Was Sie über den Geldfluss am Aktienmarkt wissen sollten

So deuten Sie die Geldströme an den Aktienmärkten richtig und zu Ihrem Vorteil. (Foto: welcomia / Shutterstock.com)

Denken Sie über die folgende Frage bitte einen Moment nach, bevor Sie sie für sich beantworten.

Wenn Sie Geld, das bislang als Liquidität auf Ihrem Konto lag, in Aktien investieren – fließt dann in diesem Moment dem Aktienmarkt Kapital zu?

Die Antwort lautet: Nein!

Ich werde Ihnen meine Antwort gleich begründen. Sie werden verstehen, warum die Aussage, dass Geld in den Aktienmarkt hinein oder herausfließt, sachlich falsch ist.

Sie werden überdies erfahren, warum Aktienkurse dennoch steigen oder fallen und warum die Wall Street diesbezüglich derzeit im Vorteil ist.

Kein Mittelzufluss, sondern Besitzerwechsel

Bleiben wir für einen Moment bei dem eingangs genannten Beispiel: Wenn Sie Geld in eine Aktie investieren, also kaufen, dann geht das nur, wenn Sie einen Partner finden, der Ihnen diese Anteile verkauft.

Die Börse spielt dafür lediglich den Vermittler. Dem Aktienmarkt fließt jedoch kein neues Kapital zu. Es findet ausschließlich ein Wechsel der Aktienbesitzer statt.

War 2016 alles noch anders?

Nun können Sie einwenden:

Lieber Herr Sommer, Sie selbst haben doch im Oktober 2016 hier in Chartanalyse-Trends davon berichtet, dass die US-Investmentfondsmanager eine historisch hohe Barmittelquote auf ihren Konten hielten.

Und die Schlussfolgerung lautete, dass die Aktienkurse kräftig steigen würden, wenn diese Liquidität wieder an den Aktienmarkt zurück findet.

Das ist richtig. Und meine Prognose hatte sich ja auch voll erfüllt. Aber es ändert nichts am Prinzip! Auch das von den Fondsmanagern wieder investierte Kapital zog letztlich nur einen Besitzerwechsel nach sich. Allerdings:

Die damals von den Fondmanagern gekauften Aktien wurden von Marktteilnehmern abgegeben, die sich von den damals vorherrschenden negativen Marktkommentaren und Experteneinschätzungen  dazu verleiten ließen, weil sie keine Perspektiven für die Wall Street sahen.

Sie erinnern sich gewiss noch: Seinerzeit wurde eine Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten als verhängnisvoll für den Aktienmarkt eingestuft. Zudem befürchteten die Experten anhaltend negative Auswirkungen des im Juni zuvor beschlossenen Brexits und ansteigender Anleiherenditen.

Wann wirklich Geld in den Aktienmarkt fließt

Doch wenn kein Geld in den Aktienmarkt fließt, wie können die Kurse dann steigen oder sinken?

Klären wir zunächst noch einmal die Frage, WANN denn dem Aktienmarkt überhaupt „frisches“ Kapital zugeführt wird?

Dies geschieht einzig über die Herausgabe neuer Aktien: Entweder in Gestalt von Neuemissionen an der Börse oder durch Kapitalerhöhungen börsennotierter Aktiengesellschaften.

Ohne dies bliebe der Pool an zur Verfügung stehenden Aktien stets unverändert.

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Die Richtung der Geldströme ändert die Kurse

Die Antwort auf die obige Frage lautet:

Kurse steigen oder fallen aufgrund einer Veränderung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage. Das investierte Kapital verteilt sich letztlich nur anders – die Geldströme verändern ihre Richtung:

Die Kurse von Aktien mit einer positiven Perspektive werden durch erhöhte Nachfrage immer weiter nach oben gesteigert – wie bei einer Auktion, in der nur der Meistbietende den Zuschlag erhält.

Deshalb sind Großinvestoren für Sie so wichtig

Und an dieser Stelle kommen wieder die oben erwähnten Fondsmanager ins Spiel: Sie gehören nämlich zu der Kategorie der Großinvestoren. Genauso wie Eigenhandel betreibende Banken, Versicherungen, Vermögensverwaltungen oder sehr vermögende Einzelinvestoren.

Die gute Nachricht für Sie lautet: Es existiert eine Möglichkeit, die Aktivitäten der Großinvestoren nachzuvollziehen! Wenn Sie dies tun, dann offenbart sich Ihnen, in welche Aktien das „Big Money“ investiert – also wohin diese Anlegergruppe ihre Liquidität lenkt!

Diese Aktivitäten offenbart Ihnen das On-Balance-Volumen (OBV): Dieser Indikator verknüpft die täglichen Kursveränderungen mit den dazugehörigen Umsätzen. Das bedeutet:

Wenn Kursanstiege mit hohen Handelsvolumina einhergehen, dann klettert die Kurve des OBV und umgekehrt fällt sie bei Kursrückschlägen:

Im ersten Fall wird die Notierung durch hohe Nachfrage nach oben gesteigert. Bei sinkenden Kursen übersteigt das Angebot die Nachfrage.

Die Liquidität fließt derzeit an die Wall Street

Schauen wir uns das einmal gemeinsam in der nachfolgenden Grafik an. Der OBV-Vergleich von Dow Jones und DAX offenbart Ihnen, in welchen Markt derzeit die Liquidität fließt:

On-Balance-Volumen: Die Liquidität fließt derzeit an die Wall Street

Die Antwort ist eindeutig: Die Wall Street profitiert von einer Richtungsänderung des Geldstromes.

Fazit

Wenn Sie künftig wieder einmal in einem Marktkommentar lesen, dass „Geld in den oder aus dem Aktienmarkt fließt“, dann lächeln sie wissend über die Unwissenheit des Verfassers.

Kursveränderungen an den Aktienmärkten werden nicht dadurch initiiert, dass „frisches Kapital hereinkommt (das geschieht lediglich durch Neuemissionen oder Kapitalerhöhungen), sondern einzig und allein durch einen Richtungswechsel der Geldströme.

Die Charttechnik bietet Ihnen mit dem On-Balance-Volumen die Möglichkeit, diese Geldströme und damit die Operationen der Großinvestoren zu visualisieren.

Aktuell signalisiert Ihnen dieser Großinvestoren-Indikator, dass das „Big Money“ die Wall Street bei ihren Investments bevorzugt.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.