Warum Italien – warum?

Die angestrebte Politik der neuen italienischen Regierung wirft Fragen auf. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Die italienischen Bürger haben vor kurzem eine neue Regierung ins Amt gewählt.

Damit haben sie sich für eine Staatsführung entschieden, welche die Regeln der Europäischen Union (EU) in weiten Teilen nicht akzeptieren mag und sogar einen Austritt aus der Währungsgemeinschaft befürwortet.

Falls Ihnen das wie ein Deja vù vorkommt, dann liegen Sie richtig: Im Januar 2015 trat eine neue griechische Regierung mit ähnlichen Ambitionen an.

Die daraus resultierende Euro-Krise und ihre Folgen für den deutschen Aktienmarkt heftig: Der DAX und der Euro Stoxx 50 verloren von April 2015 bis Februar 2016 fast -30%.

Erlauben Sie mir ein paar persönliche Überlegungen zu dieser Thematik.

Sprachlos

Während die griechischen Bestrebungen aus Sicht der Hellenen noch halbwegs nachvollziehbar waren, erscheint das Gebaren der Italiener weit weniger verständlich:

Wieso wählt sich ein Volk eine Regierung, deren angestrebte Politik zu ihrem eigenen Schaden ist? Ganz ehrlich: Ich habe darauf keine Antwort.

Ein paar Fakten

Den italienischen Staat quält die Bürde von 2,3 Billionen Euro Schulden. Klar, das ist auch für die Bürgen nicht gerade etwas zum Freuen. Allerdings:

Den Italienern geht es in den Armen der EU besser, als es ihnen ohne gehen würde: Die Zinsen waren für das Land in den vergangenen 4 Jahren so niedrig, wie es mit der früheren Währung Lira nie möglich gewesen wäre.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird seit Jahren von einem Italiener geführt. Die von Mario Draghi verantwortete Nullzinspolitik in der Eurozone hat vor allem der italienischen Schuldenlage gedient:

Denn nur die niedrigen Zinsen ermöglichten es, die gewaltige Schuldenlast über die Jahre zu finanzieren. Weitere Fakten:

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Zinsniveau begünstigt Italien

Als sich die Euro-Krise Ende des Jahres 2010 zuspitzte, legte die Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihe zwischen August 2010 und November 2011 von 3,75% auf 7,08% zu.

Die EZB-Politik ließ diese Rendite dann bis März 2015 auf ein Tief von bis zu 1,25% (!) fallen. Seither überstieg die Rendite nie die Marke von 2,31%. Mit der jüngsten Entwicklung in Italien kletterte die Rendite kurzzeitig auf 2,8% und liegt aktuell bei 2,54%.

Sie dürfen sich selbst ausmalen, was geschieht, wenn die neue italienische Regierung mit ihren Ankündigungen „Ernst macht“.

Lösung Schuldenschnitt?

Gleichwie: Allein dieses Beispiel zeigt Ihnen, dass sich die Italiener vor allem selbst schaden. Das gilt auch für eine andere Perspektive.

Ein Schuldenschnitt macht für ein Land immer dann Sinn, wenn die Gläubiger aus dem Ausland stammen: Argentinien war dafür in der Geschichte ein Paradebeispiel.

Doch in Italien liegt die Schuldenlast zu 2 Drittel in den Händen der eigenen Bürger und Banken. Diesen Gläubigern droht also ein gigantischer Vermögensverlust.

Lösung Abwertung?

Um Schulden loszuwerden, ist auch die Abwertung der eigenen Währung ein beliebtes Stilmittel. Ein Austritt aus dem Euro-Verbund und die Wiedereinführung einer eigenen Währung wären nicht nur mit enormen Kosten und Handelseinschränkungen verbunden – der Brexit lässt grüßen!

Eine Abwertung verschafft einer Wirtschaft üblicherweise Vorteile beim Handel, insbesondere beim Export. Doch hier haben die Italiener eigentlich gar kein Problem: Schließlich erwirtschaften sie bereits einen respektablen Außenhandelsüberschuss in Höhe von 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Fazit

Sie sehen: Die Italiener scheinen – im wahren Wortsinn – eine schlechte Wahl getroffen zu haben. Die Folgen einer Umsetzung der angestrebten EU-Politik wären für das italienische Volk wohl verheerend.

Das Gleiche gilt gewiss auch für den Euro-Verbund. Und den europäischen Aktienmärkten würde es – ganz nebenbei – mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls schaden, wie eingangs aufgezeigt.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.