Warum Schweizer Aktien nicht mehr in Frankfurt gehandelt werden

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Die Schweiz und die Europäische Union liegen nicht zum ersten Mal miteinander im Clinch. Nun sind erstmals Aktionäre betroffen. (Foto: Deutsche Börse AG)

Nicht zum ersten Mal stehen die Schweiz und die Europäische Union miteinander im Clinch. Jetzt ist erstmals der Börsenhandel betroffen. Genauer: Seit vergangenem Montag dürfen europäische Handelsplätze die Aktien von Schweizer Emittenten nicht mehr zum Handel anbieten. Im Juristendeutsch heißt dies, dass die EU der Schweiz nicht mehr die sogenannte Börsenäquivalenz attestieren will. Mit der Folge, dass die Regulierung der Schweizer Börse nicht mehr als gleichwertig mit den Regeln innerhalb der EU eingestuft wird.

Vom Handel ausgesetzt

Die Folgen sind dramatisch, nicht nur für die Aktien von Schweizer Weltkonzernen wie der Lebensmittelhersteller Nestle, der Pharmakonzern Novartis und die Großbank UBS: Sie können nun nicht mehr an der Frankfurter Wertpapierbörse, auf Xetra oder den Regionalbörsen ge- oder verkauft werden. Und auch nicht an anderen EU-Handelsplätzen wie London, Paris oder Mailand. Nicht weniger als 182 Schweizer Aktien sind von dem Handelsstreit betroffen.

Da die Aktien der Schweizer Großkonzerne als stabile Dividendentitel gelten, sind sie auch sehr beliebt. Allein an der Frankfurter Präsenzbörse belief sich das Handelsvolumen mit Schweizer Aktien im vergangenen Jahr auf rund 2,5 Milliarden Euro. Oder knapp 0,2% des gesamten Handelsumsatzes. Anlegern aus den EU-Ländern bleibt damit „nur“ noch übrig, als ihre Handelsgeschäft direkt an der Schweizer Börse Six abzuwickeln.

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Schweizer Börse als Faustpfand

Dabei geht es in Wirklichkeit gar nicht um eine schlechtere Börsenregulierung, die die EU-Kommission  in der Alpenrepublik ausgemacht haben will. Vielmehr betrachtet die EU die Nichtanerkennung der Börsenäquivalenz als politisches Druckmittel. Mit dem Ziel, die Eidgenossen zur Unterschrift unter ein seit November vorliegendes Rahmenabkommen mit der EU zu drängen – mit dem eine Reihe von bilateralen Abkommen abgelöst werden sollen.

Bei diesen Abkommen geht es darum, wie EU-Normen in der Schweiz übernommen oder – Ironie der Geschichte – Konflikte gelöst werden sollen. Während die EU das Abkommen als fertig verhandelt einstuft, sieht die Schweizer Regierung zusätzlichen Klärungsbedarf, etwa in den Bereichen Lohnschutz und staatliche Beihilfen oder im Sozialhilfebezug von der Schweiz arbeitslos gewordene EU-Bürgern. In dieser vertrackten Situation wurde die Schweizer Börse gewissermaßen zum Faustpfand.

Eine Ausdehnung wäre suboptimal

Bleibt zu hoffen, dass die Auswirkungen des Disputs auf die Börse begrenzt bleiben. Sollten sich dagegen die Streitereien auf weitere Bereiche zwischen der Schweiz und der EU ausdehnen, droht eine Eskalationsspirale, die das Verhältnis der Schweiz mit der EU nachhaltig beschädigen könnte.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.