Windeln.de: Ein Unternehmen wickelt sich ab

Der Kapitalmarkt scheint nicht mehr bereit zu sein, die Verluste von windeln.de zu finanzieren. Nun werden die Filetstücke verkauft. (Foto: Hadrian / Shutterstock.com)

Für die einen eine Rückbesinnung auf die Kernkompetenzen, für die anderen die vorzeitige Abwicklung der Geschäftstätigkeit: Unstrittig ist nur, dass die Aktivitäten des Vorstands von windeln.de für deren Webseiten-Betreuer zu schnell gehen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich auf der Webseite des Unternehmens unverändert Aussagen wie „Mit der Übernahme von Feedo … ist der Grundstein für eine europäische Expansion in Osteuropa gelegt worden“ wiederfinden, während ebendiese osteuropäische Tochtergesellschaft bereits verkauft wurde?

Massive Kapitalvernichtung

Doch das ist eines der geringeren Probleme des Unternehmens, das sich selbst als einen der führenden Onlinehändler für Baby- und Kinderprodukte in Europa ansieht. Gravierender ist das schon, dass windeln.de nicht in der Lage ist, sein Geschäftsmodell profitabel zu betreiben. Nicht nur, dass das Unternehmen in jedem einzelnen Jahr nach dem Börsengang einen operativen Verlust erwirtschaftet hat, schlimmer noch: Die Verluste haben sich in jedem Jahr spürbar ausgeweitet.

In Summe haben sich in den letzten drei Jahren Verluste von knapp 100 Mio. Euro aufgetürmt, mehr als der Börsengang nach Abzug der üppigen Banken- und Beraterhonorare eingebracht hat. Und offensichtlich gehen die liquiden Mittel, die nach dem Börsengang 2015 prall gefüllt waren, nun zur Neige.

Mit gravierenden Folgen. Dass die erst 2015 für einen zweistelligen Millionenbetrag erworbene osteuropäische Tochtergesellschaft Feedo nun zu einem vermutlich deutlich niedrigeren Preis abgestoßen wird, verschafft dem Unternehmen nur kurzfristig Luft. Nachhaltig besser wird die Lage dadurch aber nicht, denn auch die deutsche Landesgesellschaft dürfte defizitär sein. 

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Verluste sollten die Aktionäre tragen

Dies zeigt den Geburtsfehler des Windelunternehmens. Anstatt erst die deutsche Landesgesellschaft in die Gewinnzone zu führen und mit den dadurch vereinnahmten Geldern die internationale Expansion zu finanzieren, hat das Unternehmen zunächst Niederlassungen in mehreren europäischen Ländern gegründet, deren Verluste über den Kapitalmarkt refinanziert werden sollten. Nachdem bislang keine Region auch nur ansatzweise profitabel wurde und der Aktienkurs seit dem Börsengang im Jahr 2015 mehr als 90% verloren hat, steht dieser essenzielle Strategiebaustein nun nicht mehr zur Verfügung.

Auch das einstmals hochkarätige Emissionskonsortium scheint die Lust verloren zu haben, das Unternehmen auf der Suche nach dem „Proof of Concept“ weiterhin zu unterstützen. Zu keinem der beim Börsengang beteiligten Banken finden sich auf der Homepage aktuelle Research-Berichte.

Wer will schon Amazon als Wettbewerber?

Dies macht deutlich, dass ein derart spitzes Geschäftsmodell nur dann eine Existenzberechtigung an der Börse hat, wenn es auch profitabel ist. Umsätze um jeden Preis zu erzielen und die Gewinnzone auf einen ominösen Zeitpunkt in der Zukunft zu vertrösten, mag zur Technologieblase um die Jahrtausendwende kurzzeitig funktioniert haben, heute aber nicht mehr. Vor allem, wenn über allem der Online-Gigant Amazon schwebt, der just zum IPO der windeln.de-Aktie seine Preise für Windeln um 20 % reduzierte.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.