Wirecard: Kursziel 0 Euro

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

Stand heute ist davon auszugehen, dass die Wirecard-Aktionäre am Ende leer ausgehen werden. Dennoch legte die Aktie heute deutlich zu. (Foto: obs/Wirecard AG/Paul Blind)

Das Trauerspiel im deutschen Leitindex DAX hat heute ein weiteres Kapitel erlebt. Die skandalträchtige Wirecard-Aktie konnte am ersten Handelstag der neuen Woche um über 100% zulegen. Doch ein nachhaltiges Comeback halte ich für ausgeschlossen. Mein Kursziel bleibt bei 0 Euro. Der Insolvenzantrag in Kombination mit einem riesigen Schuldenberg lässt nur diesen einen Schluss zu.

Der Wirecard-Skandal hat in den vergangenen Tagen den deutschen Aktienmarkt erschüttert. Zum ersten Mal in der über 30-jährigen DAX-Geschichte stellte ein DAX-Unternehmen einen Insolvenzantrag.

Dieses Drama kennt fast nur Verlierer: die Wirecard-Aktionäre, die Deutsche Börse, die Finanzaufsicht, die Wirtschaftsprüfer von EY und die Aktienkultur. Auch der Wirtschaftsstandort Deutschland leidet. Wir schaffen es nicht, neben SAP einen zweiten globalen Technologie-Konzern aufzubauen.

Ich habe mir die Wirecard-Aktie in den vergangenen Jahren dutzendfach angesehen. Letztendlich hat mein Bauchgefühl immer gegen einen Wirecard-Einstieg gesprochen. Die Bilanz war zu kompliziert und die Wachstumsraten waren zu schön. Ich hatte das Gefühl, dass Wirecard etwas nachhilft, aber wenn es stimmt, dass große Teile der Bilanz einfach nur erfunden wurden, ist das auch für mich ein Schock! Was hat der Wirtschaftsprüfer in den vergangenen Jahren geprüft?

Der Fall Wirecard ist ein Nackenschlag für den deutschen Aktienmarkt. Betrug gibt es jedoch in allen Anlageklassen. Schrott-Immobilien, Gold, das plötzlich verschwindet, Genussscheine, die über Nacht platzen. Ich gehe sogar so weit: Da Aktiengesellschaften alle 3 Monate Zahlen veröffentlichen müssen, gibt es hier relativ wenige Betrugsfälle.

Der Fall Wirecard zeigt aber, dass Börsenaufsicht, Finanzaufsicht und die Bilanzprüfung reformiert werden müssen. Auch das Regelwerk, das über eine DAX-Zugehörigkeit entscheidet, muss meines Erachtens angepasst werden.

DAX-Regelwerk sollte angepasst werden

Während Wirecard nach dem Insolvenzantrag bereits aus einigen Indizes ausgeschlossen worden ist bzw. ausgeschlossen wird (darunter der Stoxx Europe 600), würde das Unternehmen stand heute bis zur nächsten planmäßigen Überprüfung im September im DAX bleiben. Das ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Deutsche Börse, als Betreiber des DAX und der anderen wichtigen deutschen Indizes, scheint sich aber in dieser Sache zu bewegen. Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich in den letzten Tagen gelitten, erklärte der Börsenbetreiber am Montag.

Und weiter: Deshalb haben wir uns entschlossen, die Regelwerke unter Einbindung der Regulatoren und die Regeln für die Zugehörigkeit zur DAX-Familie einer vertieften Prüfung zu unterziehen und zu überarbeiten. Mal schauen, wie schnell sich die Deutsche Börse in dieser Sache bewegt. Ich hoffe, dass Wirecard nicht bis September DAX-Mitglied bleibt.

Meine Einschätzung zu Wirecard

Am vergangenen Donnerstag teilte Wirecard mit, dass man beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt habe. Weiterhin teilte das Unternehmen mit, dass mit der Stellung des Insolvenzantrags das Geschäft von Wirecard fortgesetzt werde.

Darüber hinaus meldete Wirecard am Wochenende, dass der Vorstand des Unternehmens der Meinung sei, dass eine Fortführung im besten Interesse der Gläubiger ist. Heute zog der Kurs der Wirecard-Aktie als Reaktion auf diese Aussage deutlich an. Die Aktie ging mit +155% aus dem Xetra-Handel.

Mein Rat an Sie: Seien sich sehr vorsichtig mit der Aktie! Am Ende dürften die Aktionäre wie im Grunde bei jeder Insolvenz leer ausgehen. Im Falle einer Insolvenz werden immer die Gläubiger (also die Fremdkapitalgeber) zuerst bedient. Als Aktionär sind Sie Eigenkapitalgeber und werden nachrangig behandelt. Auch der Vorstand hat am Wochenende die Gläubiger erwähnt, nicht die Aktionäre.

Was viele übersehen: Wirecard hat aus heutiger Sicht rund 4 Mrd. Euro Schulden. Stand jetzt sehe ich nicht, wie auch nur die Fremdkapitalgeber (Banken, Besitzer der Anleihen) ansatzweise komplett bedient werden können. Für die Aktionäre bleibt dann eine Nullrunde.

Wirecard RED – obs Wirecard AG Paul Blind

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Rolf Morrien
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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