Wall Street: Was Sie vom gestrigen Handelstag mitnehmen sollten!

Ein heftiges Auf und Ab der Kurse, wie am Mittwochabend in New York, ist prädestiniert, um Anlegerfehler zu provozieren. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Puh! An der Wall Street ging es gestern Abend aber mächtig zur Sache!

Der Index der 100 größten US-Technologieaktien, der Nasdaq 100, knickte gleich in den ersten 45 Minuten um fast -3% ein. High-Flyer der letzten Wochen, wie beispielsweise eine Netflix, lagen ebenso schnell mit heftigen -4,7% im Minus.

Wer den Kursrutsch an der Wall Street live an seinem Monitor verfolgt hat, dem konnte angst und bange werden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass so mancher Anleger angesichts des sich anbahnenden Desasters in Panik sein Aktien-Depot oder zumindest Teile daraus „versilbert“ hat.

In den inzwischen fast 38 Jahren meiner professionellen Börsen-Laufbahn habe ich gelernt, diese beiden Fehler zu vermeiden. Ich habe mir antrainiert, das Geschehen während des Handels NICHT am Monitor zu verfolgen.

Meine heutige Empfehlung an Sie lautet daher, sich dieses Verhalten ebenfalls anzutrainieren (falls Sie so „veranlagt“ sind). Denn ansonsten können Sie in eine üble Falle geraten. Warum?

Hier sollten Sie unterscheiden

Damit wir uns nicht missverstehen:

Wenn Sie „Day-Trading“ betreiben – also Positionen im Verlauf eines Börsenhandelstages eröffnen und wieder schließen – dann werden Sie nicht umhin kommen, das Geschehen am Monitor zu verfolgen.

Etwas anderes ist es, wenn Sie Positionen kaufen, um Sie über einen mehr oder weniger langen Zeitraum, also sozusagen „perspektivisch“, zu halten. In diesem Fall wirkt sich das Beobachten des Handelsverlaufs fast immer negativ auf den eigenen Investment-Erfolg aus.

Vermutlich empfinden es viele Anleger gar nicht als einen Fehler, das Auf und Ab der Kurse während des Börsenhandels live am Monitor zu verfolgen:

Schließlich gibt es ja so viele Dinge zu sehen. Und zudem man könnte ja sonst attraktive Handelsmöglichkeiten verpassen.

Emotionales Handeln ist extrem gefährlich

Ich empfinde ein solches Verhalten als einen Fehler, weil es nahezu automatisch zu einem anderen Fehlverhalten führt: Dem emotional motivierten Kaufen und Verkaufen von Positionen, also dem „Handeln aus dem Bauchgefühl heraus“.

Bei Netflix wird es morgen wieder spannendMorgen veröffentlicht Netflix die Zahlen für das dritte Quartal. Dabei dreht sich alles um eine einzige Zahl. Welche das ist, lesen Sie hier › mehr lesen

Bleiben wir beim oben erwähnten Beispiel Netflix:

Man wird ja in einem Markt wie gestern Abend meist erst dann zum Verkaufen verleitet, wenn der Leidensdruck unerträglich wird. Das führt dann in der Konsequenz dazu, dass mit schöner Regelmäßigkeit in der Nähe des Tagestiefs verkauft wird.

Bei Netflix hätte das gestern einen Verkaufskurs von 292,62 USD bedeutet. Am Ende notierte die Aktie des Online-Streaming-Anbieters bei 305,76 USD bzw. +4,5% höher und nur -0,4% unter dem Vortagesschluss!

So vermeiden Sie die „Emotionsfalle“

Das Üble an diesem emotionalen Handelsmuster ist, dass es an stark aufwärts weisenden Handelstagen natürlich exakt andersherum funktioniert: Dann werden Positionen in der Euphorie über den tollen Kursaufschwung viel zu teuer eingekauft.

Ich kenne diese Dinge aus eigener Erfahrung. Und als ich diese Problematik meines Handelns vor vielen Jahren erkannte, habe ich mir antrainiert, während des Börsenhandels allenfalls mal einen kurzen Blick auf die Tendenz zu werfen.

Weit überwiegend schaue ich sogar erst NACH dem Handelsende in New York auf die Schlusskurse. Und diese Schlusskurse bilden die Grundlage dafür, ob ich am nächsten Handelstag aktiv werde (n muss) oder auch nicht.

Die gestrigen Schlusskurse an der Wall Street haben mir beispielsweise dokumentiert, dass ich heute nicht agieren muss oder sollte! Denn die Aktienkurse haben sich von den Tagestiefs (Beispiel Netflix!) signifikant wieder erholt – und das ist sogar ein positives Signal!

Fazit

„Handelsverlaufs-Junkies“ wird es schwerfallen, sich von ihrer Sucht zu lösen, das börsentägliche Kursgeschehen live am Monitor zu verfolgen. Doch so ist das mit Süchten nun einmal: Sie loszuwerden ist nicht leicht – aber es ist auch nicht unmöglich!

Wie bei einer Sucht üblich, hat sie fast immer üble Begleiterscheinungen: In diesem Fall wird das „emotionale“ Handeln forciert – und das führt, wie beschrieben, im Perspektivhandel beinahe zwangsläufig zu Investment-Misserfolgen.

Sich eine „emotionale und zeitliche“ Distanz zum Handelsverlauf anzutrainieren, hat zudem einen weiteren Vorteil: Sie können in aller Ruhe die Hintergründe solch volatiler Handelstage, wie am Mittwoch, analysieren.

Genau das werde ich mit Ihnen gemeinsam am kommenden Montag tun: Wir werden dann ergründen, welche Bedeutung das Erreichen der 3%-Marke bei den 10-jährigen US-Staatsanleihen – der Auslöser für die gestrigen heftigen Kursschwankungen – für Sie bzw. den Aktienmarkt hat.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.