Warum ein „Grexit“ äußerst unwahrscheinlich ist

In den vergangenen Tagen waren die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und den Geldgebern der Griechen eines der beherrschenden Themen in den Medien. In diesem Zusammenhang ist zumeist auch die Rede vom sogenannten „Grexit“ – also einem Austritt oder Rausschmiss Griechenlands aus der Euro-Zone.

Auch die europäischen Börsen wurden von diesem Thema maßgeblich und negativ beeinflusst. Dabei ist das Szenario des sogenannten „Grexits“ aus meiner Sicht zwar denkbar, aber zugleich auch äußerst unwahrscheinlich. Warum ich den „Grexit“ für so unwahrscheinlich halte, möchte ich Ihnen jetzt erläutern.

Die augenblickliche Situation in Kurzform

Blicken wir zunächst noch einmal auf die augenblickliche Situation: Die Geldgeber (EU, EZB und IWF) verlangen möglichst weitreichende Reformen seitens der Griechen um im Gegenzug weiterhin finanziell zu helfen. Die Griechen beanspruchen weitere finanzielle Hilfen, sind im Gegenzug aber nicht bereit, die geforderten Reformen umzusetzen.

Auf den ersten Blick scheint die Verhandlungssituation aussichtslos. Doch auf den zweiten Blick wird klar, dass weder die Griechen, noch die Geldgeber ein ernsthaftes Interesse an einer Staatspleite Griechenlands und damit verbunden an einem Austritt aus der Euro-Zone und womöglich auch aus der EU haben.

Warum beide Seiten den „Grexit“ nicht ernsthaft wollen

Die Gründe, warum ein „Grexit“ nicht ernsthaft gewollt sein kann, sind aus meiner Sicht auf beiden Seiten unterschiedlicher Natur. Blicken wir zunächst auf die Gründe der griechischen Regierung:

Der Großteil der Regierung in Griechenland dürfte sich im Klaren darüber sein, dass ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone das Land und vor allem die Wirtschaft in Griechenland um Jahre – wahrscheinlich eher um Jahrzehnte – zurückwerfen würde.

Denn: Nach einem Euro-Austritt und einer Staatspleite hätte Griechenland zwar keine Schulden mehr bei seinen Geldgebern und könnte fleißig Banknoten in einer neuen griechischen Währung drucken, aber völlig unklar wäre, was das neue griechische Geld dann wert wäre.

Nach meiner Einschätzung wäre die Kaufkraft der neuen Währung sehr gering. Und da Griechenland fast alle wichtigen Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland importieren muss, wären die Folgen katastrophal. Daher bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass Griechenland selbst der größte Verlierer im Falle eines „Grexits“ wäre.

Kommen wir jetzt zu der Frage, warum auch die Geldgeber kein ernsthaftes Interesse an einem Euro-Austritt Griechenlands haben können. Ein wichtiger Grund ist, dass die verschuldeten Euro-Länder extrem von der Griechenland-Krise profitieren.

Denn solange die Krise da ist, wird die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrer bisherigen Zins- und Liquiditätspolitik, die den verschuldeten Euro-Ländern sehr in die Karten spielt, festhalten.

Ein weiterer Grund ist, dass unsere Kanzlerin, Frau Merkel, nicht als die Kanzlerin in die Geschichte eingehen will, unter deren Kanzlerschaft ein Land die Euro-Zone verlässt. Daher hat Angela Merkel die erneute Griechenland-Rettung auch kurzerhand zur Chefsache erklärt.

Daneben gibt es noch weitere politische Gründe, wie beispielsweise die Tatsache, dass Griechenland in der Nato ist und dass daher auch die USA ein großes Interesse an einer Rettung Griechenlands haben werden. Denn nach einer möglichen Staatspleite Griechenlands bestünde die Gefahr, dass die Griechen sich mit Russland verbünden.

Fazit: Aktienmarkt bietet weiterhin mehr Chancen als Risiken

Abschließend bleibt festzuhalten, dass ein „Grexit“ zwar denkbar aber eher unwahrscheinlich ist. Die Gründe dafür habe ich Ihnen gerade genannt. Daher bietet aus meiner Sicht auch der europäische Aktienmarkt weiterhin mehr Chancen als Risiken.

Denn: Aus fundamentaler Sicht spricht nichts dagegen, dass die Kurse europäischer Aktien weiterhin steigen. Verhindern könnte dies innerhalb kurzer Zeit im Prinzip nur ein externer Schock – wie zum Beispiel ein Euro-Austritt Griechenlands. Aber dazu ist vorerst alles gesagt.

11. Juni 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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