Wall Street: Neue Rallye oder Bullenfalle?

Neue Bestmarken mit geringem Überzeugungspotenzial? Wir schauen einmal etwas genau-er auf die Wall Street. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Während der DAX einfach nicht in die Gänge kommt, läuft es an der Wall Street umso besser:

Am vergangenen Freitag markierten gleich mehrere US-Indizes neue Allzeithochs. Neben dem S&P 500 glänzten der Nasdaq Composite und der S&P 600 SmallCap mit neuen Rekordständen – allesamt indes lediglich mit marginal höheren Bestmarken.

Der Dow Jones Industrial Average sowie der NYSE Composite sind davon noch etwas weiter entfernt. Der Nasdaq 100 hingegen dürfte dem „großen Bruder“ bald nacheifern.

Wie können Sie diese unterschiedlichen Konstellationen an der Wall Street einordnen? Ist das nun positiv für die weitere Tendenz oder droht eine Bullenfalle?

Überdies warten auf uns mit dem September und Oktober die aus statistischer Sicht schwierigsten Handelsmonate des Kalenderjahres.

Wir schauen uns daher heute einmal einige Fakten an, die uns dabei helfen können, eine klarere Perspektive zu erlangen.

Warum neue Rekordmarken gut für den Trend sind

Zuvor aber noch etwas Grundsätzliches:

Neue Bestmarken – gleich ob bei Aktien oder Indizes – kündigen Ihnen in aller Regel eine Fortsetzung der Rallye an. Allerdings gibt es dabei ein paar Feinheiten, die es zu beachten gilt.

Wenn eine Aktie auf ein neues Allzeithoch klettert, dann befinden sich sämtliche Aktionäre im Gewinn, gleich wann sie eingestiegen sind. Das ist aus folgendem Grund wichtig:

Anteilseigner, die zu einem früheren Zeitpunkt und nahe der alten Bestmarke eingestiegen waren, lagen mit ihrer Position praktisch umgehend im Minus. Je länger diese Phase andauert, umso mehr zerrt das an den Nerven der Aktionäre.

Sobald sich die Notierung nun wieder dem früheren Einstiegsniveau nähert, verstärkt sich das Bedürfnis, die Position letztlich doch noch plusminus null oder mit einem verkraftbaren Verlust glattstellen zu können. Vermutlich haben Sie das bei einem Ihrer Investments auch schon einmal so durchlebt.

Wenn nun also ein neuer Rekordkurs erreicht wird, dann reduziert sich das Bedürfnis zur Glattstellung, mithin also das Angebot. Andererseits ziehen neue Bestmarken neue Käufer an – die Nachfrage steigt also.

Eine solche Verschiebung zugunsten der Nachfrage lässt daher nach dem Erreichen neuer Allzeithochs in aller Regel die Notierungen weiter klettern.

Nun kennen Sie das Phänomen des „Vordringens in neue Kursdimensionen“.

Was machen denn die Großinvestoren?

Die besten Voraussetzungen für eine sich anschließende Rallye sind begleitende hohe Umsätze beim Anstieg auf neue Höhen: Die Kurse erhalten dadurch sozusagen einen „Schub“. Das allerdings war am Freitag nicht der Fall:

Wie Sie im nachfolgenden Chart sehen, blieb der Umsatz im S&P 500 recht deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen 50 Handelstage. Dies gilt übrigens auch für die anderen eingangs genannten US-Indizes mit neuen Bestmarken.

Der Aufwärtstrend im Technologie-Sektor geht weiterKnackt der Nasdaq 100 die runde 6.000er-Marke, geht der Aufwärtstrend im Technologie-Sektor in die nächste Runde. Hier alle Einzelheiten: › mehr lesen

S&P 500: Neues Rekordhoch mit geringem Schub

Wird der Anstieg auf neue Höhen also nicht von den Großinvestoren gestützt? Da liefert uns das On-Balance-Volumen (OBV) bessere Erkenntnisse:

Dieser Indikator verknüpft die täglichen Kursänderungen mit den dazugehörigen Umsätzen. Ein steigendes OBV signalisiert Ihnen mithin, dass die Großinvestoren „mit von der Partie sind“.

Hier der Nasdaq Composite mit OBV:

Nasdaq Composite: Großinvestoren begleiten den Index-Anstieg

Ich denke, es bedarf hier keiner großen Erklärungen: Das OBV hat mit dem Index zusammen neue Höhen erklommen. Die Großinvestoren begleiten also den Index-Anstieg.

Der Röntgenblick auf die Wall Street

Schauen wir zum Abschluss noch auf einige andere Fakten, die uns der vergangene Freitag geliefert hat:

  • Über die Märkte NYSE (New York Stock Exchange), Nasdaq (Technologieaktien) und AMEX (American Stock Exchange) hinweg gab es insgesamt 4.836 Kursverbesserungen, während sich 2.072 gegenüber dem Vortag verschlechterten. Das entspricht einer Relation von 64,7% zu 27,7%. 7,6% der gehandelten Aktien veränderten sich nicht.
  • An den 3 genannten Börsen gab es insgesamt 448 neue Rekordkurse. 83 Aktien markierten neue Tiefstände. Ein überzeugendes Verhältnis von 84,4% zu 15,6%.
  • 254 Aktien notierten am Freitag über ihrer 50-Tagelinie, 3.209 darunter. Die 50-Tagelinie verkörpert den mittelfristigen Trend: Mithin bewegen sich aktuell 57% der gehandelten Aktien über ihrem mittelfristigen Trend.
  • Beim langfristigen Trend, der 200-Tagelinie, sieht es ähnlich aus: Hier liegt die Relation bei 54,6% der Aktien über der Durchschnittslinie und 43,0% darunter.

Fazit

Die die neuen Rekordmarken begleitenden Umsätze blieben in der vergangenen Woche noch unter dem Durchschnitt der letzten 50 Handelstage. Das signalisiert eigentlich wenig Enthusiasmus der Marktteilnehmer.

Allerdings kann sich dies in den kommenden Tagen noch ändern. Zudem zeigt uns das On-Balance-Volumen, dass die Großinvestoren sehr wohl den jüngsten Anstieg „aktiv“ begleiten.

Schauen Sie außerdem noch unter die Oberfläche, dann erkennen Sie deutlichen Optimismus im Markt: Die Anteile neuer Hochs, steigender Notierungen und der Aktien über dem mittel- und langfristigen Trend sind ausgesprochen ermutigend:

Sie liegen über 50%, aber auch nicht allzu weit darüber. Somit besteht nach oben hin aus aktueller Sicht noch sehr viel Potenzial.

Ich sehe daher keine Bullenfalle auf uns zukommen. Ganz im Gegenteil! Und das, obwohl uns die „statistisch“ schwachen Kalendermonate September und Oktober ins Haus stehen.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.