Wall Street: Vom Absturz überzeugt?

Wir Menschen sind schon ein seltsames Völkchen.

Zumeist wurden wir dazu erzogen, nach gut und böse, nach richtig und falsch, nach teuer und billig zu unterscheiden.

Und wenn wir uns erst einmal eine Überzeugung angeeignet haben, dann fällt es schwer, sich davon abbringen zu lassen.

Nehmen Sie nur das Beispiel Donald Trump: Schon während des Wahlkampfes suggerierten uns die Medien, dass dieser Mann als US-Präsident nicht tragbar sei.

Und was als Präsident nicht taugt, kann auch nicht gut für den Aktienmarkt sein.

Diese selbst von Aktien-„Experten“ im Wahlkampf vehement vertretene Ansicht hat sich nach der Wahl in vielen Anleger-Köpfen verfestigt.

Verschobene Realität

Und weil das so ist, fällt es sehr vielen Investoren schwer, dem Aufwärtstrend an der Wall Street zu vertrauen, OBWOHL er seit November 2016 für jeden Betrachter eines S&P 500-Charts offensichtlich ist.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, suchen viele Anleger nach Argumenten, die ihre Überzeugung bestätigen – ganz nach dem Motto:

Wenn die Wall Street soeben neue Rekorde markiert hat, ist sie nur umso reifer für den Absturz, den wir ja eigentlich schon seit November erwarten, der jedoch aus unerfindlichen Gründen noch nicht eingetreten ist.

Ein Beispiel aus der Praxis

So unterhielt ich mich in meiner letzten Redaktions-Sprechstunde mit einem Leser, der von einem Wall Street-Crash überzeugt war und nun glaubte im S&P 500 einen bearishen (sinkende Kurse ankündigenden) Keil entdeckt zu haben.

Schauen wir uns das einmal im Chart an:

s&p 500_14-02-2017

Der „bärische Keil“ (der gar keiner war) hat sich inzwischen von selbst erledigt.

Das Chartmuster Keil zählt zur Kategorie der Dreiecke. Doch unterscheidet er sich in einem wesentlichen Punkt von den symmetrischen, ab- und aufsteigenden Dreiecken:

Bei den genannten Dreiecken laufen die Begrenzungs-Linien in entgegengesetzte Richtungen (symmetrisch) bzw. eine Linie läuft horizontal und die andere weist nach oben (ansteigend) oder unten (absteigend).

Bei einem Keil zeigen BEIDE Begrenzungs-Linien auf- oder abwärts. Den Keil, so wie ihn der Leser sah, habe ich für Sie mit den blauen Linien in den Chart eingezeichnet.

Ein Kommentar dazu erübrigt sich inzwischen wohl: Der S&P 500 hat seine eigene Antwort auf diese skeptische Sichtweise gegeben.

Handeln Sie nicht nach Ihrer Überzeugung, sondern nach dem Markt

Sie gehören vermutlich nicht dieser Spezies an, die ihre Investments auf der Basis von Überzeugungen tätigt.

Falls Sie dennoch hin und wieder eine solche Neigung in sich verspüren, dann sollten Sie darüber nachdenken:

Der Markt richtet sich NICHT nach Ihren Überzeugungen! Dem Markt ist es „schnurzpiepegal“, was SIE glauben, wie er sich in der Zukunft verhalten wird.

Es macht daher einen gewaltigen Unterschied, ob Sie aufgrund einer negativen Marktsicht nach einem bärischen Keil „suchen“ oder ob Sie einen solchen aufgrund einer neutralen Sichtweise „entdecken“.

In dem oben geschilderten Fall hatte der Leser nach einem negativen Kursmuster GESUCHT, das SEINE Marktsicht bestätigte.

Dabei hatte er indes einen wichtigen Faktor außer Acht gelassen: die Umsätze.

Ein steigender Keil muss nämlich in der Entwicklung zur Spitze hin von spürbar ausdünnenden Umsätzen begleitet sein:

Ein solcher Umsatz-Verlauf dokumentiert dann, dass immer weniger Investoren dem Anstieg vertrauen.

Wie Sie im Chart unschwer erkennen können, war hier jedoch exakt das Gegenteil der Fall.

14. Februar 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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