Wie geht es Großbritannien nach dem Brexit?

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Der Brexit ist vollzogen, jetzt zeigen sich die Folgeschäden. Immer stärkere Fliehkräfte drohen, das Vereinigte Königreich zu zerreißen. (Foto: JMiks / shutterstock.com)

Gut 100 Tage nach dem Ende der Übergangsfrist und dem finalen Vollzug des Brexits durch den Ausstieg Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt steht das Königreich vor erheblichen Herausforderungen. Das hat auch, aber nicht nur mit dem Brexit zu tun.

Johnson derzeit gestärkt

Politisch sitzt Boris Johnson derzeit wieder fester im Sattel. Vor einem halben Jahr hatte es noch so ausgesehen, als würde sich der Premierminister nicht mehr lange im Amt halten können. Zu oft hatte er im Kontext der Brexit-Verhandlungen seine vollmundigen Versprechen brechen müssen, zu sehr hatte er die Pandemie vernachlässigt. Großbritannien ist nach wie vor das Land in Europa, das mit Abstand die meisten Corona-Toten zu beklagen hat. Der Premier selbst erkrankte ebenfalls und verbrachte einige Tage in intensivmedizinischer Behandlung.

Doch dann folgte die Kehrtwende. Pünktlich zu Weihnachten präsentierte Johnson doch noch ein Austrittsabkommen mit der EU, mit AstraZeneca zählt ein teils britisches Unternehmen zu den wenigen Anbietern eines zugelassenen Impfstoffs gegen Covid-19. Dank rigoroser Beschaffungspolitik, Exportverbote inklusive, hat Johnson die Impfkampagne in seinem Land in den vergangenen Monaten enorm vorangetrieben. Beim Impfen sind die Briten deutlich schneller und deutlich weiter als die 27 EU-Staaten, die nach wie vor um die korrekten Verteilungsschlüssel ringen, von Lieferengpässen stärker betroffen sind und auch ansonsten in bürokratischem Kleinklein versinken.

Wie vereinigt ist das Königreich noch?

Der britische Erfolg kontrastiert zum europäischen Misserfolg ist aus Sicht der Brexit-Befürworter eine hübsche Geschichte, um zu unterstreichen, weswegen die britische Eigenständigkeit in ihren Augen der beste zu wählende Weg für das Vereinigte Königreich war.

Doch wie vereinigt ist das Königreich wirklich noch? Die Fliehkräfte werden stärker. Besonders deutlich zeigt sich das dieser Tage in Nordirland, wo unter anderem in Belfast die Proteste zunehmend eskalieren. Protestantische Unionisten und katholische Nationalisten stehen sich gegenüber, es ist also gerade jenes Szenario wieder aufgeflammt, das man in den jahrelangen Verhandlungen hatte vermeiden wollen. Doch am Ende gab es keine elegante Lösung für das Nordirland-Problem, das vor allem ein geographisches ist.

Eine harte Grenze auf der irischen Insel war zu vermeiden, so lautete die Handlungsmaxime während der Gespräche zum Brexit-Abkommen. Doch die Alternative, die künstliche Verlagerung der EU-Außengrenze in die irische See, kommt in Nordirland nicht gut an. Die sich nach London orientierenden Unionisten sehen eine ungewollte Sonderstellung gegenüber anderen Briten, weil sie beim Wechsel auf die Hauptinsel nun mit stärkeren Kontrollen zu rechnen haben. Zudem sind sie zutiefst gekränkt, da Johnson immer wieder öffentlich betont hatte, er werde unter keinen Umständen eine Spaltung des britischen Königreichs akzeptieren, doch genau das ist letztendlich geschehen durch die neu geschaffene Seegrenze.

Strebt Schottland nach Unabhängigkeit?

Doch nicht nur in Nordirland flammen alte Konflikte neu auf. Auch in Schottland, wo in wenigen Wochen ein neues Parlament gewählt wird, werden die Stimmen der Separatisten wieder lauter. Kurz vor dem Brexit-Votum von 2016 hatten die Schotten in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abgestimmt. Damals votierte eine Mehrheit für den Verbleib im Königreich – doch mit dem Brexit-Beschluss kippte die Stimmung. Sollten aus den Parlamentswahlen jene Parteien, die eine Unabhängigkeit Schottlands befürworten, besonders gestärkt hervorgehen, wird man das in London kaum ignorieren können.

Zwar wäre eine schottische Loslösung ein erhebliches ökonomisches Wagnis, das wohl kaum einfacher zu bewältigen wäre als der Brexit, doch der Ausstieg aus der EU hat bereits gezeigt, dass es bei einer solchen Volksabstimmung weniger um wirtschaftlich-rationale Überlegungen geht, sondern vielmehr die Gefühlslage entscheidend ist – tendiert die subjektive Identität der Schotten stärker zu den Briten oder zur EU? Daran könnte sich die Frage am Ende entscheiden.

Selbst die Monarchie gerät unter Druck

Eine das Königreich bislang einende Kraft steht derzeit zudem massiv unter Druck. Das britische Königshaus steckt in der Krise. Der Tod von Prinz Philipp vor wenigen Tagen hat der Öffentlichkeit noch einmal vor Augen geführt, dass auch die Royals nicht unsterblich sind. Früher oder später wird die Queen ihm unweigerlich folgen. Was dann aus der Krone wird und ob die Monarchie als integrierendes Element des verbliebenen Empires weiterhin funktionieren wird, ist kaum absehbar.

Klar ist schon jetzt: Nicht nur die Monarchie, sondern die Queen selbst ist eine Institution. Seit Jahrzehnten hat sie als Oberhaupt Regierungschefs aus aller Welt empfangen, Premierminister kommen und gehen, aufsteigen und scheitern sehen. Von ihrem Privatleben drang nur Handverlesenes nach außen – ganz im Gegensatz zum Thronfolger Prinz Charles, der mit Diana und Camilla in den 90er Jahren für Schlagzeilen sorgte. Auch seine Söhne William und Harry stehen mit ihren jeweiligen Ehefrauen im Rampenlicht der Klatschpresse. Ohne Elizabeth II. wird sich am Hof also aller Voraussicht nach eine Menge verändern – und auch diese Veränderung kann die Fliehkräfte, die das Königreich zu zerreißen drohen, noch einmal verstärken.

„Little England“ statt „Global Britain“?

Hinzu kommen die wirtschaftlichen Langzeitschäden, die der Brexit nach sich zieht. Im ersten Quartal melden rund 40 Prozent der britischen Exporteure einen Umsatzrückgang. Das ist nicht nur ein Negativrekord, sondern vor allem bemerkenswert angesichts der ohnehin schon schwachen Vorquartale sowie der parallel wieder anziehenden globalen Konjunkturentwicklung.

In London spricht man von „Kinderkrankheiten“, also Anfangsschwierigkeiten in der Übergangsphase kurz nach dem Vollzug des Brexits, doch Experten warnen vor strukturellen Problemen, die sich nachhaltig und langfristig negativ auf die britische Wirtschaft auswirken dürften.

Vom Anspruch eines „Global Britain“, wie es die Brexiteers gerne postulierten, ist Großbritannien dreieinhalb Monate nach dem finalen EU-Austritt jedenfalls ziemlich weit entfernt. Der Trend weist bislang eher in die entgegengesetzte Richtung: Dann könnte am Ende lediglich „Little England“ übrigbleiben.

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Brexit: Johnson will den harten CutDer „harte Brexit“ galt lange als Schreckgespenst, jetzt ist er die angestrebte Lösung in London. Johnson macht Lagerpolitik. › mehr lesen


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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