Wall Street: Verzwickte Charttechnik

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Nach der erneuten Eskalation des Handelsstreits zwischen China und den USA gerät die Wall Street zunehmend unter Druck. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Ich wiederhole einen Satz, den ich Ihnen vor wenigen Tagen schon einmal schrieb:

„US-Präsident Donald Trump hat der Wall Street mit seiner erneuten Eskalation im Handelsstreit mit China im wahrsten Wortsinn einen Bärendienst erwiesen!“

Sie kennen das sicherlich: Die Bullen stehen für die Börsen-Optimisten, die mit ihren Käufen – bildlich gesprochen – alles unter sich niedertrampeln. Die Bären hingegen stellen sinnbildlich die Pessimisten dar, die mit ihren gewaltigen Kräften alles zusammenschlagen.

Falls Sie sich das schlecht merken können, hilft dies vielleicht: Die Bullen stoßen mit ihren Hörnern nach oben (Aufwärtstrend), die Bären schlagen mit ihren Pranken nach unten (Abwärtstrend).

Wir schauen einmal auf den S&P 500 und den Nasdaq 100, um zu analysieren, wie sich die Bären und Bullen gerade gebärden.

S&P 500 verlässt Aufwärtstrend vom Dezember 2018

Beginnen wir mit dem S&P 500: In diesem Index spiegelt sich die Kursentwicklung der 500 nach Marktkapitalisierung gewichteten, größten börsennotierten US-Aktiengesellschaften wider.

In die Grafik habe ich Ihnen zusätzlich das On-Balance-Volumen (OBV) eingeblendet: Dieser Indikator verknüpft die täglichen Änderungen der Schlusskurse mit den dazugehörigen Umsätzen.

Je größer die Kursausschlag und der Umsatz, umso stärker bewegt sich das OBV: Ein steigender Indikator offenbart Ihnen somit massiv kaufende Großinvestoren, ein fallender natürlich das Gegenteil.

S&P 500: Großinvestoren verabschieden sich

Der Aufwärtstrend wurde nach der Trump-Eskalation und der darauf folgenden Abwertung der chinesischen Währung zunächst durchbrochen. Er konnte sich anschließend jedoch erst einmal wieder über den Aufwärtstrend „retten“.

Diese erfreuliche Entwicklung wurde gestern allerdings ins Gegenteil verkehrt: Der S&P 500 rutschte wieder aus dem Aufwärtstrend seit Dezember 2018 heraus (gelber Kreis).

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Großinvestoren verabschieden sich

Ein klareres Verkaufssignal generierte das OBV: Hier wurde der Aufwärtstrend ebenfalls im ersten Anlauf durchbrochen (blauer Kreis). Die Erholung in der zweiten Hälfte der vergangenen Woche führte den Großinvestoren-Indikator jedoch nur noch an die Trendlinie heran.

Damit hat sich die Charttechnik für den S&P 500 klar verschlechtert: Das erkennen Sie auch daran, dass der Index in der Erholung an der 50-Tagelinie, also dem mittelfristigen Trend, abprallte.

Entscheidend wird jetzt das Verhalten an der langfristigen Trendlinie, der 200-Tagelinie: Wird sie nach unten durchbrochen, dann übernehmen die Bären endgültig die vorläufige Regentschaft.

Nasdaq 100 präsentiert sich noch gut

Etwas anders präsentiert sich der Nasdaq 100: Deshalb spreche ich auch von einer „verzwickten Charttechnik“. Dieser US-Index spiegelt die Entwicklung der 100 größten amerikanischen Technologieaktien wider.

Nasdaq 100: Aufwärtstrends noch intakt

Wie Sie sehen, wurde hier der Aufwärtstrend im ersten Anlauf nur minimal „verletzt“. Und auch nach dem gestrigen Kursrückschlag von -1,1% notiert der Nasdaq 100 noch über seinem im Dezember 2018 gestarteten Aufwärtstrend (gelber Kreis).

Der Aufwärtstrend im OBV ist ebenfalls weiterhin intakt. Aber wie beim S&P 500 endete auch für den Technologieaktien-Index die jüngste Erholung an der 50-Tagelinie.

Fazit

Während der S&P 500 klare Verkaufssignale ausgebildet hat, hält sich die Charttechnik im Nasdaq 100 noch geradezu gut: Die Bullen können sich gegenüber den Bären noch halbwegs behaupten. Allerdings:

Auch der Technologieaktien-Index wird sich den Verkaufssignalen des breiten Marktes auf Dauer kaum entziehen können. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird nun das Verhalten der US-Indizes an ihren 200-Tagelinien werden:

Ein Durchrutschen unter die langfristige Trendlinie wäre ein kräftiges Verkaufssignal.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.