Was deutsche Sparer durch die Niedrigzinsen verlieren

Der „Grexit“ scheint vorerst abgewendet. Die Griechen werden weitere Milliardenhilfen bekommen, wenn im Wochenverlauf alle Länder dem Kompromissvorschlag zustimmen. An der Börse ist schon jetzt eine Tendenz erkennbar: Der deutsche Leitindex DAX legte erneut kräftig zu und kletterte auf knapp 11.500 Punkte.

Ich persönlich erwarte nicht, dass der jetzt erzielte Kompromiss 3 Jahre lang hält, aber die Börse ist zufrieden, dass es eine (wenn auch mangelhafte) Lösung gibt. Wird das Programm offiziell abgesegnet, erwarte ich sehr zeitnah einen DAX-Sprung auf 12.000 Punkte.

Eine Folge der Einigung: Der deutsche Steuerzahler wird künftig noch mehr in die Haftung genommen als bisher schon. Doch einen unmittelbaren Mittelabfluss für deutsche Steuerzahler bedeutet dies (noch) nicht.

Dafür fließen unterm Strich anderswo riesige Mittel ab. So kosten die niedrigen Zinsen die deutschen Sparer Jahr für Jahr Milliarden. Brutto beträgt der Effekt entgangener Zinseinnahmen unter Annahme eines um 2% niedrigeren Zinsniveaus (gegenüber dem langfristigen Durchschnitt) in 5 Jahren mehr als 200 Mrd. Euro.

Dies errechnete das Center for Financial Studies (CFS) im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment. Pro Haushalt beträgt der durchschnittliche Verlust auf Sicht von 5 Jahren damit 5.600 Euro. Doch die niedrigen Zinsen bringen auch positive Effekte mit sich.

Netto ist der Verlust deutlich kleiner

Da sich aus dem niedrigen Zinsniveau auch positive Effekte für die Vermögenslage der deutschen Sparer ergeben, haben die Wissenschaftler des CFS auch den Nettovermögenseffekt berechnet.

Bevor ich auf diesen eingehe, möchte ich Ihnen noch kurz einige positive Effekte der Niedrigzinsen vorstellen. Dabei handelt es sich etwa um geringere Kreditzinsen bei der Immobilienfinanzierung, aber auch bei der Finanzierung von Konsumausgaben.

In der Nettobetrachtung reduzieren sich die Einbußen auf Sicht von 5 Jahren, die brutto bei etwa 200 Mrd. Euro liegen, auf „nur“ noch 60 Mrd. Euro. Das ist knapp ein Drittel des Bruttowertes. Pro Haushalt ergibt sich somit ein durchschnittlicher Nettoverlust von 1.586 Euro.

Die Bedeutung dieser Zahlen

Was diese Zahlen für die private Altersvorsorge bedeuten, liegt auf der Hand. Die nominal und real niedrigere Verzinsung sogenannter geldnaher Anlagen führt dazu, dass Sparer heutzutage früher und auch mit einem höheren Betrag anfangen müssen zu sparen, um den gewünschten Lebensstandard im Alter zu erreichen.

Oder aber die Sparer müssen auf andere Anlageformen ausweichen, wie z. B. auf Aktien. Die bringen in der langfristigen Betrachtung einen Wertzuwachs von rund 8% pro Jahr (inklusive der Dividenden).

Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, fordert: „Wenn in einem neuen Umfeld alte Muster nicht mehr greifen, braucht es Veränderungen.“ Doch die Mehrheit der deutschen Sparer bleibt stur und setzt darauf, dass es sich bei den niedrigen Zinsen um ein kurzzeitiges Phänomen handelt.

Das sieht Uwe Walz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt und Leiter der Analyse, allerdings ganz anders. Er erwartet, dass die gegenwärtig niedrigen Zinsen nicht nur ein kurzfristiges, sondern ein potenziell langfristiges Phänomen sein werden.

Der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation, werde sich weiter in einer Spanne von 0 bis 2% bewegen, was weit unter dem Durchschnitt der Nachkriegszeit liege. Für die Altersvorsorge bedeuten diese Zinseffekte zwingend höhere Sparquoten und ein verändertes Anlageverhalten.

Da ich exakt der Meinung von Prof. Walz bin, kann ich Sie abschließend nur dazu ermutigen, die nötigen Konsequenzen aus der aktuellen Niedrigzinsphase zu ziehen: Überprüfen Sie Ihren persönlichen Anlagemix und hinterfragen Sie kritisch, ob die ehemals oft guten Anlagestrategien aktuell noch zum ursprünglichen Ziel passen. Falls nicht, müssen Sie Ihre private Altersvorsorge neu ordnen.

13. Juli 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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