daher kurzfristig keinen signifikanten Rücksetzer des US-Aktienmarktes. Dafür spricht auch die Charttechnik des Dow Jones:

dow jones_19-01-2017

Dow Jones: Privat-Anleger warten vergeblich auf günstigere Kurse.

Sehen Sie, was in den letzten Wochen geschehen ist?

Trotz einer Rallye um immerhin +11,8% hat es bis dato keinen bedeutsamen Rücksetzer gegeben! Stattdessen gab es eine Seitwärts-Konsolidierung innerhalb einer Spanne von maximal 1,41% (blau unterlegt).

Ich hatte Ihnen exakt dieses Szenario bereits am 15. Dezember in meinem Beitrag „Dow Jones: Pulver schon verschossen? Täuschen Sie sich da mal nicht!“ beschrieben:

„Zum Zeitpunkt der US-Präsidentschaftswahl war die Wall Street überverkauft…

Wenn in einer solchen Situation dann jedoch nicht das eintritt, was alle erwartet hatten (Kursabsturz nach der Wahl von Donald Trump), dann haben Sie als Fondsmanager nur eine Möglichkeit…

Also kaufen, kaufen, kaufen Sie! Genau das geschieht gerade. Die Privat-Anleger sind hingegen noch gar nicht großartig engagiert: …

Privat-Anleger reagieren in der Mehrheit nämlich ohnehin regelmäßig zu spät auf bedeutende Marktveränderungen! (Das ist zwar traurig, aber leider wahr!)

Der Grund dafür ist: Privat-Anleger bilden sich gerne eine Meinung oder sogar eine Überzeugung darüber, wie sich der Aktienmarkt entwickeln wird…

Aber gerade weil die Privat-Anleger sich gerne eine Meinung oder Überzeugung zulegen, können sie mental nur selten den ‚Schalter umlegen‘ …

Während die Privat-Anleger derzeit also noch staunend zusehen, wie die Aktienkurse klettern und klettern, warten sie auf eine Gelegenheit, in einen größeren Rücksetzer hinein auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

Doch der Aktienmarkt tut ihnen den Gefallen nicht.“

Und diesen fahrenden Zug werden weder Herr Trump noch Frau Yellen derzeit aufhalten!

19. Januar 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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