Wie eine absurde Idee plötzlich an Fahrt gewinnt

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Die Diskussion um die Enteignung von Deutsche Wohnen wird immer heftiger. Die Aktie von Deutsche Wohnen verliert deutlich an Wert. (Foto: hanohiki/Shutterstock)

Was vor einigen Monaten als Spinnerei weniger Aktivisten begonnen hat, wird zunehmend auch unter Politikern, Anlegern und Verfassungsrechtsexperten diskutiert. Dürfen Wohnimmobilien-Konzerne wie Deutsche Wohnen oder Vonovia enteignet werden?

Nur 20.000 Unterschriften nötig

In Berlin scheint die Antwort eindeutig zu sein. Dort demonstrierten am vergangenen Wochenende zehntausende Menschen gegen den „Mietenwahnsinn in der Hauptstadt“. Und starteten eine Unterschriftenaktion, mit der ein Volksbegehren auf den Weg gebracht werden soll. Das Motto der Aktion: „Spekulationen bekämpfen – Deutsche Wohnen & Co. enteignen“. Nach dem Willen der Initiatoren soll der Berliner Senat aufgefordert werden, ein Gesetz zur Überführung von Immobilien sowie Grund und Boden in Gemeineigentum zum Zwecke der Vergesellschaftung nach Art. 15 des Grundgesetzes zu erarbeiten.

Rund 112.000 Wohnungen, zwei Drittel ihrer 167.000 Wohnungen, besitzt die Deutsche Wohnen im Großraum Berlin. Dort also, wo Enteignungen drohen. Doch will sich das im MDAX notierte Unternehmen den Heimatmarkt nicht schlecht machen lassen. “Enteignung schafft derzeit viele Emotionen, aber keine einzige Wohnung”, erklärte Vorstandschef Michael Zahn kürzlich bei der Vorlage der Bilanz.

Juristisches Neuland

Dies scheint die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen nicht davon abzuhalten, drei Verfassungsrechtler um eine erste Einschätzung zu beten. Schließlich hat es noch nie eine Enteignung von Wohnraum auf der Grundlage von Art. 15 des Grundgesetzes gegeben. Juristische Literatur sucht man vergebens. Expertenrat ist gefragt.

Den meisten von Ihnen dürfte das Bonmot: „Frage drei Experten und du erhältst vier verschiedene Antworten“ bekannt sein. Daher muss es für einen Aktionär erschrecken, dass die drei Gutachten, die der Senat in Auftrag gegeben hat, zum selben Ergebnis. Zwar wird auf die ebenfalls im Grundgesetz geregelte Eigentumsgarantie verwiesen, jedoch ist es aus Sicht der Verfassungsrechtler durchaus möglich, auch Wohnimmobilien gemäß Art. 15 GG in eine gemeinschaftliche, nicht-gewinnorientierte Form zu überführen. Erforderlich hierfür wäre lediglich ein formelles Gesetz, für dessen Erlass das Land Berlin zuständig wäre.

Vorstand räumt Fehler ein

Die diese Enteignung auslösende Entschädigung an die Wohnungsunternehmen könnte, und das muss jeden Deutsche Wohnen-Aktionär aufhorchen lassen, auch deutlich unter dem Verkehrswert der Immobilien liegen. Für die Festlegung der Entschädigung reiche es offenbar aus, nur die nach dem Mietspiegel zulässigen Mieten heranzuziehen – die deutlich unter den von Deutsche Wohnen vereinnahmten Quadratmetermieten liegen.

Was inzwischen auch die Deutsche Wohnen als echte Bedrohung einzuschätzen scheint. Doch die Reaktion macht einen etwas hilflosen Eindruck. So hat der Vorstandschef der Deutsche Wohnen am vergangenen Wochenende in einem Zeitungsartikel eingeräumt, zu wenig mit den Mietern und mit der Öffentlichkeit gesprochen zu haben. Und angekündigt, dass sich das Unternehmen in der Außenwahrnehmung in den kommenden Jahren verändern wolle. Ob dies ausreicht, die aufgebrachten Mieter zu besänftigen?

Enteignung unter Marktwert möglich

Die absurde Debatte, ob Enteignungen das richtige Mittel sind, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist inzwischen völlig eskaliert – und wird längst nicht mehr allein auf der Straße geführt. Auch in den Börsensälen sorgt sie bereits für reflexartige Schnappatmung: Die Aktie von Deutsche Wohnen verlor in den vergangenen beiden Wochen knapp 10 Prozent an Wert und droht nun, die charttechnische Marke von 40 Euro zu durchbrechen. Gleichzeitig hat der DAX knapp 5 Prozent zugelegt, was das Ausmaß des Kursrückgangs nochmals verschärft.

Einmal mehr zeigt sich, dass Unsicherheit Gift ist für Aktien. Egal, wie absurd sie auf den ersten Blick zu sein scheint.

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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.

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