Was der Wirecard Skandal für den Wirtschaftsstandort Deutschland bedeutet

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Wie kann es sein, dass ein Skandal wie bei Wirecard so lange unentdeckt bleibt? Das Unternehmen ist nicht das einzige Beispiel. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Wirecard ist pleite. Gerade einmal eine Woche liegt zwischen der verweigerten Jahresbilanzfreigabe durch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) und der Ankündigung des Unternehmens, Insolvenz zu beantragen.

Es war eine turbulente Woche, in der sich 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanzsumme in Luft auflösten, der langjährige Firmenchef Markus Braun erst zurücktrat und dann verhaftet wurde, und in der sich der Wert der Wirecard Aktie pulverisierte. Von mehr als 100 Euro, die das Papier Anfang vergangener Woche noch wert war, sind nicht einmal mehr 3 Euro übrig.

Totalschaden für Anleger und Investoren, tausende gefährdete Arbeitsplätze und ein verbrannter Firmenname sind die Trümmer, die bereits jetzt ersichtlich sind. Doch der Skandal wirft auch über das Unternehmen hinaus weitere Fragen auf.

Haben die Wirtschaftsprüfer nicht genau hingeschaut?

Immerhin stand Wirecard schon länger im Verdacht, dass mit den Zahlen womöglich etwas nicht stimmen könnte. Die mangelnde Transparenz begründeten die Verantwortlichen häufig mit ihrem komplizierten und international verflochtenen Geschäftsmodell – offenbar war es so kompliziert, dass sie selbst den Überblick verloren haben.

Anders lässt sich kaum nachvollziehen, wie ein Milliardenbetrag, der offenbar nie existierte, in den Bilanzen verbucht werden konnte, ohne dass es jemand bemerkt haben will. Damit rücken aber auch die Wirtschaftsprüfer in den Fokus. Immerhin hatten die Experten von EY die Jahresabschlüsse der vorangegangenen Jahre stets durchgewunken – hatten sie nicht genau genug hingeschaut? Oder womöglich ein Auge zugedrückt, um einen lukrativen Auftrag nicht zu verlieren?

Auch die Bafin, zuständig in Deutschland für die Kontrolle von Geldinstituten, sieht sich mit Fragen konfrontiert. Hätten derartige Diskrepanzen nicht viel früher auffallen müssen?

Sonderschutz für die Dax-Familie?

Es ist nicht das erste Mal, dass private wie auch staatliche Aufseher sich rechtfertigen müssen, weil renommierte Großunternehmen durch Skandale in die Schlagzeilen geraten, die eigentlich gerade durch entsprechende Prüfinstanzen verhindert werden sollten.

Die zahlreichen Verstrickungen der Deutschen Bank in internationale Bankenskandale ist ein solches Beispiel, die systematische Manipulation von Abgaswerten bei Dieselfahrzeuge (nicht nur, aber vor allem) aus dem Hause Volkswagen ein weiteres. Wie kann es sein, dass große Unternehmen – insbesondere diejenigen im Rampenlicht der großen Börsenindizes – anscheinend immer wieder mit solchen Skandalen durchkommen, und diese trotz angeblich engmaschiger Prüfung oftmals erst nach Jahren aufgedeckt werden, häufig sogar eher durch Zufall?

Fest steht, die genannten Konzerne sind politisch bestens vernetzt. Sie pflegen Kontakte zu den entscheidenden Stellen, wissen eine starke Lobby hinter sich oder verweisen schlichtweg auf ihre Systemrelevanz für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Doch gerade dessen Image wackelt gewaltig, je häufiger entsprechende Machenschaften ans Licht kommen. Wirecard ist dabei nur die aktuelle Spitze des Eisbergs.

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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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