Warum die Wall Street den DAX 30 weiterhin abhängt

Wer am vergangenen Freitag den Handelsverlauf im DAX 30 beobachtet hat, dem konnte zeitweilig schwindlig werden:

Nach 2 Std. mit relativ geringen Ausschlägen raste der deutsche Leitindex dann ab 11.00 Uhr plötzlich in die Tiefe.

Ausgehend von knapp 11.900 Zählern kam die Abwärts-Bewegung erst 4 Stunden später bei 11.722 Punkten zum Stehen.

Der nachfolgende Chart vollzieht das Geschehen für Sie grafisch nach.

Dort sehen Sie auch, dass der DAX 30 erst am Dienstag zuvor die Marke von 12.000 Zählern überboten hatte – ein eigentlich gutes Signal, schließlich war es das 1. Mal seit dem 28. April 2015!

dax_30-minuten-chart_28-02-2017

DAX 30: Erst über 12.000, dann überraschender Einbruch am Freitag

Schauen wir nun einmal zum Vergleich auf den 30-Min.-Chart des Dow Jones – auch hier vom Beginn der Vorwoche an:

dow jones_30-minuten-chart_28-02-2017

Dow Jones: Stetig bergauf

An der Wall Street gaben die Notierungen am vergangenen Freitag zu Sitzungsbeginn ebenfalls deutlicher nach, wie es auf den 1. Blick scheint: Tatsächlich reden wir hier über einen Rückgang von lächerlichen 77 Punkten!

Und noch 2 Dinge sind bemerkenswert:

  1. In den letzten 90 Handelsminuten des Freitags zog der US-Leitindex unwiderstehlich an und beendete die Börsenwoche nicht nur auf Tageshoch, sondern auch über dem Vortagesschluss und nur 19 Zähler unter dem Wochen- und Allzeithoch.
  2. Gestern, zum Wochenauftakt, wusste der DAX 30 wieder einmal nichts mit dieser „Vorlage“ des Dow Jones anzufangen. Der Dow Jones hingegen baute seine Rekordmarke am Montag ein weiteres Mal aus, wie Sie an der gestrichelten Horizontale ablesen können.

Um besser zu verstehen, was die Wall Street dem DAX 30 derzeit voraus hat, müssen wir auf das Verhalten der Großinvestoren schauen.

Wenn Sie die Zusammenhänge zwischen Großinvestoren und dem On-Balance-Volumen bereits kennen, können Sie den nachfolgenden Abschnitt auch überspringen.

Großinvestoren und das On-Balance-Volumen

Unter dieser Anlegergruppe verstehen wir die Institutionen mit „richtig“ viel Geld:

  • Investmentfonds,
  • Hedge-Fonds,
  • Pensionsfonds,
  • Banken,
  • Versicherungen,
  • Vermögens-Verwaltungen
  • und extrem reiche Einzelpersonen.

Mit dem Kapital, dass diesen Investoren  zur Verfügung steht, bestimmen sie die Trends an den Finanzmärkten.

Ich kenne nur eine Analyse-Methode, die in der Lage ist, das Verhalten dieser Großinvestoren nachzuvollziehen: die Charttechnik.

Genauer gesagt ist es das On-Balance-Volumen (OBV). Dieser Indikator verknüpft nämlich die täglichen Kursveränderungen auf Schlusskurs-Basis mit den dazugehörigen Umsätzen.

Steigt die daraus errechnete Kurve an, dann fließt mithin Geld in einen Markt. Sinkt das OBV, dann ziehen die Großinvestoren Kapital aus dem betrachteten Markt ab.

Vergleich On-Balance-Volumen bei Dow Jones, S&P 500 und DAX 30

Schauen wir uns das einmal für den Dow Jones, den S&P 500 und den DAX 30 in einer Grafik an:

obv-vergleich djia-spx-dax_28-02-2017

Das „Big Money“ fließt derzeit an die Wall Street

Nach einer Atempause im Dezember und Januar ziehen die Aktienkurse an der Wall Street seit Anfang Februar wieder unwiderstehlich an.

Den wahren Unterschied zwischen dem DAX 30 und den US-Börsen zeigt indes das On-Balance-Volumen:

Die Indikator-Kurve weist seit Anfang Februar für Dow Jones und S&P 500 ebenfalls steil nach oben. Beim DAX 30 tritt das OBV hingegen auf der Stelle.

Fazit und Empfehlung

Den Unterschied zwischen Wall Street und DAX 30 machen derzeit die Großinvestoren: Sie investieren weiter kräftig in US-Aktien – trotz des „vermeintlich“ hohen Kursniveaus.

Und während sich die US-Indizes schon seit November 2016 immer neue Kursdimensionen erarbeiten, schafft es der DAX nicht einmal, sein in diesen Wochen nur 400 bis 600 Punkte entferntes Allzeithoch zu überbieten.

Sucht man nach Ursachen, dann kommt mir als erstes die Quartalsberichts-Saison in den Sinn: An der Wall Street wissen die Großinvestoren nämlich, woran sie sind.

Während in den USA inzwischen bereits rund 85 – 90% aller an den Börsen gehandelten Aktiengesellschaften über den Verlauf des letzten Jahres-Viertels 2016 informiert haben, kommen die deutschen Konzerne erst jetzt langsam in Fahrt.

Ich habe noch nie nachvollziehen können, warum die Unternehmen in Europa immer so viele Wochen mehr Zeit benötigen um ihre Bilanzen zusammenzustellen – ganz abgesehen davon, dass die US-Gesellschaften ihre Quartalsberichte sogar der Börsen-Aufsicht vorlegen müssen.

Aber vielleicht ist es ja auch genau diese fehlende Instanz, die den Aktiengesellschaften hierzulande mal „Beine machen würde“ – wie auch immer…

Ganz ehrlich? Ich sehe zurzeit nicht, wie der DAX die immer größer werdende Schere zur Wall Street wieder schließen sollte. US-Aktien bleiben weiterhin 1. Wahl!

28. Februar 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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