Was in der Handelsstreit-Diskussion übersehen wird

Haben Sie Angst vor einem drohenden Handelskrieg? Wenden Sie besser Ihren gesunden Menschenverstand an! (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Viele Investoren fühlen sich durch den von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelsstreit mit China und der Europäischen Union (EU) massiv verunsichert. Und das ist auch nicht verwunderlich:

Jede weitere Eskalation, insbesondere im Disput mit China, wird von den Medien als möglicher Beginn eines weltweiten Handelskrieges aufgebauscht. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die USA daran nicht wirklich interessiert sind.

Überdies wird gerne übersehen, dass gerade der Handelsstreit zwischen den USA und China sogar vorteilhaft für Europa und insbesondere Deutschland sein kann.

Das uralte Gesetz des Verhandelns

Es ist ein uraltes Gesetz beim (Ver-)Handeln: In aller Regel holt nur die Partei etwas für die eigenen Interessen heraus, die von Beginn hohe Forderungen stellt. Ein harscher Verhandlungston ist dabei geradezu Pflicht.

Genauso verhalten sich die USA. Am Ende wird Trump – so jedenfalls meine Einschätzung – auf diese Weise größere Zugeständnisse im Handel mit China erreichen. Denn: Je größer die drohende Gefahr eines Handelskrieges, umso williger die Bereitschaft der beteiligten Parteien für eine Einigung.

Aus der Geschichte lernen

Doch in dem Disput zwischen China und den USA steckt auch eine gewaltige Chance für Europa und vor allem für Deutschland. Das hat etwas mit der Historie zu tun:

Immer wieder hat es in der Vergangenheit Beispiele dafür gegeben, dass aufstrebende Nationen ihren Aufstieg vor allem durch die wirtschaftliche Fokussierung auf eine bestimmte Region bewerkstelligt haben:

Deutschland beispielsweise legte den Grundstein für seinen heutigen Titel „Exportweltmeister“ nach dem 2. Weltkrieg, indem es seine qualitativ hochwertigen Produkte vor allem auf dem riesigen Markt der USA verkaufte.

Blick zurück

China legte das Fundament für seinen heutigen wirtschaftlichen Status im Jahr 2001: Damals trat das Reich der Mitte der Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organization) bei:

In den darauffolgenden Jahren wuchs die chinesische Wirtschaft mit Raten jenseits von +15% per anno. Seit Beginn dieses Jahrhunderts transformierte sich China von einer Agrar- zu einer Industrienation.

Die 10 Länder mit der höchsten WirtschaftsleistungIm vergangenen Jahrzehnt hat sich die Top 10 der Länder nach Wirtschaftsleistung stark verändert. Wer sind die Auf-, wer die Absteiger? › mehr lesen

Und dabei machte das Reich der Mitte aus seiner Not – Armut, reichlich Arbeitskapazität und niedrige Löhne – eine Tugend: Es mutierte zu einer „Weltmacht der Billigprodukte“.

Dreimal dürfen Sie raten, welches Ziel dabei ins Auge gefasst wurde: Logisch – die USA!

Blick nach vorn

Genau das ist Trump ein Dorn im Auge. Doch auch der US-Präsident dürfte wissen, was in China in den kommenden Jahren ansteht:

Bislang wurden eine Basisindustrie aufgebaut sowie Wohnraum und bessere Lebensumstände für die gigantische Bevölkerung geschaffen. Nun wollen die Chinesen, die sich und ihren Familien eine gesicherte Existenz geschaffen haben, mehr! Und davon gibt es inzwischen reichlich!

Künftig sind qualitativ hochwertige und technologisch weit entwickelte Produkte sowie Dienstleistungen gefragt. Auch die Verbesserung der durch die Industrialisierung verschlechterten Umweltbedingungen – Stichwort: Smog in den Großstädten – werden künftig im Fokus stehen.

Und genau darin liegt eine gewaltige Chance – gerade auch für Europa.

Fazit

Ich vermute, es wird ein wenig dauern, bis diese Erkenntnis bei der Masse der Marktteilnehmer ins Bewusstsein sickert. Sie haben den Vorteil, dieses Wissen schon jetzt zu besitzen! Und noch etwas sollten Sie bedenken:

Das Verhalten der Aktienmärkte zeigt Ihnen eindeutig, dass die Großinvestoren derzeit keine Risiken aufgrund eines drohenden Handelskrieges sehen. Es ist eine Sache der Logik:

Wäre dies der Fall, würden die Technologieaktien der Nasdaq in den zurückliegenden 5 Wochen wohl kaum immer neue Rekordmarken erreicht haben, nicht wahr?


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.