Wie lässt sich Wohlstand messen?

Liebe Leser, kurz vor Jahresende häufen sich die Prognosen. Alle, die vorgeben, etwas über den Verlauf der Zukunft sagen zu […] (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Liebe Leser,

kurz vor Jahresende häufen sich die Prognosen. Alle, die vorgeben, etwas über den Verlauf der Zukunft sagen zu können, beglücken uns mit ihren Vorhersagen, so auch ein Wirtschaftsforschungsinstitut nach dem anderen. Doch der genaue Inhalt der Prognosen soll nicht Gegenstand dieses Artikels sein. Wir wollen jetzt nicht diskutieren ob die Ansicht von Institut X, es werde vielleicht 1,5% Wachstum geben, mehr Substanz hat als die Meinung von Institut Y, es werden nur 1,2% sein. Uns soll hier der Hintergrund der Prognosen interessieren und ob diese Zahlen etwas tatsächlich über den möglichen Zuwachs an Wohlstand in der Gesellschaft aussagen oder nicht?

Kritik am BIP

Klassischerweise verwendet man in der Ökonomie das Bruttoinlandsprodukt – oder kurz BIP – als Wohlstandsmessgerät. Laut Lehrbuch misst das BIP “die Gesamtheit aller mit Marktpreisen bewerteten Güter und Dienstleistungen, die von einer Volkswirtschaft jährlich erbracht werden”.  Das Statistische Bundesamt, das neuerdings „destatis“ heißt, nennt uns die Zahlen vierteljährlich. Demnach, so die letzte Meldung, holt die deutsche Wirtschaft weiter auf: Um 0,7% sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – preis-, saison- und kalenderbereinigt – im dritten Quartal 2010 höher als im zweiten Quartal gewesen. Anfang Januar 2011 werden erstmals Ergebnisse für das Jahr 2010 bekannt gegeben.

Das BIP ist eine Momentaufnahme und es bezieht sich immer auf die Vergangenheit. Es als alleinigen Indikator für den Fortschritt einer Gesellschaft zu Grunde zu legen, ist in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten. Wohlstand so heißt es, sei mehr als nur der Output an Gütern und Dienstleistungen. Prominenteste Vorreiter dieser These in jüngster Zeit Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und sein Kollege Amartaya Sen. Wohlstand, so die Auffassung in aller Kürze, umfasse nicht nur die rein wirtschaftlichen Faktoren wie Einkommen und Produktion, sondern auch Umweltqualität, Freizeit, Wohnumfeld, Bildungsmöglichkeiten etc. Umgekehrt schlagen Reparaturleistungen wie die Beseitigung von Umweltschäden in der herkömmlichen Wirtschaftsrechnung positiv zu Buche, denn es werden ja Leistungen erbracht, die sich in Heller und Pfennig messen lassen.

Glück – ein individuelles Gefühl oder ein gesellschaftlicher Zustand?

Darin liegt auch der Knackpunkt der ganzen Theorie: Wie genau lässt sich das individuelle Glücksgefühl nach dem Motto „es geht mir gut“ erfassen? Wie kann ich einen breiter gefassten Wohlstandsbegriff messen? Damit schlagen sich die Forscher jetzt herum. Es gibt zwar einzelne Indikatoren wie Kriminalitätsraten, Pisaergebnisse etc, doch die Gesamtschau fehlt noch. Das soll jetzt anders werden.

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In Frankreich hat eine Kommission kürzlich einen 300-seitigen Bericht vorgelegt, die Europäische Kommission will bis 2012 neue Maße präsentieren, und das Fortschrittsprojekt der OECD wird Ende des Monats ein Handbuch der Fortschrittsmessung veröffentlichen. Das Thema ist nicht unumstritten. Das Statistische Bundesamt selbst verteidigt sein BIP, es sei der einzige neutrale und vergleichbare Indikator, doch auch beim BIP hat man irgendwann festgelegt, was erfasst wird und was nicht. So sind zum Beispiel ehrenamtliche Tätigkeiten und die Hausarbeit nicht im BIP enthalten. Wird ja nicht direkt bezahlt, obwohl es sich um Leistungen handelt.

Ansätze der neuen Wohlstandsmessung

Wie also nicht monetäre Leistungen messen? Erste Ansätze gibt es schon lange. Wir schauen wieder beim Statistischen Bundesamt nach. Neben den Konjunkturindikatoren (BIP, Preise etc.) finden wir hier Strukturindikatoren (Bevölkerung, Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Soziales) und Nachhaltigkeitsindikatoren.

Wenn Sie sich die Strukturindikatoren anschauen wollen, es gibt einen sehr netten interaktiven Atlas auf der Website des Statistischen Bundesamts, dort können sich Landkarten anzeigen lassen, die Sie über Bevölkerungsdichte, die Zahl der Krankenhausbetten oder ähnliches in Deutschland aufklären. Im Indikatorenbericht zur nachhaltigen Entwicklung lässt sich nachlesen, wie der Energieverbrauch sich entwickelt hat, wie hoch die Schadstoffbelastung der Luft ist und wie hoch der Anteil der Ganztagsbetreuung in den einzelnen Regionen ist.

Es kann also nicht daran liegen, dass es nicht genügend Indikatoren gäbe, mit der sich Wohlstand messen ließe. Wohlgemerkt, Wohlstand, der über eine rein ökonomische Betrachtung hinausgeht. Doch die Entwicklung neuer Wohlstandsindikatoren ist ein Politikum. Wer bestimmt, was reinkommt in den neuen Superindikator und was nicht? Da werden noch viele Konferenzen gehalten werden und viele Studien erscheinen.

Susanne Schmitt

Redaktionsteam Privatfinanz-Letter


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