Was Sie unbedingt über das neue US-Notenbank-Programm wissen sollten

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Die US-Notenbank kauft wieder Staatsanleihen. Doch es gibt einen kleinen, aber bedeutsamen Unterschied zu früher. (Foto: Paul Brady Photography / shutterstock.com)

Gewiss erinnern Sie sich noch: Am 2. Oktober 2019 informierte ich Sie mit meinem Beitrag „Kriseln Sie schon wieder?“ (gemeint waren die US-Banken) über einen Vorgang, der von den Verantwortlichen und den Medien – warum wohl? – heruntergespielt wurde:

14 Tage zuvor war es im Interbankenmarkt der USA über Nacht zu einem Liquiditäts-Engpass gekommen. Die FED (Federal Reserve Bank), also die Notenbank der USA, musste „mal eben“ mit einem Betrag in Höhe von 53,2 Mrd. USD „aushelfen“.

Nun kündigte die US-Zentralbank eine schon ab heute greifende neue Maßnahme an, die stark an die früheren „QE-Programme“ erinnert. Die FED will diese Aktivität indes nicht mit den in den Jahren 2009 bis 2014 durchgeführten Maßnahmen verglichen sehen.

Wir dröseln einmal auf, worum es hier im Detail geht.

Wenn Leitzinsen nicht mehr funktionieren, hilft QE

Im Zuge der Finanzkrise stufte die amerikanische Zentralbank den Leitzins, die sogenannte FED Funds Rate, von 5,25% im September 2007 innerhalb von 15 Monaten in 10 Etappen auf 0,25% herunter.

Der Leitzins war bis dahin das vermeintlich mächtigste Instrument einer Notenbank, um die Geldpolitik seines Landes zu steuern. Doch diese Möglichkeit war nun erschöpft.

Daher ersann die FED das Quantitative Easing (QE = Quantitative Lockerung): Die Flutung des US-Geldmarktes mit Liquidität.

4 FED-Maßnahmen zur Stimulierung der US-Wirtschaft

Dazu wurden 4 Maßnahmen durchgeführt:

Quantitative Easing, Stufe 1: Ab Dezember 2008 kaufte die US-Notenbank für 600 Mrd. USD durch Hypotheken gesicherte Wertpapiere (sogenannte Mortgage Backed Securities; MBS) auf.

Im März 2009 wurde das Kaufprogramm um zusätzliche 1.050 Mrd. USD aufgestockt: 750 Mrd. USD zum Erwerb von MBS und 300 Mrd. USD zum Kauf von US-Staatsanleihen. Gesamtsumme: 1.650 Mrd. USD

Quantitative Easing, Stufe 2: Von November 2010 bis Juni 2011 wurden für monatlich 75 Mrd. USD – insgesamt also 600 Mrd. USD – langfristige US-Staatsanleihen vom Markt genommen. Kumulierte Gesamtsumme bis dahin: 2.250 Mrd. USD

Operation Twist: Für 400 Mrd. USD kaufte die FED US-Staatsanleihen mit Laufzeiten von 6 bis 30 Jahren und verkaufte gleichzeitig Anleihen mit einer Laufzeit von weniger als 3 Jahren im gleichen Umfang.

Hier wurde also keine Liquidität ins System gebracht. Vielmehr wurde die durchschnittliche Laufzeit des eigenen Portfolios verlängert (prolongiert). Ziel: Eine Reduzierung der Langfristzinsen, um Kredite tendenziell weiter zu verbilligen. Kumulierte Gesamtsumme: Unverändert 2.250 Mrd. USD

Quantitative Easing, Stufe 3: Von September 2012 bis Oktober 2014 erwarb die FED pro Monat für 40 Mrd. USD hypothekenbesicherte Wertpapiere und für 45 Mrd. USD langfristige US-Staatsanleihen.

Als sozusagen letzte Amtshandlung leitete der damalige Notenbank-Chef Ben Bernanke das QE-Ende ein, indem die Käufe von Januar 2014 bis Oktober 2014 auf monatlich 10 Mrd. USD reduziert wurden. Gesamtsumme: 2.780 Mrd. USD

Zusammengefasst hat die US-Notenbank in diesen knapp 7 Jahren also nicht nur eine quasi Nullzinspolitik betrieben, sondern zusätzlich die Märkte mit rund 5 Billionen US-Dollar (2.250 plus 2.780 Mrd. USD) geflutet.

Worum geht es beim neuen FED-Programm?

Nun will die FED ab heute bis mindestens Februar 2020 für monatlich 60 Mrd. USD erneute Staatspapiere aufkaufen. Diesmal sind jedoch T-Bills, also Treasury-Bills (Schatzanweisungen) das Ziel der Notenbank.

T-Bills sind Staatsanleihen mit Laufzeiten von maximal 1 Jahr (4, 13, 26 und 52 Wochen). Dabei handelt es sich um Nullkupon-Anleihen, also Papiere, die dem Investor keine Verzinsung bringen.

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Der Profit liegt in dem Abschlag (Disagio), zu dem die Schatzanweisungen emittiert werden. Der Anleger erhält bei Fälligkeit 100% des Nominalwertes zurückgezahlt.

Das Ziel ist diesmal ein ganz anderes

Nun erkennen Sie gewiss schon den Zusammenhang und die Begründung, warum die FED ihr neues Kaufprogramm nicht als QE-Maßnahme verstanden haben will:

Die T-Bills gelten aufgrund ihres kurzfristigen Anlage-Horizonts als Geldmarktpapiere. Geldmarkt – Interbankenmarkt:

Hier geht es also NICHT um eine Maßnahme zur Stützung der US-Wirtschaft bzw. der Ankurbelung der Konjunktur, wie mittels der QE-Programme zwischen 2008 und 2014. Vielmehr ist jetzt das eindeutige Ziel, weitere „Störfälle“ im Interbankenmarkt zu vermeiden.

Und das ist auch der Grund, warum sich die Wall Street darüber nach Bekanntgabe der FED-Entscheidung und dem gestern beschriebenen Handelsstreit-Täuschungsmanöver nur wenige Stunden freuen mochte.

Nachtigall, ick hör Dir trapsen!

Kleine Anekdote am Rande: Das neue Kaufprogramm wurde von der FED nicht einmal in einer offiziellen Erklärung verlautbart!

Tatsächlich wurde die Ankündigung von der FED New York, die derartige Programme auch durchführt, via Twitter (!) veröffentlicht.

Nachtigall, ick hör Dir trapsen!

Was das Quantitative Easing tatsächlich bewirkte

Die folgende Grafik zeigt Ihnen, wie sich die oben erwähnten Maßnahmen der US-Notenbank (QE und Operation Twist) seinerzeit auf den Aktienmarkt, hier den Dow Jones ausgewirkt haben.

Auswirkung der QE-Maßnahmen auf den Aktienmarkt 

Sie können sehr gut nachvollziehen, wie sich das Zuschütten der US-Finanzmärkte mit Liquidität auf die Wall Street ausgewirkt hat. Denn:

Ein großer Teil der Liquidität floss nicht – wie eigentlich vorgesehen – in die durch die Finanzkrise schwer angeschlagene Wirtschaft, sondern über die Banken in die Finanzmärkte. Auch die Kreditinstitute waren Teil des FED-Planes:

Die durch die Finanzkrise schwer angeschlagenen Banken konnten sich praktisch zum Nulltarif Geld von der Notenbank besorgen – und das wurde weidlich ausgenutzt.

Fazit

Das neu aufgelegte Programm zum Kauf von T-Bills dient NICHT – wie die seinerzeitigen QE-Maßnahmen – zur Stimulierung der US-Konjunktur, sondern dazu, weitere Liquiditäts-Engpässe zu vermeiden.

Daher fiel die anfängliche Euphorie an der Wall Street auch schnell wieder in sich zusammen. Der Aktienmarkt wird von diesem Programm nicht profitieren. Tatsächlich ist diese Maßnahme in meinen Augen eher ein Anlass zur Sorge.

Denn die US-Notenbank bestätigt damit meine am 2. Oktober geäußerte Befürchtung, dass mehr hinter diesem in den Medien als „einmaliger Zwischenfall“ heruntergespielten Ereignis steckt. Für eine Verharmlosung der Lage spricht auch, dass die amerikanische Zentralbank das Programm nicht offiziell, sondern nur über Twitter ankündigte.

Wäre es tatsächlich ein einmaliger Zwischenfall gewesen, bräuchte die FED ja jetzt wohl nicht mit 5x 60 Mrd. USD = 300 Mrd. USD bis Februar 2020 einzuspringen?


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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