Wie die Volks- und Raiffeisenbanken Ihr Unternehmen durchleuchten

Sind Sie schon Kunde einer Volksbank/Raiffeisenbank? Oder spielen Sie mit dem Gedanken, dorthin zu wechseln? Dann sollten Sie jetzt unbedingt einen Blick hinter die Kulissen der Genossenschaftsbanken werfen.

Denn dort gilt ein neues Ratingsystem – ein neues Verfahren zur Bewertung der Kreditwürdigkeit Ihres Unternehmens also. Wenn Sie sich optimal vorbereiten, haben Sie die besten Chancen auf eine positive Einstufung und damit verbunden: günstige Konditionen für Kredite! Deshalb hier die wichtigsten Eckpunkte im Schnellüberblick.

Die Volks- und Raiffeisenbanken nutzen jeweils ein eigenes Ratingverfahren für 7 Kundengruppen: Privatkunden, Existenzgründer, Banken, staatlicher Sektor, Firmenkunden, Spezialfinanzierungen und Non-Profit-Organisationen. Für Sie entscheidend ist das Verfahren für Firmenkunden.

Firmenkunden unterteilen die Genossenschaftsbanken in zwei Gruppen mit jeweils unterschiedlichem Ratingverfahren:

In beiden Gruppen werden beim Rating quantitative Faktoren (also die „harten“ Fakten und Zahlen über Ihre finanzielle Situation) und qualitative Faktoren (also „weiche“ Faktoren wie Managementqualität, Kontoführung, Transparenz, Marktlage, Planung etc.) bewertet. In Ihre Einstufung fließen die quantitativen zu etwa zwei Dritteln und die qualitativen Faktoren zu etwa einem Drittel ein.

Das neue System kennt insgesamt 25 Einstufungen – bisher gab es nur 6. Sie können eine „Note“ von 1a („sehr gute Bonität“) bis 5e („äußerst kritische Bonität“) bekommen. Schlecht sind Einstufungen ab 4a („ausreichende Bonität“).

Sie bereiten sich auf das Rating optimal vor, indem Sie selbst eine grobe Einstufung nach dem Verfahren der Genossenschaftsbanken vornehmen. Dazu brauchen Sie die Zahlen aus den letzten 3 Abschlüssen und die Durchschnittswerte Ihrer Branche.

Für Unternehmen bis 5 Mio. € Umsatz brauchen Sie die folgenden Kennzahlen: Vermögenslage, Ertragslage, Wertschöpfung, Finanzlage, kurzfristige Verschuldung, Liquiditätslage, Wachstum. Für Unternehmen mit mehr als 5 Mio. € Umsatz sind diese Kennzahlen wichtig: Kapitaldienstfähigkeit, Kapitalstruktur, Vermögensstruktur, Produktivitäten, Ertragslage, dynamische Kennzahlen.

Nutzen Sie die Chance, Ihre Einstufung durch eigene zusätzliche Informationen zu verbessern. Der Kreditberater kann unter Umständen Ihre Ratingnote anheben, wenn Sie positive Fakten oder Zahlen liefern, die beim Standard-Rating nicht abgefragt werden.

  • A: Unternehmen mit bis zu 5 Mio. € Umsatz

  • B: Unternehmen mit 5 bis 500 Mio. € Umsatz

Beim neuen Ratingverfahren differenzieren die Volksbanken/ Raiffeisenbanken stärker als bisher

Eine ins Auge fallende Neuerung beim BVR-II-Ratingsystem ist die von 6 auf 25 Klassen erweiterte Ratingskala, die es den Volks- und Raiffeisenbanken erlaubt, eine wesentlich stärkere Differenzierung bei der Einstufung vorzunehmen, als dies bisher möglich war. (Vergleichen Sie bitte hierzu auch den Beitrag V43 Ihres „Finanzierungs-Berater“ mit ausführlichen Praxisbeispielen.)

Da jeder Ratingklasse die Ausfallwahrscheinlichkeit zugeordnet ist, können Sie anhand Ihrer Einstufung erkennen, mit welcher Ausfallwahrscheinlichkeit die Bank rechnet.

Auf Grund der Vorschriften von Basel II und der „Mindestanforderungen an das Kreditgeschäft“ (MaK) sind die Banken gehalten, ein Risikoklassifizierungsverfahren (Ratingverfahren) einzurichten, das Adressenausfallrisiko zu messen und risikoadäquate Konditionen festzulegen.

Sprechen Sie deshalb unbedingt mit Ihrer Bank über das Ratingergebnis Ihres Unternehmens. Lassen Sie sich die Einstufung sagen und – was noch wichtiger ist – die dazugehörige Ausfallwahrscheinlichkeit.

Anhand der Ausfallwahrscheinlichkeit stellt die Bank fest, mit wie viel Prozent Ausfall an Krediten sie in der jeweiligen Ratingklasse rechnet. Beispiel: In der Ratingklasse 4a rechnen die Volks- und Raiffeisenbanken mit 4 Prozent Ausfall.

Je nach Ratingeinstufung muss Ihre Bank einen unterschiedlich hohen Eigenkapitalanteil für Ihren Kredit unterlegen. Die Quoten schwanken zwischen 1,6 und 12 Prozent, sofern sich die Bank für den modifizierten Standardansatz entscheiden sollte.

Entscheidet sie sich für einen internen Ratingansatz (IRB-Ansatz), weichen die Quoten von denen des Standardansatzes leicht ab.

Auf der folgenden Seite sehen Sie die Ratingskala der Volks- und Raiffeisenbanken beim BVR-II-Rating.

RatingklasseBezeichnungDavon 2003 abziehbar
1asehr gute Bonität0.01%
1bsehr gute Bonität0.02 %
1csehr gute Bonität0.03 %
1dsehr gute Bonität0.04 %
1esehr gute Bonität0.05 %
2agute Bonität0.07 %
2bgute Bonität0.10 %
2cgute Bonität0.15 %
2dgute Bonität0.23 %
2egute Bonität0.35 %
3abefriedigende Bonität0.50 %
3bbefriedigende Bonität0.75 %
3cbefriedigende Bonität1,10 %
3dbefriedigende Bonität1,70 %
3ebefriedigende Bonität2,60 %
4aausreichende Bonität4,00 %
4bausreichende Bonität6,00 %
4ckritische Bonität9,00 %
4dsehr kritische Bonität13,5 %
4eäußerst kritische Bonität20,00 %
5amehr als 90 Tage Überziehung100,00 %
5bEWB100,00 %
5cZinsfreistellung100,00 %
5dInsolvenz100,00 %
5eZwangsweise Abwicklung100,00 %

Ziele der neuen BVR-Ratingsysteme

Bei der Entwicklung der neuen Ratingsysteme standen für die Volksbanken und Raiffeisenbanken folgende Ziele im Vordergrund:

Um ihr Kreditportfolio entsprechend beobachten und gewichten zu können, bilden die Genossenschaftsbanken 7 Gruppen, die sie jeweils einem dafür entwickelten Rating unterziehen.

Für Sie ist die Gruppe 5 „Firmenkunden“ wichtig, die wiederum wie folgt untergliedert ist:

Für größere und für börsennotierte Unternehmen kommt ein noch zu bestimmendes Ratingverfahren für Großkunden zum Einsatz.

  • die frühzeitige Aufdeckung von Schwachstellen beim Kreditnehmer,

  • die Vorhersagegenauigkeit der tatsächlichen (späteren) Entwicklung,

  • die Trennfähigkeit von Note zu Note und damit die statistische Aussagekraft des Kreditportfolios.

  1. Privatkunden

  2. Existenzgründer

  3. Banken

  4. Staatlicher Sektor

  5. Firmenkunden

  6. Spezialfinanzierungen

  7. Non-Profit-Organisationen

  • Gewerbetreibende bis 5 Mio. € Umsatz

  • Oberer Mittelstand (Umsatz von 5 bis 500 Mio. €)

  • Agrarkunden

  • Großkunden

  • Ausländische Kunden

Landwirtschaftliche Betriebe sind auf Grund der hohen staatlichen Subventionen nicht mit den übrigen Firmenkunden vergleichbar und erhalten wie ausländische Kunden ein eigenes Ratingverfahren.

Die Ratingverfahren für bilanzierende Gewerbetreibende (bis 5 Mio. € Umsatz) und für den oberen Mittelstand (von 5 bis 500 Mio. € Umsatz) sind nicht nur als Frühwarnsystem zur Erkennung zukünftiger Verschlechterungen der Kreditnehmerbonität konzipiert, sondern durch die Einbeziehung von Faktoren aus verschiedenen Leistungsbereichen dienen sie vielmehr dazu, den aktuellen Bonitätsstatus des Kreditnehmers darzustellen.

Das BVR-II-Rating setzt sich aus 2 Teilkomponenten, dem quantitativen und dem qualitativen Bereich, zusammen. Gewichtet wird beim Rating für bilanzierende Gewerbetreibende (Umsatz bis 5 Mio. €) mit 60 Prozent (quantitative Faktoren) und 40 Prozent (qualitative Faktoren). Bei Kreditnehmern, die auch ihre privaten Vermögensverhältnisse offen zu legen haben, fließen diese zusätzlich in den quantitativen Block mit ein.

Beim „Rating oberer Mittelstand“ (Umsatz zwischen 5 und 500 Mio. €) wird mit 65 zu 35 Prozent quantitativ zu qualitativ gewichtet. Der Privatbereich bleibt außer Ansatz.

Zusätzlich wurde in beiden Verfahren eine Möglichkeit geschaffen, individuelle Daten, Werte oder Informationen in das Rating mit einzubringen.

Dies ist dann der Fall, wenn der Kreditberater über bonitätsrelevante Informationen verfügt, die nicht in das standardisierte Rating mit einfließen.

Beispiel: Einlagen der Gesellschafter zur Stärkung der Eigenkapitalbasis, die bilanzmäßig noch nicht erfasst sind. Die Bank nennt diese das Rating beeinflussenden Faktoren „Override“. Dadurch kann eine Ratingnote sowohl negativ als auch positiv verändert werden.

Das BVR-II-Rating für bilanzierende Gewerbetreibende bis 5 Mio. € Umsatz

Die quantitativen Erfolgsfaktoren beim Rating für Gewerbetreibende bis 5 Mio. € Umsatz

Der Inhalt in diesem Teilbereich ist ein verdichteter Kennzahlenkatalog, der alle wichtigen Teilbereiche einer betriebswirtschaftlichen Analyse des Jahresabschlusses abdeckt.

Die quantitativen Faktoren dienen dazu, den Jahresabschluss zu bewerten. Im Einzelnen werden beurteilt:

So können Sie eine Selbsteinstufung vornehmen

Da die Volksbanken/Raiffeisenbanken-Organisation, übrigens genauso wie andere Banken, ihre exakten Bewertungskriterien nicht veröffentlicht, haben wir im Folgenden allgemein gültige Quoten für die einzelnen Kennzahlen für Sie zusammengestellt.

Anhand dieser Allgemeinwerte können Sie eine Grobeinstufung Ihres Unternehmens vornehmen und feststellen, ob Sie von Ihrer Volksbank/Raiffeisenbank gut = + mittel = +/– oder schlecht = –

eingestuft werden.

  1. Vermögenslage

  2. Ertragslage

  3. Wertschöpfung

  4. Finanzlage

  5. Kurzfristige Verschuldung

  6. Liquiditätslage

  7. Wachstum

Beachten Sie bitte, dass eine Reihe von Einstufungen branchenbezogen erfolgt. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Branchenverband nach den Durchschnittswerten, damit Sie die Einstufung Ihres Unternehmens vornehmen können.

Die qualitativen Erfolgsfaktoren

Für das Rating werden Daten aus 6 Teilbereichen des Unternehmens erhoben:

Die Analysen von qualitativen Fragen zum Jahresabschluss, zur betriebswirtschaftlichen Auswertung sowie zur Kontoführung zielen darauf ab, die Substanz des Unternehmens (Vermögenslage) und die freien Überschüsse des Kreditnehmers (Ertragsund Finanzkraft) zu beurteilen. Hierbei sind beispielsweise folgende Fragen von Interesse:

  1. BWA

  2. Jahresabschluss

  3. Kontoführung

  4. Markt

  5. Planung

  6. Unternehmensführung/Management

  • Sind stille Reserven im Jahresabschluss vorhanden?

  • Wurden bilanzbeschönigende Maßnahmen in der Jahresabschlussanalyse festgestellt?

  • Ist die Unternehmensleitung in der Lage, auch unterjährig die wirtschaftliche Entwicklung zutreffend darzustellen?

  • Weicht die durchschnittliche Entwicklung des Umsatzes beziehungsweise des Betriebsaufwandes in der BWA wesentlich vom letzten vorliegenden Jahresabschluss ab?

  • Kam es im letzten Jahr zu nicht genehmigten Kontoüberziehungen, zu Scheck- beziehungsweise Lastschriftenrückgaben, zu nicht ausgeführten Überweisungen oder zu Kontopfändungen?

Im Bereich des Marktes geht es um die Frage, ob und wie sich Absatz- und Beschaffungsmärkte sowie die Wettbewerbsposition in Markt und Branche des Kreditnehmers verändern werden. Folgende Fragen werden gestellt:

Welche Entwicklung bezüglich der zukünftigen Substanz und der zukünftigen freien Überschüsse ist vor diesem Hintergrund zu erwarten? Fragen zur Planung sollen dies ermitteln. Hier geht es beispielsweise darum, ob

Letztendlich muss die Frage beantwortet werden, ob das Managementin der Lage ist, die in der Planungdargestellten Zahlen umzusetzen und das Unternehmen sicher in die Zukunft zu führen. Dazu sind u.a. folgende Fragen relevant:

  • Wie ist die Abhängigkeit des Kreditnehmers auf Kundenund Lieferantenseite?

  • Wie ist die Wettbewerbssituation des Unternehmens in Bezug auf seine Konkurrenten?

  • Wie ist die Produktpolitik des Unternehmens ausgestaltet?

  • die Planung eine Szenariobetrachtung beinhaltet,

  • in den Planungen die beantragten oder in Aussicht genommenen Kreditmittel und Investitionen berücksichtigt sind und

  • die Bank einen Einblick in wichtige Unternehmensentscheidungen besitzt.

  • Gibt es in der Geschäftsleitung ausreichend technisches und betriebswirtschaftliches Know-how?

  • Wie viel Erfahrung bringt der Geschäftsführer mit?

  • Besteht eine geeignete Nachfolgeregelung?

  • Hat das Unternehmen eine Kostenstellen- und Kostenartenrechnung?

  • Wie ist das Mahnwesen organisiert?

  • Sind die wesentlichen Risiken über Versicherungen abgedeckt?

  • Werden Absprachen mit der Bank eingehalten?

  • Wie transparent gibt sich das Unternehmen?

Quantitative Erfolgsfaktoren

Beim Rating „oberer Mittelstand“ setzen die Genossenschaftsbanken folgende Kennzahlen ein, die ebenfalls aus den Bilanzwerten ermittelt werden.

Qualitative Erfolgsfaktoren

Die Genossenschaftsbanken bewerten beim Rating „oberer Mittelstand“ folgende Punkte  im Bereich der qualitativen Erfolgsfaktoren. Bereiten Sie sich gründlich auf diese Fragen/Bewertungen vor.

Wenn Sie das Ergebnis Ihrer Selbsteinstufung kennen, sollten Sie mit Ihrer Bank über die von ihr vorgenommene Bewertung sprechen, denn jetzt können Sie das Ratingergebnis der Bank besser nachvollziehen.

Lassen Sie sich Ihre Ratingeinstufung möglichst im Detail erläutern. Prüfen Sie bei der Gelegenheit, ob die Bank Ihrer Ansicht nach eine zutreffende Bewertung vorgenommen hat. Falls nicht, kann dies auch damit zusammenhängen, dass sie nicht über alle Informationen zur „richtigen“ Einstufung verfügte.

Stellen Sie in diesem Fall fehlende Informationen zur Verfügung, damit Sie zu einer besseren Einstufung kommen, die Ihnen auch Konditionenvorteile bringt.

Checkliste: Wie Sie sich auf ein Rating durch die Volksbank/Raiffeisenbank vorbereiten

  • (bis 5 Mio. Umsatz)  Stellen Sie die Werte Ihrer letzten 3 Jahresabschlüsse zusammen, und ermitteln Sie die folgenden Kennzahlen: Vermögenslage Ertragslage Wertschöpfung Finanzlage Kurzfristige Verschuldung Liquiditätslage Wachstum.
  • Interpretieren Sie die Ergebnisse in punkto Kreditkonditionen und Kreditvergabeverhalten.
  • Fragen Sie Ihre Bank, ob auch die privaten Vermögensverhältnisse in das Rating mit einbezogen werden; wenn ja, bereiten Sie sich entsprechend vor.
  • Auf die Fragen aus den folgenden Bereichen sollten Sie auf jeden Fall bei Ihrem nächsten Bankgespräch Antworten parat haben: BWA Jahresabschluss Kontoführung Markt Planung Unternehmensführung/Management
  • Stellen Sie dem Kreditsachbearbeiter Ihre individuellen Daten und Werte dar, damit er von seinem Recht zum „Override“ Gebrauch machen kann.

28. Februar 2003

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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