Westwing stürzt nach Umsatzwarnung ab

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Westwing veröffentlicht nur wenige Monate nach dem Börsengang eine Gewinnwarnung. Die Aktie stürzt auf ein Allzeittief ab. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Erst im Oktober hatte ich intensiv in diesem Newsletter vor der Westwing-Aktie gewarnt. Damals stand das Papier noch bei 24 Euro, knapp 10% unter dem Emissionspreis von 26 Euro. Gestern rutschte die Aktie erstmals unter die 10-Euro-Marke. Anleger, die die Aktie zum Börsengang gezeichnet hatten, haben inzwischen zwei Drittel ihres Geldes verloren.

Absturz mit Ansage

Und womit? Mit einem erklärungsbedürftigen Geschäftsmodell. Was aussieht wie „Möbel über das Internet“ wird von Westwing selbst als E-Commerce-Plattform für „Home & Living“ eingestuft, worunter vermutlich Möbel und Wohn-Accessoires verstanden werden. Diese werden den Kunden im Format eines periodisch erscheinenden Magazins angeboten, einer kuratierten Auswahl an Produkten, die das Unternehmen mit kreativen Inhalten kombiniert.

Doch damit nicht genug. Denn an die Börse ist Westwing nicht nur gegangen, um nachvollziehbare Investitionen in die Technologieplattform zu finanzieren. Auch in die „Kundenerfahrung“ wolle man investieren und überdies seine Produkte auch im Ausland anbieten. Dort verfügt man zwar über keinerlei Erfahrungen, was aber solange kein Problem darstellt, wie der Kapitalmarkt für derartige Geschäftsmodelle aufnahmebereit ist. Dies ließ von Anfang an wenig Gutes erahnen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Befürchtungen wurden nicht enttäuscht. Gestern musste Westwing bekannt geben, dass die zum IPO ausgegebenen Planzahlen möglicherweise doch nicht erreicht werden können. Zwar stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt, doch die Formulierung des „Shopping Clubs“, wonach das Umsatzwachstum nach einer Umsatzschrumpfung im ersten Quartal vor allem aus der zweiten Jahreshälfte kommen wird, kam an der Börse nicht gut an.

Mit gutem Grund. Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, muss eine hohe Hürde übersprungen werden. Die Hürde, dass die Alteigentümer über Informationen verfügen, die sie den Neuaktionären bewusst vorenthalten. Und zwar deshalb, weil sie geeignet wären, dass die Neuaktionäre die Aktien des Emissionskandidaten gar nicht erst zeichnen würden. Insbesondere die Finanzprognose des Unternehmens muss dementsprechend mit größter Vorsicht erstellt werden. Ist sie doch die Basis für die von den Konsortialanalysten erstellten Unternehmensbewertung des Börsenneulings.

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Damit ist es wenig verwunderlich, wenn ein Verfehlen der zum Börsengang ausgesprochenen Umsatz- und Ertragsplanungen vom Kapitalmarkt deutlicher abgestraft wird als wenn ein etabliertes Unternehmen eine Gewinnwarnung ausspricht. Dies gilt selbstverständlich auch für Verfehlungen, die ansonsten als geringfügig einzuschätzen sind.

Deutliche Abweichung

Was sie bei Westwing ohnehin nicht sind: Denn wo bislang ein Umsatzwachstum von 13% bis 19% erwartet worden war, rechnet der Vorstand nun mit einem Umsatzwachstum von 6% bis 12%. Wo bislang eine EBITDA-Marge von 0% bis 2% erwartet worden war, wird nun mit einer Bandbreite von -1% bis +1% gerechnet.

Belastet hat dabei insbesondere – wenig verwunderlich – die schwache Entwicklung des internationalen Geschäfts. Ungeachtet dessen hält der Vorstand an seiner Übertragung des Geschäftsmodells auf das europäische Ausland fest. So erklärte der Vorstand in der obligatorischen Ad-hoc-Meldung, dass er zuversichtlich sei, „über die richtige Strategie und das richtige Team“ zu verfügen.

Ob das die Aktionäre auf der Hauptversammlung Ende Mai auch so sehen, bleibt abzuwarten. Bis dahin gibt es für Sie jedenfalls nur wenige Gründe, die auch auf dem gedrückten Kursniveau für einen Kauf der Aktie sprechen.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.