Was wir von Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, lernen können

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Was wir von Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, lernen können: Die Essenz seines letzten Aktionärsbriefs. (Foto: Sundry Photography / shutterstock.com)

Wenn der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Amazon, Jeff Bezos, einen Aktionärsbrief veröffentlicht, sollte man ihn, als lernwilliger Anleger, auch lesen. Denn Bezos hat wichtige Dinge zu sagen. Meist finden sich in ihnen auch einige lehrreiche Worte, die für den eigenen Börsenerfolg hilfreich sind. So auch in der diesjährigen Ausgabe, die der Amazon-Boss in der vergangenen Woche verschickt hat. Im Folgenden habe ich die zentralen Passagen für Sie zusammengefasst.

Verbessertes Kundenerlebnis

Seine erste Aussage lautet, dass Drittverkäufer dem Online-Einzelhändler – wörtlich – „in den Hintern“ treten. Für diese Entwicklung liefert Bezos auch gleich die notwendigen Daten. So sei zwischen 1999 und 2018 der Anteil der Brutto-Warenverkäufe von Drittanbietern – in der Regel kleinen und mittelgroßen Spezialanbietern – von 3% auf 58% angestiegen.

Bezos wäre nicht Bezos, wenn er nicht auch eine Erklärung für diese Entwicklung nachliefern würde. Seiner Meinung nach hat Amazon den unabhängigen Verkäufern selbst geholfen, mit den eigenen Direktverkäufen zu konkurrieren. Dies sei notwendig gewesen, da nur die beiden Programme zusammen das Kauferlebnis für den Kunden optimiert haben. Ohne die Partner wäre Amazon nur eine Website von vielen – auch wenn dies auf Kosten der eigenen Marge geht.

Kultur des Erschaffens

Als zweites Argument führt Bezos die Kultur des Erschaffens an, die für den langfristigen Erfolg von Amazon entscheidend war. Seiner Meinung nach inspiriert Amazon jene neugierigen Menschen, Entdecker und Erfinder, die das besitzen, was Bezos Kundenbesessenheit nennt. Und fügt hinzu, dass Erfolg in der Amazon-Welt bevorzugt durch Iteration entsteht, also durch dauerhaftes Wiederholen: Erfinden, loslegen, neu erfinden, neu starten, überarbeiten, wiederholen. Und wieder von vorne.

In diesem Zusammenhang verweist Bezos auf die hauseigene Cloud-Computing-Abteilung Amazon Web Services, kurz AWS. Vieles, was Amazon im AWS umsetzt, basiert darauf, dass das Unternehmen seinen Kunden zugehört hat.

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Auch Versagen in großem Stil muss erlaubt sein

Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang seine Einstellung zur Fehlerkultur: Wenn das Ausmaß, mit dem Fehler begangen werden, nicht wächst, wird ein Unternehmen sich nicht auch in einem Ausmaß selbst erfinden, das für das Unternehmen tatsächlich spürbar ist. Amazon wird also auch in Zukunft mit neuen Produkten in einem Maßstab experimentieren, der für ein Multimilliarden-Dollar-Unternehmen gerechtfertigt ist.

Nur ein kleiner Spieler im globalen Einzelhandel

Was auch die Neider auf den Plan ruft. Vehement versucht Bezos daher der wachsenden Sorge entgegenzuwirken, dass Amazon auf dem zu einem Handelsmonopolisten sei, der zu mächtig werden könnte. Seinen Berechnungen zufolge repräsentiere Amazon nur einen niedrigen einstelligen Prozentsatz des globalen Einzelhandelsmarktes. Zugleich verweist er darauf, dass es in jedem Land, in dem Amazon tätig ist, viel größere Einzelhändler geben würde. Von monopolistischem Gehabe könne also keine Rede sein.

Herausforderung an den Wettbewerb

Schließlich geht Bezos auch auf die zahlreichen Kritiker ein, die auf das unflexible, anspruchsvolle und stressige Arbeitsumfeld des Unternehmens verweisen. Seiner Meinung nach liegt der Fokus von Amazon auf der Einstellung und Förderung vielseitig talentierter Mitarbeiter, die wie Eigentümer denken und handeln können. Um das zu erreichen, sind hohe Investitionen in die Mitarbeiter notwendig. Er erwähnt, dass der Mindestlohn von 15 US-Dollar pro Stunde für alle Vollzeit-, Teilzeit- und Saisonarbeiter gelte. Auch weist Bezos darauf hin, dass Amazon bis zu 95% der Beiträge und Studiengebühren für qualifizierte Studiengänge bezahlen würde.

Von den Besten lernen

Vor 20 Jahren hat Jeff Bezos seinen ersten Aktionärsbrief verschickt. Damals verkaufte das Startup aus Seattle hauptsächlich Bücher. Bezos nannte es “Tag 1”. Es war der erste Tag für Amazon und einer der ersten Tage des Internets. Doch schon damals betonte Bezos, dass das Unternehmen langfristig und ausschließlich auf seine Kunden ausgerichtet sei. Nicht nur aufgrund der einzigartigen Kursentwicklung der Amazon-Aktie, einem der wertvollsten Titel der Welt, hat Amazon eine Leitfunktion eingenommen. Auch in Bezug auf seine strikte Unternehmensphilosophie sollte uns Bezos als ein Vorbild für alle Vorstände börsennotierter Unternehmen dienen.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.