Wenn Zyklen die Wirtschaft und die Börse erklären

Die Kondratieff-Zyklen: Wenn Zyklen das Börsengeschehen erklären. Ein Rückblick 75 Jahre nach der Ermordung von Nikolai Kondratieff. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

An der Börse gibt es einen schönen Spruch:

Politische Börsen haben kurze Beine! Ob und wie das unklare Ergebnis der Bundestagswahl die Aktienmärkte längerfristig (!) beeinflusst, werden wir erst später erfahren. Zu erwarten ist aus heutiger Sicht in der Euro- und Schuldenkrise eine „Weiter-so-Politik“.

Blicken wir daher auf Ereignisse, die die Börse nachhaltig beeinflussen; also auf die wichtigen Trends und auf die großen Zyklen. Wenn es in der Wirtschaftswelt um Zyklen geht, darf ein Name nicht fehlen: Nikolai Kondratieff.

Kondratieff vor 75 Jahren gestorben 

Vor 75 Jahren erschossen die Kommunisten in Russland den Ökonomen Nicolai Kondratieff, der das Auf und Ab der Wirtschaft anders begründete als die meisten Wirtschaftswissenschaftler vor ihm und auch nach ihm.

Doch wer war Nicolai Kondratieff und warum erschossen ihn die Kommunisten? Nicolai Kondratieff war ein russischer Ökonom, der sich vom Bauernsohn zum Vize-Ernährungsminister hochgearbeitet hatte und nach der Oktoberrevolution in Ungnade fiel.

Er fiel deshalb in Ungnade und wurde später nach 8 Jahren Haft erschossen, weil er die Weltwirtschaftskrise nicht als Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern nur als ein tiefes Tal zwischen zwei Strukturzyklen deutete, was natürlich nicht in ein kommunistisches Weltbild passte.

Die großen Erfindungen prägen die Wirtschaft

Die Ursache für das Auf und Ab der Wirtschaft sah Kondratieff in grundlegenden Erfindungen wie der Dampfmaschine oder der Eisenbahn. Ein aktuelles Beispiel wäre die Informationstechnik.

Seiner Meinung nach haben solche Erfindungen – zusammen mit sozialen Innovationen – den Wohlstand auf ein neues Level emporgehoben, bis diese die Gesellschaft durchdrungen haben.

Dann, so glaubte Kondratieff, treten die Unternehmen auf der Stelle und es lohnt sich nicht mehr, Mitarbeiter zu beschäftigen oder zu investieren. Daraus resultierend würden Verteilungskämpfe um Marktanteile beginnen, bis es zu einer wirtschaftlichen Depression komme.

Eurokrise: Griechen verlieren mehr als ein Drittel ihrer VermögenPositive Schlagzeilen zur wirtschaftlichen Lage in Europa: Selbst dem Krisenland Griechenland wird eine Erholung bescheinigt. › mehr lesen

Die Kondratieff-Zyklen

Kondratieff liefert mit seinen Thesen Erklärungen für tiefe Krisen, wie beispielsweise den 1815 beginnenden Abschwung nach der wirtschaftlichen Boom-Phase seit der Erfindung der Dampfmaschine.

Der zweite Zyklus ist der des Eisenbahnbaus, der 1873 im sogenannten Gründerkrach gipfelte und dadurch einen Abschwung einleitete.

1929 entstand die Weltwirtschaftskrise laut Kondratieff als Endpunkt des Elektrifizierungs-Booms. Der nächste wirtschaftliche Engpass war die Mobilität, die einen Auto-Aufschwung auslöste und 1974 schließlich zu wirtschaftlicher Stagnation führte.

Danach folgte ein weiterer Aufschwung durch neue Informationstechnik in Form der Verbreitung von Computern und IT-Systemen sowie vor allem der Verbreitung des Internets. Diese Aufschwung-Phase erreichte ihren Höhepunkt 2002.

Kondratieffs Erklärung für die Zyklen und vor allem für Krisen

Aus Kondratieffs Sicht gab es vor Krisen in der realen Wirtschaft immer weniger Wirtschaftsbereiche, in die sich rentabel investieren ließ, weil die jeweilige Phase des Aufschwungs ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Daraus resultiert seiner Meinung nach die Tatsache, dass es in der Folge in den Unternehmen einen knapp werdenden Produktionsfaktor gab, der sich nicht so einfach beheben ließ.

Unternehmer versuchten, diese Knappheit zu überwinden, indem Sie sich etwas Neues einfallen ließen. So zum Beispiel die Eisenbahn, um Transportengpässe zu beseitigen. Eine solche Erfindung war stets der Ausgangspunkt einer neuen Aufschwungsphase.

Der nächste Zyklus: Wissen und Wissenstransfer

Die Bereiche Information und Wissen gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Ein effizienterer Wissenstransfer und dadurch auch eine effizientere Zusammenarbeit zwischen den Menschen könnten die nächste große Aufschwung-Phase einleiten – zumindest dann, wenn man den Thesen und der Theorie Kondratieffs folgt.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.